Gefährliche Überreaktionen: Die Sperma-Allergie gibt es tatsächlich

Eine Sperma-Allergie ist kein medizinischer Mythos, sondern kommt in seltenen Fällen tatsächlich vor. Sie kann Frauen und Männer gleichermaßen betreffen. (Bild: nerthuz/fotolia.com)
Nina Reese
Juckreiz nach dem Sex kann auf Allergie gegen Sperma hinweisen
Eine Allergie gegen Sperma? Was für die meisten Menschen wohl eher nach einem schlechten Witz klingt, gibt es tatsächlich. Bei den Betroffenen treten dabei nach dem Hautkontakt mit Sperma allergische Symptome wie Hautrötungen und juckender Hautausschlag auf. Diese Form der Überreaktion des Immunsystems ist zwar selten, sollte aber keinesfalls unterschätzt werden. Denn wird die Sperma-Allergie nicht behandelt, kann das gefährliche Folgen haben. Hilfe kann eine Desensibilisierung bieten, zudem vermindert die Nutzung von Kondomen den Kontakt mit Sperma und damit die Beschwerden.

Sperma-Allergie ist kein Mythos
Eine Sperma-Allergie ist weder ein Mythos, noch ein blöder Witz oder eine Ausrede; es gibt sie tatsächlich. „Leider“, meint der Hautarzt und Allergologe Professor Dr. Johannes Ring. „Auch wenn das erstmal exotisch klingt, Betroffene finden das überhaupt nicht lustig“, so der Experte in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa. Professor Ring hat am Universitätsklinikum der Technischen Universität München zu den Hintergründen der extrem seltenen Allergie geforscht und Patientinnen behandelt. Es kann aber auch Männer treffen.

Eine Sperma-Allergie ist kein medizinischer Mythos, sondern kommt in seltenen Fällen tatsächlich vor. Sie kann Frauen und Männer gleichermaßen betreffen. (Bild: nerthuz/fotolia.com)
Eine Sperma-Allergie ist kein medizinischer Mythos, sondern kommt in seltenen Fällen tatsächlich vor. Sie kann Frauen und Männer gleichermaßen betreffen. (Bild: nerthuz/fotolia.com)

Betroffene können im Ernstfall das Bewusstsein verlieren
Wenn es beim Sex zu Jucken im Intimbereich kommt, kann eine Sperma-Allergie der Auslöser sein. Dann kann es beim Kontakt von Samenflüssigkeit mit der Haut zu Schwellungen und Rötungen, Quaddel-Bildung und Ausschlag am ganzen Körper kommen. Wenn sie stärker ausgeprägt ist, bleibt es nicht dabei. „Parallel zu diesen Hauterscheinungen kann es zu Atemnot oder Übelkeit kommen sowie zur Beteiligung des Herz-Kreislauf-Systems mit Herzklopfen, Blutdruckabfall bis hin zur Ohnmacht und zum Bewusstseinsverlust. Im schlimmsten Fall kann ein tödlicher anaphylaktischer Schock eintreten“, erklärte Professor Ring vor Jahren gegenüber „MeinAllergiePortal“. „Im Grunde sind das relativ typische allergische Symptome“, so der Spezialist laut dpa. Allerdings sollten Frauenärzte wissen, dass es diese besondere Form der Allergie gibt.

Wechsel des Sexualpartners hilft Betroffenen nicht
Menschen mit einer Sperma-Allergie reagieren nicht auf das Sperma selbst, sondern allein auf die Flüssigkeit, die Spermien enthält – das sogenannte Seminalplasma. Im Prinzip verhält sich das Immunsystem des Körpers wie bei Heuschnupfen: Es wertet einen bestimmten, im Grunde genommen harmlosen Stoff als Krankheitserreger und löst daraufhin eine heftige Abwehrreaktion aus. Bei einer Pollenallergie sind es bestimmte Eiweiße von Blütenpollen, die für die Überreaktion sorgen. Bei der Sperma-Allergie war der Auslöser lange Zeit unbekannt. Doch einem Team um Professor Ring gelang es vor einigen Jahren, ihn zu bestimmen: Es handelt sich dabei um ein Eiweiß, das sogenannte Prostataspezifische Antigen (PSA). Da dieses Protein in der Prostata produziert wird und sich in jedem Mann findet, hilft Betroffenen auch kein anderer Sexualpartner. „Die Allergie ist nicht partnerspezifisch“, so der Professor. Sie ist eine äußerst seltene Reaktion des Immunsystems.

Weltweit nur rund 100 Fälle bekannt
Den Angaben zufolge sind in der Fachliteratur weltweit nur rund 100 Fälle dieser Allergie beschrieben. „Daten aus den USA gehen von rund 20.000 bis 40.000 Betroffenen aus“, erläuterte der Allergologe und Androloge Jean-Pierre Allam, der mit seinen Kollegen am Universitätsklinikum Bonn vor allem Zusammenhänge der Sperma-Allergie mit anderen Allergien erforscht. Sobald die Symptome einer Allergie zugeordnet wurden, kann ein Test mit Sperma oder isoliertem PSA Klarheit schaffen. Auf diese Weise lassen sich unter anderem auch Nahrungsmittelallergien ausschließen. „Bei rund der Hälfte der Patienten sind auch andere Allergien bekannt“, so Allam. Es gäbe insgesamt eine hohe Dunkelziffer, da es Betroffenen unangenehm sei, über ihr Problem zu sprechen. „Seit 2005 mehren sich aber Berichte“, erklärte der Mediziner.

Krankheitssymptome nach einem Orgasmus
Erstmals wurde die Sperma-Allergie 1958 von einem Niederländer beschrieben. Zwei seiner Landsleute analysierten 44 Jahre später bei Männern das sogenannte „Post Orgasmic Illness Syndrome“ (POIS), Krankheitssymptome nach einem Orgasmus. „Bei Männern löst Sperma sehr unspezifische Symptome aus, die nicht richtig zu einer Allergie passen“, sagte Allam. So litten Betroffene nach dem Orgasmus unter Kopfschmerzen und grippeähnlichen Anzeichen, die zwei bis sieben Tage anhalten könnten, doch sie reagieren positiv auf einen Allergietest mit Sperma. „Der Zusammenhang ist aber noch völlig unerforscht.“

Sperma-Allergie lässt sich gut behandeln
Laut Allam ließe sich die Sperma-Allergie aber gut behandeln. „Die Symptome müssen sofort behandelt werden. Die Behandlung entspricht der Akuttherapie der anaphylaktischen Reaktion, wie sie nach Insektenstichen, Nahrungsmitteln oder Arzneimitteln auftreten kann“, erklärte Professor Ring gegenüber „MeinAllergiePortal“. Er sagte weiter: „Zunächst werden Karenz-Strategien empfohlen, die Benutzung von Kondomen, die aber nicht sicher einen Kontakt verhindern.“ Dennoch meinte Allam in der dpa-Meldung: „Goldstandard ist Geschlechtsverkehr mit Kondom“. Durch diesen Schutz blieben Patienten in der Regel beschwerdefrei.

Betroffene Frauen sind nicht unfruchtbar
Beide Experten betonten, dass Frauen mit Sperma-Allergie keinesfalls unfruchtbar seien. Sie könnten vor dem Geschlechtsverkehr allergieunterdrückende Medikamente einnehmen. Eine weitere Therapie gegen Sperma-Allergie sei eine Hyposensibilisierung, bei der der Körper gegenüber dem Allergen eine Toleranz entwickeln soll. Außerdem wäre eine künstliche Befruchtung mit gewaschenen Spermien eine Option. „Das funktioniert bei gesunden Frauen sehr gut“, sagte Allam. Allerdings werden die Kosten der Behandlung nicht von den Krankenkassen übernommen. „Insgesamt ist bei der Sperma-Allergie noch viel Forschungsarbeit nötig“, meinte Professor Dr. Ring. Und Allam fügte an: „Sperma-Allergie ist noch ein ziemlich ungenauer Begriff.“
(ad, nr)

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