Frühchen Frieda ist quicklebendig und kerngesund

Astrid Goldmayer

Europas jüngstes Frühchen ist eine medizinische Sensation

18.05.2012

Am 7. November 2010 kam die kleine Frieda viel zu früh auf die Welt. In der 21 Schwangerschaftswoche, mit einer Körpergröße von 26 cm und einem Gewicht von 460 Gramm, gaben ihr die Ärzte kaum eine Überlebenschance. Doch dank des medizinischen Fortschritt ist das inzwischen 18 Monate alte Mädchen kerngesund und quicklebendig. Die Fachgesellschaft für Neugeborenen-Medizin in Lübeck spricht von einer „Sensation“, denn europaweit ist kein Fall bekannt, in dem ein so junges Frühchen überlebt hätte. Reinald Repp, Chef der Kinderklinik am Klinikum Fulda, und Friedas Mutter Yvonne berichten gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“ von der positiven Entwicklung des Mädchens.

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Zwillingsbruder von Frühchen Frieda starb an einer Herzschwäche
Eine Schwangerschaft dauert im Normalfall 40 Wochen. Dass die kleine Frieda nach nur gut der Hälfte der Zeit im Mutterleib als jüngstes Frühchen Europas überlebt hat, grenzt an ein medizinisches Wunder. Zwillingsbruder Kilian überstand ebenfalls die schwere Geburt, starb jedoch sechs Wochen später an einer Leistungsschwäche des Herzens. Mutter Yvonne berichtet, dass eine falsche gynäkologische Beratung wegen eines Polypen zu den folgenschweren Komplikationen in der Schwangerschaft geführt habe. „Dass es Frieda dennoch gepackt hat, ist ein Verdienst des großartigen Teams im Klinikum Fulda“, fügt sie hinzu. Die Statistiken belegen, dass am Klinikum Fula überdurchschnittliche Erfolge bei der Behandlung von Frühgeburten erzielt werden. Reinald Repp, Chef der Kinderklinik des Krankenhauses, sieht einen wesentlichen Grund im medizinischen Wandel: „Noch vor fünf Jahren hätte ein Frühchen in dem Stadium keine Chance gehabt.“ Es würden steig Fortschritte bei der Beatmung, Ernährung und der medikamentösen Therapie von Frühchen gemacht. In Fulda haben Frühgeburten mit einem Gewicht unter 500 Gramm inzwischen Überlebenschancen von 60 bis 65 Prozent.

Die Überlebenschance von Frühchen hängt zudem stark von ihrem Geburtsgewicht und dem allgemeinem Gesundheitszustand ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein zu früh geborenes Kind heute in Deutschland überlebt, ist größer denn je. Aber je kleiner und jünger die Frühchen sind, desto größer ist die Gefahr für bleibende und schwere Schädigungen, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Einer Langzeitstudie zufolge werden etwa bei einem Drittel der Frühgeburten Entwicklungsdefizite festgestellt. 16 Prozent sind schwerbehindert.

Friedas Arzt ist mit ihrer Entwicklung zufrieden
18 Monate nach ihrer dramatischen Geburt ist Repp mit der Entwicklung der kleinen Frieda zufrieden. Mutter Yvonne berichtet: „Frieda geht es gut. Sie lacht viel und ist ein Sonnenschein.“ Sie sei tapfer und lerne schnell. Obwohl das Mädchen, nachdem es mit nur 26 Zentimetern Körpergröße und einem Gewicht von 460 Gramm geboren wurde, schon viel aufgeholt hat, hängt es in seiner Entwicklung im Vergleich zu Gleichaltrigen, die nicht zu früh zur Welt kamen, immer noch hinterher. „Sie hat Essprobleme, ist etwas wählerisch“, erklärt die Mutter.

Inzwischen ist Frieda 72 Zentimeter groß und wiegt 6,3 Kilogramm. Das Mädchen macht einen fidelen, aufgeweckten Eindruck. „Sie scheint geistig und motorisch ordentlich entwickelt und ist kerngesund. Auch ihre Augenprobleme haben wir in den Griff bekommen. Die Kleine scheint sehr pfiffig zu sein und Zusammenhänge schnell zu erkennen“, sagt Repp. Dennoch bleibt Friedas Mutter besorgt. Obwohl inzwischen Normalität im Familienleben eingekehrt sei, habe die Mutter die schwere Zeit, in der das Mädchen um sein Leben gekämpft habe, noch nicht verdaut. „Die Angst um Frieda ist immer noch groß. Man ist ständig in Hab-Acht-Stellung. Ich kriege irgendwie den Frühchen-Schalter nicht umgelegt“, berichtet sie. „Fotos der ersten Wochen schaue ich ganz selten an. Es kratzt an meinem Ego, dass ich Frieda das alles nicht ersparen konnte, dass sie soviel durchmachen musste.“

Ob Frieda später einmal ein normal entwickeltes, gesundes Kind sein wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Rein statistisch bestehen Risiken für Hyperaktivität, verminderte Aufmerksamkeitsfähigkeit oder Essstörungen. Friedas Familie will sich nicht entmutigen lassen und der Zukunft positiv entgegensehen. Zunächst will die Mutter die dreijährige Elternzeit nutzen, um sich voll und ganz auf Frieda zu konzentrieren. „Und dann planen wir noch ein Geschwisterchen für Frieda“, sagt sie. Es bestehe für sie kein erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt bei weiteren Schwangerschaften.

Alarmierender Frühgeborene-Report der Vereinten Nationen
Während die Überlebenschancen von Frühgeborenen in Deutschland aufgrund der guten medizinischen Versorgung und des stetigen Fortschritts in diesem Bereich sehr gut sind, sieht es in vielen anderen Ländern wesentlich dramatischer aus. Laut dem ersten Frühgeborene-Report der Vereinten Nationen (UN) sterben weltweit jedes Jahr rund eine Million Frühchen. Generell sei eine Zunahme bei den Frühgeburten zu verzeichnen. Das gelte sowohl für Entwicklungsländer, als auch für Industrienationen.

Die Folgen einer Frühgeburt sind äußerst unterschiedlich – je nachdem wo das Kind geboren wird. Christopher Howson von der Hilfsorganisation March of Dimes erklärt, dass eine dramatische Lücke zwischen Entwicklungsländern und Industrienationen bestehe. Epidemiologin Joy Lawn berichtet, dass Kinder, die über 25 Wochen im Mutterleib waren, in den Industrienationen eine 50 prozentige Überlebenschance hätten, während Kinder, die in Afrika oder Südasien etwa um die 30. Schwangerschaftswoche, also nur acht Wochen zu früh geboren werden, ein viel höheres Risiko hätten zu sterben. (ag)