Ganzkörper-CT kann Überlebensrate steigern

Nina Reese

Durchführung von Ganzkörper-CTs im Schockraum steigert die Überlebenschance

25.07.2013

Wer nach einem Unfall in die Notaufnahme eingeliefert wird, ist normalerweise auf schnelle Hilfe angewiesen, gerade bei Schwerverletzten darf keine Zeit verloren werden. Doch trotz aller Hektik im Schockraum scheint die Durchführung von Ganzkörper-CTs eine sinnvolle Maßnahme zu sein. So kommt eine Studie der Technischen Universität München zu dem Ergebnis, dass eine solche Untersuchung für eine deutliche Steigerung der Überlebenschancen sorgen kann.

Reibungsloser Ablauf in Schockraum unabdingbar
Sobald ein Patient in den Schockraum eines Krankenhauses eingeliefert worden ist, geht es für ein Team aus Ärzten, Pflegefachkräften sowie Experten der Radiologie darum, den Verletzten oder sogar in Lebensgefahr schwebenden Patienten zu stabilisieren beziehungsweise die Vitalfunktionen wiederherzustellen. Darüber hinaus können auch lebensrettende Operationen durchgeführt werden, bevor dann nach der Erstversorgung die Verlegung auf die Intensivstation oder in den OP-Saal für weitere Operationen erfolgt. Dabei sind sämtliche Abläufe und Aufgabenbereiche zuvor genau geplant und festgelegt – was für einen reibungslosen Ablauf in einer solchen Stress-Situation unverzichtbar ist.

Mit Hilfe von Ganzkörper-CT Blutungen lokalisieren und präzise behandeln
Im Schockraum zählt jede Minute. Nun haben Wissenschaftler vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München eine Auswertung des „Traumaregisters“ der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie vorgenommen (DGU) und dabei interessante Erkenntnisse gewonnen. Demnach sollten Mediziner bei der Erstversorgung von verletzten Patienten insbesondere den Ganzkörper-CT einsetzen – denn eine solche Aufnahme erhöhe die Überlebenschance deutlich. Der Grund: Mit Hilfe der Computertomografie könnten beispielsweise stark blutende Verletzungen exakt lokalisiert und präzise behandelt werden, so die Wissenschaftler um den Unfallchirurgen Stefan Huber-Wagner im Fachmagazin „Plos One“.

Überlebenschancen durch Ganzkörper-CT um mehr als 25 Prozent höher
Demnach konnten die Forscher anhand der Auswertung der Daten erstmals aufzeigen, dass selbst die Überlebenschancen von Schwerstverletzten durch ein Ganzkörper-CT um mehr als 25 Prozent höher waren. Entsprechend könnten auch Personen mit instabilem Kreislauf von dem Verfahren profitieren, denn darauf war in schweren Fällen bisher meist verzichtet worden, um keine Zeit bis zur Not-Operation zu verlieren.

Vorteil für Patienten ohne Kreislaufschock bereits belegt
Im Rahmen ihrer Studie hatten die Wissenschaftler die Daten von 16.719 schwerstverletzten Patienten aus Kliniken in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien und Slowenien untersucht. Die Forscher verglichen zum einen die erwartete und die tatsächliche Sterblichkeitsrate von Patienten, die ein Ganzkörper-CT erhalten hatten sowie die Sterblichkeitsraten von Personen, bei denen das Verfahren nicht angewendet worden war. Dabei differenzierten die Wissenschaftler zudem in Patienten mit schwerem Kreislaufschock, mit moderatem Kreislaufschock und Patienten ohne Schock, wobei für die dritte Gruppe der Vorteil einer CT-Aufnahme bereits in Studien belegt worden war.

Auswertung zeigt Vorteile der Ganzkörper-Computertomographie
Anders sah dies bislang bei Patienten der anderen beiden Gruppen aus, denn hier galt weitgehend medizinischer Konsens, dass Röntgenaufnahmen von Brustkorb, Becken und Halswirbelsäule, eine Ultraschalluntersuchung des Bauches sowie eine klinische Untersuchung ausreichen würden. Doch es scheint sich in vielen Fällen offenbar anders zu verhalten: So wurde bei 9.233 Patienten (55 Prozent) nach der Einlieferung in die Klinik eine Untersuchung mittels Ganzkörper-CT durchgeführt, wobei diese im Schnitt drei bis sechs Minuten gedauert hatte. Das Ergebnis: „Basierend auf der Analyse von 16.719 Patienten, zeigten diejenigen, die während der Schockraumversorgung mittels Ganzkörper-CT untersucht worden waren, eine signifikant bessere Überlebensrate im Vergleich zu denen, die kein Ganzkörper-CT erhalten hatten“, so die Mitglieder der Forschungsgruppe „Polytrauma“ im Magazin „Plos One“. Darüber hinaus habe sich durch die Studie gezeigt, „dass der Vorteil einer Ganzkörper-Computertomographie während der frühen Reanimation bei Patienten mit mittelschweren und schweren Kreislaufschocks ähnlich war im Vergleich zu denen ohne Kreislaufschock“, so die Forscher weiter.

Zeitliche Investition offenbar ohne negative Wirkung
Die „verlorene“ Zeit, die das Verfahren in Anspruch genommen hatte, wirkte sich dabei offenbar nicht negativ aus: „Wenn wir dank der Untersuchung das komplette Verletzungsmuster des Patienten kennen, können wir viel zielgerichteter therapieren", so Dr. Stefan Huber-Wagner gegenüber „Spiegel Online“. Darüber hinaus könnten auch Verletzungen, die für den instabilen Kreislauf verantwortlich sind, schnell erkannt werden – allerdings sei es in jedem Fall im Anschluss wichtig, schnell einen sinnvollen Therapieplan zu erstellen.

DGU fordert 24-Stunden-Verfügbarkeit einer Ganzkörper-CT in Schockraumnähe
Nichtsdestotrotz raten die Forscher zur Vorsicht, denn ihrer Ansicht nach sollten nur die Behandlungszentren Ganzkörper-CTs bei Personen mit instabilem Kreislauf durchführen, in denen eine adäquate technische Ausrüstung und entsprechend spezialisiertes Personal vorhanden sind. Andernfalls könne eine solche Behandlung laut Huber-Wagner tatsächlich gefährlich werden. Dementsprechend geht der Experte davon aus, dass Schockräume zukünftig mehr und mehr mit immer leistungsfähigeren Computertomografen ausgestattet werden. Damit würde auch dem Anliegen der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie entsprochen – denn laut Huber-Wagner wird „bereits heute im Rahmen der durch die DGU initiierten Traumanetzwerkbildung für ein überregionales bzw. regionales Traumazentrum die 24-Stunden-Verfügbarkeit einer Ganzkörper-Computertomographie in Schockraumnähe gefordert.“ (nr)

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