Frühchen: Darmkeim-Infizierung im Herzzentrum

Astrid Goldmayer

Totes Frühchen infizierte sich im Herzzentrum mit Darmkeim: Gesundheitssenator kritisiert die schlechte Kommunikation zwischen den Kliniken Charité und Herzzentrum

26.10.2012

Wie das Berliner Gesundheitsamt mitteilt, hat sich das am 5. Oktober verstorbene Frühchen nicht wie zuvor angenommen in der Charité mit dem Darmkeim angesteckt sondern im benachbarten Herzzentrum. Ein Krisenstab soll jetzt für Aufklärung sorgen. Möglicherweise soll die Leiche des verstorbenen Kindes für eine Obduktion exhumiert werden.

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Keimbelastung in Charité und Herzzentrum wird zur sich „ausweitenden Krise"
Nachdem am 5. Oktober ein Neugeborenes in der Berliner Charité an einer Infektion mit sogenannten Serratien-Keimen, Darm-Bakterien, gestorben war, hat die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen. Wie es zu der Infektion der inzwischen 22 betroffen Babys kommen konnte, ist noch immer nicht aufgeklärt.

Während zunächst davon ausgegangen wurde, dass sich das verstorbene Baby auf der Frühchenstation der Charité angesteckt hat, soll das Kind tatsächlich keimfrei gewesen sein, als es von der Uniklinik ins Herzzentrum verlegt wurde. Das teilte das Bezirksamt Berlin-Mitte am Freitag mit. Anke Elvers-Schreiber, Leiterin des Gesundheitsamtes Mitte, berichtete, dass Baby zwar zuvor in der Charité mit den Darm-Keimen infiziert war, jedoch erfolgreich behandelt wurde, so dass das Kind keimfrei an das Herzzentrum zur Behandlung seines Herzfehlers übergeben wurde. Insgesamt hätten sich vier Kinder im Herzzentrum mit dem Erreger infiziert. Eine Infektion mit Serratien-Keimen ist vor allem für Menschen mit geschwächtem Immunsystem wie Frühchen gefährlich.

Noch zwei Stationen der Charité mit Darm-Keim belastet
Karl Schenkel, Leiter der Hygiene- und Umweltmedizin im Bezirk Mitte berichtete von drei betroffenen Stationen in der Geburtsklinik der Charité und zwei am Herzzentrum, wobei eine Geburtsstation bereits seit Dienstag wieder keimfrei sein soll. „Auf den beiden betroffenen Stationen werden insgesamt noch sechs erkrankte Kinder antibiotisch behandelt“, heißt es in der aktuellen Pressemitteilung der Charité. „Die Therapie schlägt bei allen Patienten gut an. Die Infektionszeichen sind weiterhin rückläufig.“ Derzeit stünden noch sieben Kinder unter intensiver Beobachtung.

„Auf der Neugeborenenintensivstation am Campus Charité Mitte gibt es keine Versorgungseinschränkungen. Reguläre Entbindungen ab der 36. Woche sind sowohl am Campus Virchow-Klinikum als auch am Campus Charité Mitte möglich“, heißt es weiter in der Mitteilung der Charité, nachdem ein Aufnahmestopp für die betroffenen Stationen veranlasst worden war.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung
Bislang ist noch unklar, wann es zum Ausbruch des Darm-Keimes im Herzzentrum kam. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung. Beweise wurden sowohl in der Charité als auch im Herzzentrum gesammelt. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf den Zeitraum von September bis heute, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mit. Möglicherweise werde das verstorbene und bereits beerdigte Kind für eine Obduktion exhumiert. Ein externer Gerichtsmediziner müsse die Sachlage gründlich prüfen und dann entscheiden, ob eine Obduktion sinnvoll sei. Die Ermittler hatten erst am Mittwoch Kenntnis darüber erhalten, dass das Baby bereits beerdigt war.

Heftige Kritik am Krisenmanagement der Charité
Nachdem das Krisenmanagement der Charité im Zusammenhang mit den Darmkeim-Infektionen heftig kritisiert wurde, sollen Vertreter der Uniklinik und des Herzzentrums unter der Leitung der Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) für Aufklärung sorgen. Zuvor hatte es zahlreiche Informationspannen im Uniklinikum gegeben, das zu Scheers Verantwortungsbereich gehört. Mario Czaja (CDU), Berlins Gesundheitssenator, erklärte am Donnerstag im Abgeordnetenhaus, das sich das Team am Freitag treffen würde und eine bessere Kommunikation zwischen den Einrichtungen gewährleisten solle. Czaja erklärte im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“: „In den letzten Tagen hat sich gezeigt, dass die Kommunikationspolitik der Charité mangelhaft ist. In der Öffentlichkeit und vor allem bei den Angehörigen der kleinen Patienten hat dies unnötig zu Verunsicherung geführt. Ich erwarte von der Charité in Fragen der Kommunikation künftig mehr Professionalität. Hier zeigt sich, dass Nachtjustierungen erforderlich sind.“ (ag)