FSME: Deutschland-Karte zeigt hohes Zecken-Risiko

Sebastian

FSME durch Zecken: Verdopplung der Hirnhautentzündungen 2011

Die Zecken-Saison ist im vollem Gange. Durch einen Zeckenbiss können gefährliche Infektionskrankheiten übertragen werden, bei gestochene Patienten in lebensgefährliche Situationen geraten können. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ist die Zahl der Hirnhautentzündungen im letzten Jahr wieder angestiegen. Eine vom Institut veröffentlichte Deutschland-Karte zeigt, in welchen Gegenden besondere Vorsicht geboten ist. Eine Studie soll nun klären, warum vor allem der Süden der Republik besonders betroffen ist. Dennoch: In Panik sollte niemand verfallen, längst nicht jede Zecke überträgt schwere Erkrankungen. Wer sich im Vorfeld gut schützt, ist auf der sicheren Seite.

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Hirnhautentzündungen durch Zecken verdoppelt
Nach Auswertungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin ist die Zahl der durch Zecken hervorgerufenen Hirnhautentzündungen in Deutschland gestiegen. Dem Institut wurden im Jahre 2011 insgesamt 423 Patientenfälle gemeldet, die durch einen Zeckenbiss eine Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) erlitten. „Dies entsprach einem deutlichen Anstieg gegenüber dem Vorjahr (260 FSME-Erkrankungen) um 63 Prozent“, wie das RKI in einer Stellungnahme berichtet. „Mit Ausnahme der Jahre 2005 und 2006, in denen mit 432 bzw. 546 Fallen ebenfalls ein starker Anstieg verzeichnet wurde, lag die jährlich übermittelte Zahl der FSME Patientenfälle in den Jahren 2002 bis 2010 auf relativ stabilem Niveau mit einer Spanne von 239 bis 313“, so ein Sprecher. Die virale Infektionskrankheit verursacht bei den Betroffenen Symptome, die einer saisonalen Grippe ähnelt, weshalb in einigen Fällen die Erkrankung erst spät erkannt wird. Die Patienten leiden in Folge an Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und gelegentlich auch auch an einer Meningoenzephalitis, bei der sich Entzündungen im Gehirn und an den Hirnhäuten bilden. Viele Menschen verspüren aber auch keine Anzeichen und bekommen von der Krankheit nichts mit.

Zecken-Atlas zeigt Gefahrenherde
Das RKI hat im Zuge der Untersuchungen einen Zecken-Atlas veröffentlicht, auf dem Ärzte und Interessierte die potentielle „Zecken-Gefahr“ erkennen können. Deutschlandweit sind demnach rund 140 Städte und Regionen betroffen. Im Vergleich zu den letzten Jahren sind die Städtekreise Ulm (Baden-Württemberg), der Kreis Kempten (Bayern) und der Saar-Pfalz-Kreis neu hinzugekommen. Somit existiert erstmals auch ein Warnhinweis für eine Region im Saarland. Auffällig bleibt, dass vor allem der Süden von Deutschland von einer relativen Zecken-Gefahr betroffen ist. Laut RKI sind besonders viele Zecken in Wiesen, Parkanlagen und Wäldern in den Bundesländern Bayern, Südhessen, Baden-Württemberg und Thüringen vorhanden. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Zecken in den anderen Bundesländern gibt. Jedoch: „Bundesländer, in denen bisher keine FSME-Erkrankungen erworben wurden: Berlin, Bremen, Hamburg.“

Bild: RKI


Unklar bleibt, warum sich im letzten Jahr die Erkrankungsrate mehr als verdoppelt hat. Anhand der Daten ist aber erkennbar, dass immer mal wieder die Zahl der Infektionen ansteigt, wie eine Sprecherin des RKI betonte. Die Gründe hierfür seien sehr unterschiedlich und teilweise noch nicht ausreichend erforscht. Die Analysen zeigen aber, dass sich die Infekte durch Zecken in Deutschland nicht räumlich ausdehne. Dafür sei aber die Zahl der FSME Erkrankungen in den Risikogebieten gestiegen. Die Sprecherin wies daraufhin, dass im Jahre 2006 insgesamt 546 Infektionen dem RKI gemeldet wurden. Im darauffolgenden Jahr ist die Infektionsrate wieder auf 239 Betroffene gesunken.

Vorbeugung das beste Mittel gegen Infektionen
Es gibt viele Möglichkeiten, sich vor Zeckenbissen zu schützen. Die konventionelle Medizin empfiehlt, sich mindestens in den Risikobehafteten Gebieten impfen zu lassen. Das gelte auch für Personen, die vor haben, einen Urlaub in der Region zu verleben. Die Impfung wird in drei einzelnen Dosen verabreicht. Alle drei bis fünf Jahre muss dann der Impfschutz erneuert werden. In den gefährdeten Gebieten übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die präventive Behandlung. In der Naturheilkunde setzen Therapeuten eher auf Lotionen die Öle aus Anis, Lavendel, Teebaum, Rosmarin oder Citronella enthalten, wie die Heilpraktiker Jochen Stein berichtet. Diese Stoffe würden die Blutsauger irritieren und vertreiben. Nachteil der Lotionen sei, dass diese immer wieder stündlich aufgetragen werden müssen, damit die Wirkung erhalten bliebe. Zur Prävention sei zudem ratsam, nicht barfuß in Wiesen zu laufen und möglichst geschlossene Kleidung zu tragen, damit Zecken keine freie Haut vorfinden.

Das RKI betont, dass auch in den Regionen, die nicht explizit als Risikobehaftet angesehen werden, Zecken ihr Unwesen treiben. „Infektionen können auch dort nicht ausgeschlossen werden“, so das Institut. Vielmehr sei wahrscheinlich, dass der Virus auch in den westlichen, nördlichen und östlichen Ländern latent vorhanden sei, wo dieser noch vor 20 bis 30 Jahren verbreitet war.

Klimatischer Wandel könnte ursächlich sein
Einige Forscher vermuten, dass der mögliche Anstieg im Zusammenhang mit dem Klimawandel steht. Dieser Frage geht derzeit das Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) nach. Die Wissenschaftler untersuchen, wie sich die Insekten in unterschiedlichen Klimaverhältnissen entwickeln. Im Auftrag des Umweltbundesamtes analysieren die Experten seit 2008 Zecken Habitate auf Wiesen und Waldorten in insgesamt sieben Bundesländern. Für die Ermittlung der Daten werden die Boden- und Lufttemperaturen gemessen und in welchen Populationen die Zecken in welchen Flächen vorhanden sind. Das Projekt ist eine Langzeitstudie, weil die Zählung der Insekten einige Jahre in Anspruch nimmt. Erst nach einer gewissen Zeit können gesicherte Angaben über Verbreitung und Auftreten gemacht werden.

Nicht jede Zecke ein Überträgertier
Viele Menschen gehen davon aus, dass jede Zecke einen Virus in sich trägt. Das sei aber falsch, wie Stein erklärte. „Nur jede Hundertste Zecke überträgt eine Borreliose“. Gestützt wird die Aussage auch durch die Stiftung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, dass eine Zecke eine Krankheit überträgt, aber die meisten Stiche sind „bis auf eine Wundstelle eher harmlos“, so das IQWIG. Bei den FSME Viren sieht das Bild ähnlich aus. Die Viren kommen auch in den Risikogebieten nicht überall in gleicher Häufigkeit vor, so das RKI. Die sogenannten Naturherden sind sehr klein und die Ausbreitung ist nur schwer ermittelbar, da extrem viele Zecken hierfür untersucht werden müssten.

Christine Klaus, Wissenschaftlerin am FLI in Jena hofft hingegen auf eine schnellere Erkenntnis. Die Forscher untersuchen momentan Tiere wie Ziegen, Kühe und Schafe, um Naturherde eingrenzen zu können. In manchen Blutproben konnten die Experten Antikörper gegen die Viren feststellen. In Bayern zum Beispiel war die Zahl der Antikörper in Pferdeherden sehr hoch. So könnten eventuell Rückschlüsse auf „das Vorhandensein von FSME-Viren in ihrem Umfeld“ gezogen werden, so Klaus.

Borreliose durch Zeckenbisse
Zecken können neben der Hirnhautentzündung auch Borreliose auslösen. Das gilt nicht nur für die genannten Risikobehafteten Regionen sondern für den gesamten Raum Deutschlands. Die Gesundheitsbehörden berichten von 8000 Patienten im letzten Jahr, wobei nur sieben Bundesländer eine Meldepflicht eingerichtet haben und somit die Zahl der Betroffenen mindestens doppelt so hoch sein dürfte. Die Borreliose ist im Gegensatz zur FSME eine bakterielle Infektionskrankheit. Die Keime können grundsätzlich alle Organe im Körper befallen. Meist leiden die Patienten an Nervenleiden gepaart mit Schwindel oder Gelenkbeschwerden. Neben den Zecken wird die Infektion auch durch Stichen von Mücken oder Pferdebremsen verursacht. Einige Betroffene leiden auch an Herzrasen und Herzschmerzen, die meist durch Gefäßentzündungen hervorgerufen werden.

Anders als bei der FSME existiert gegen die Borreliose keine Impfmöglichkeit. Wer infiziert wurde, wird mit Antibiotika behandelt. „Der beste Schutz ist das abendliche Absuchen nach Zecken“, sagt Stein. Wird das Insekt frühzeitig erkannt, sinkt auch die Gefahr einer Erkrankung, da erst mit einer ausreichenden Zahl an abgesonderten Bakterien ein Krankheitsausbruch möglich wird. „Beliebte Stellen für Zeckenbisse sind die Leisten, Achseln, Kniekehlen und Kopf“, so Stein. Nach einem Spaziergang im Grünen sollten Kinder und Erwachsene duschen und dabei den Körper vorsichtig abtasten. Wird eine Zecke gefunden, sollte diese mit einer Zeckenzange oder Pinzette entfernt werden. Wer sich dabei unsicher fühlt, kann auch einen Hausarzt zu Rate ziehen. (sb)