Das Gehirn bis ins höhere Alter fit halten

Heilpraxisnet

Alternde Gesellschaft: Wie das Gehirn im Alter fit bleibt

01.11.2014

Fast 1,5 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Demenz. Weltweit sollen nach Schätzungen der WHO insgesamt 35 Millionen betroffen sein. Wissenschaftler beschäftigen sich seit langem mit dem geistigen Verfall. Ein Wundermittel gegen die Hirnalterung gibt es zwar nicht, doch Hinweise darauf, wie man das Gehirn auch bis ins hohe Alter fit halten kann.

Herausforderung alternder Gesellschaften
Künstler und Gelehrte wie Tizian, Sokrates oder Leonardo da Vinci waren selbst noch am Ende ihres Lebens intellektuell sehr rege. Dies ist jedoch längst nicht bei allen Senioren der Fall. Mit der Zunahme älterer Menschen steigt in vielen Ländern auch ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Degenerative Erkrankungen wie Demenzen sind eine große Herausforderung alternder Gesellschaften. Weltweit leiden Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge rund 35 Millionen Menschen an Demenz. In Deutschland sind fast 1,5 Millionen davon betroffen.

Geistiger Verfall von Erbanlagen und Lebensfaktoren abhängig
In der Fachzeitschrift „Science“ schreibt Ulman Lindenberger vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa zufolge, dass es stark variiere, wann und wie stark ein Mensch von geistigem Verfall betroffen ist. Dies sei unter anderem von den Erbanlagen und Lebensfaktoren wie Stress und intellektueller Forderung abhängig. Im selben Magazin schreibt Sarah Harper von der University of Oxford, dass es bereits im Jahr 2050 weltweit ebenso viele Menschen über 60 wie Jugendliche unter 15 geben werde. Der Anteil der über 80-Jährigen wird sich bis dahin vervielfachen. Allein in den USA werden bis 2050 etwa dreimal so viele Menschen an Alzheimererkrankt sein wie heute. Wie Forscher des Rush University Medical Center in Chicago prognostizierten, werde die Zahl von 4,7 Millionen im Jahr 2010 auf 13,8 Millionen steigen.

Körperlicher und geistiger Verfall
Bei Alzheimer handelt es sich um die häufigste Form von Demenz. Experten sagen für Deutschland eine Verdopplung von 1,4 Millionen auf rund drei Millionen Demenzkranke bis 2050 voraus, was einen immens erhöhten Pflegeaufwand zur Folge haben wird. Lindenberger zufolge lasse die kognitive Leistungsfähigkeit generell im Alter nach. Allerdings beginne heute nicht nur der körperliche, sondern auch der geistige Verfall im Mittel später als in früheren Zeiten mit geringerer Lebenserwartung. Zudem gebe es Möglichkeiten, den geistigen Verfall zu beeinflussen. „Langzeitstudien weisen darauf hin, dass sich mit einem intellektuell herausfordernden, physisch aktiven und sozial engagierten Leben Verluste vermindern und Zugewinne festigen lassen.“ Wie der Experte betonte, dürfe jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass die Hirnalterung komplett der eigenen Kontrolle unterliege. Dies sei genauso falsch, wie zu behaupten, die Entwicklung lasse sich gar nicht, nicht einmal graduell, beeinflussen.

Forschung noch am Anfang
Allerdings stehe die Forschung noch am Anfang bezüglich der Fragen, welche Umweltfaktoren und Erfahrungen wie und in welchem Maß auf die Alterung des Gehirns Einfluss nehmen. Was sich aber bereits gezeigt habe, ist, dass dem Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle zukommt. „Eine Reihe von Ergebnissen aus Patientenstudien, Tierversuchen, pharmakologischer Einflussnahme und Molekulargenetik lässt darauf schließen, dass Dopamin entscheidende Bedeutung für die geistige Leistungsfähigkeit besitzt.“ Auch wenn es von Mensch zu Mensch erhebliche Unterschiede gibt, schwinde die Menge grauer und weißer Hirnsubstanz mit dem Alter. „Der laterale präfrontale Cortex, die präfrontale weiße Hirnsubstanz und der Hippocampus gehören zu den Regionen, in denen es besonders große individuelle Unterschiede beim altersbedingten Hirnschwund gibt“, so Lindenberger. Oft wirken sich Risikofaktoren wie Stress auf genau diese Regionen aus.

Neue Sprache lernen und mit Enkelkindern spielen
Demnach zählt zu den Variablen zudem die abnehmende Plastizität des Gehirns, die Fähigkeit von Synapsen, Nervenzellen und ganzer Gehirnareale, sich zu verändern und an neue Anforderungen und Einflüsse anzupassen. Der Berliner Forscher vermutet dabei auch ein Zusammenspiel von Angebot und Bedarf als Faktor, also die Frage, ob das Gehirn überhaupt noch neue Aufgaben meistern müsse. So lasse sich die Plastizität manchmal teilweise verbessern, etwa durch das Lernen einer neuen Sprache oder dem Umgang mit quirligen Enkelkindern. Norbert Smetak, Vorsitzender des Bundesverbandes Niedergelassener Kardiologen (BNK), teilte zudem Anfang des Jahres mit, dass Studien darauf hinweisen, dass auch das Gehirn von Seniorinnen und Senioren von regelmäßigem Ausdauersport profitiert. Da es gegen Alzheimer bislang kein wirksames Medikament gibt, empfehlen Experten immer wieder, vorhandene Möglichkeiten zur Vorbeugung und Behandlung zu nutzen. Beispielsweise sei es bekannt, dass die Behandlung von Diabetes und Bluthochdruck das Risiko an einer Demenz zu erkranken, senkt.

Forschung hat sich lange auf Verfall des Gehirns konzentriert
Angela Gutchess von der Brandeis University in Waltham im US-Staat Massachusetts schreibt in einem weiteren „Science“-Artikel, dass die Alterung des Gehirns so komplex und eigenwillig wie das Gehirn selbst sei. Die Forschung habe sich demnach lange Zeit auf den Verfall konzentriert – schlechteres Hören und Sehen, zunehmende Vergesslichkeit, langsamere Informationsverarbeitung und verstärkte Schwierigkeiten dabei, relevante und irrelevante Informationen zu filtern. Doch heute wisse man, dass auch ein alterndes Gehirn ein gewisses Maß an Plastizität behalte, was auch die Bildung neuer Nervenzellen einschließt. Ein vielversprechender Ansatz sei die Hirnstimulation mit gezielten Stromimpulsen, allerdings sei die Zahl solcher Untersuchungen mit älteren Teilnehmern noch gering.

Begriffe liegen oft „auf der Zunge“
Meredith Shafto und Lorraine Tyler von der britischen University of Cambridge erläutern in „Science“, dass zu den vom Alter wenig beeinflussten Fähigkeiten viele Sprachprozesse zählten. Zwar verbessere sich der Wortschatz den überwiegenden Teil des Lebens lang, doch im hohen Alter schwinde er. Bei der Sprachproduktion sehe dies anders aus: Sie verlangsame und verschlechtere sich bei Senioren im Vergleich zu Jüngeren. Dass Begriffe immer öfter „auf der Zunge“ liegen, aber nicht fassbar sind, sei ein weiteres typisches Zeichen des normalen Alterungsprozesses. Meist bleibt die intellektuelle Stärke eines Menschen ein Leben lang erhalten. Dies zeigen auch weltweit einmalige Daten aus Schottland. Dort befürchtete die Regierung Anfang des 20. Jahrhunderts, dass die Intelligenz in der Bevölkerung schwinde. Daher wurden großflächige Intelligenztests initiiert, die über Jahrzehnte hinweg stattfanden. 1997 wurden die Ergebnisse von Forschern um Ian Deary im Keller der Universität Edinburgh zufällig wieder entdeckt, schreibt „Science“-Autorin Emily Underwood in einem weiteren Beitrag der Serie.

Studienteilnehmer nach Jahrzehnten wieder aufgespürt
Über Briefe und Anzeigen spürte das Team um den Psychologen Tausende ehemalige Teilnehmer wieder auf und bat sie um eine Wiederholung des Tests. Wie Underwood erklärt, hätten viele der Senioren jedoch kein Interesse gehabt, ihre schwindende Hirnleistung protokollieren zu lassen. Doch über 500 Teilnehmer des Tests von 1932 und mehr als 1.000 der IQ-Studie von 1947 widmeten sich von 2003 an den Fragebögen erneut, mit einer Vielzahl weiterer Analysen. Underwood schreibt, dass der Vergleich der Ergebnisse nun eine einmalige Gelegenheit biete, dem Altern des Gehirns nachzuspüren. Die Gehirne der Senioren seien gescannt, ihre Gene analysiert und ihre Lebensgewohnheiten erfasst worden.

IQ-Test im Alter von elf Jahren
Wie es heißt, lassen sich die geistigen Fähigkeiten im Alter mit einem Faktor besser als mit jedem anderen Einzelmerkmal voraussagen: dem Ergebnis des IQ-Tests im Alter von elf Jahren. Es gebe zwar viele Ausnahmen, also Menschen, deren IQ-Ergebnisse im Alter deutlich besser oder schlechter ausfielen. Doch insgesamt stützten die Daten aus Schottland eine salopp „Wassertank-Hypothese“ genannte Theorie, wie Nicholas Martin vom QIMR Berghofer Medical Research Institute in Herston (Australien) zitiert wird. Je besser ein Gehirn dank genetischer Einflüsse und günstiger Umweltfaktoren in der Kindheit funktioniere, desto mehr kognitive Reserven könne derjenige im Alter verlieren. „Je voller der Tank beim Start ist, desto länger dauert es, bis er leer ist.“ (ad)

Bild: Tony Hegewald / pixelio.de