Gen-Mutationen machen Hunger auf fetthaltige Lebensmittel

Alexander Stindt
Mutation von MCR4 lässt Betroffene mehr Fet aber weniger Zucker essen
Gibt es wirklich eine Gen-Mutation, welche den Appetit auf fetthaltige Lebensmittel steigert? Forscher fanden jetzt genau solch eine Mutation. Betroffene scheinen dafür allerdings gleichzeitig weniger zuckerhaltige Lebensmittel zu konsumieren.

Die Wissenschaftler der international anerkannten University of Cambridge in Großbritannien stellten fest, dass eine seltene Gen-Mutation unsere Ernährung massiv beeinflusst. Menschen mit einer solchen Gen-Mutation essen wesentlich häufiger fetthaltige Lebensmittel. Die Mediziner veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Wirkt sich ein Gen-Defekt auf den Konsum von fetthaltigen Lebensmitteln aus? Mediziner fanden heraus, dass eine Gen-Mutation des Melanocortin-4-Rezeptors Betroffene wirklich dazu animiert, dass sie mehr fettreiche Nahrung zu sich nehmen. (Bild: paul_brighton/fotolia.com)
Wirkt sich ein Gen-Defekt auf den Konsum von fetthaltigen Lebensmitteln aus? Mediziner fanden heraus, dass eine Gen-Mutation des Melanocortin-4-Rezeptors Betroffene wirklich dazu animiert, dass sie mehr fettreiche Nahrung zu sich nehmen. (Bild: paul_brighton/fotolia.com)

Mediziner untersuchen die Essgewohnheiten von Menschen mit Gen-Mutation
Für ihre Untersuchung testeten die Wissenschaftler die Essgewohnheiten von Probanden an einem sogenannten All-you-can-eat Buffet. Dabei wurde schnell klar, dass Menschen mit einer bestimmten Gen-Mutation mehr fetthaltige Lebensmittel zu sich nehmen, sagen die Autoren. Generell genießen natürlich viele Menschen oft fetthaltige Lebensmittel. Aber es gibt eine Mutation des sogenannten Melanocortin-4-Rezeptors (MCR4), die zu einem zusätzlich erhöhten Konsum von fetthaltigen Lebensmitteln führt. Dies geschieht auch, wenn der Fettgehalt der Nahrung völlig verborgen ist, fügen die Mediziner hinzu.

Unser Gehirn kann ohne Vorwissen den Nährstoffgehalt von Lebensmitteln erkennen
Wenn wir das Aussehen und den Geschmack von Lebensmittel genau kontrollieren können, ist es unserem Gehirn möglich, den Nährstoffgehalt abzuschätzen, erläutert die Autorin Professor Sadaf Farooqi von der University of Cambridge in einer Pressemitteilung. Für ihre kleine Studie rekrutierten die Forscher 54 Probanden. Diese nahmen dann an einem indischen Hähnchencurry (Chicken Korma) teil. Von den Teilnehmern waren 20 mager, 20 der Probanden litten unter Fettleibigkeit ohne MCR4-Gen-Mutation und 14 waren fettleibig mit einer entsprechenden Mutation.

Defekt beeinflusst die Sättigungssignale in unserem Gehirn
Nach Angaben der Forscher leidet etwa einer von hundert fettleibigen Menschen an der Gen-Mutation. Dieser Defekt des MC4R-Gens wirkt sich häufig auf das Gewicht der Betroffenen aus. Der Defekt führt dazu, dass Sättigungssignale im Gehirn nicht richtig verarbeitet werden können, erklären die Autoren.

Probanden müssen Geschmackstest durchführen
Bei der Untersuchung wurde den Teilnehmern jeweils ein Geschmackstest von drei verschiedenen Hühnchen-Gerichten angeboten. Die drei Gerichte wurden vorher manipuliert, um gleich auszusehen und auch völlig gleich zu schmecken, erklären die Experten. In Wirklichkeit handelte es sich allerdings um eine fettarme, eine mittelmäßig fettige und eine fettreiche Version des gleichen Gerichts. Der Fettgehalt der Gerichte lieferte 20 Prozent, 40 Prozent oder 60 Prozent der Kalorien.

MC4R-Genmutation lässt Probanden mehr fettreiche Nahrung verzehren
Nach der Geschmacksprobe konnten sich alle Teilnehmer frei selbst bedienen und so viel essen, wie sie wollten. Jede Gruppe verzehrte etwa die gleiche Menge an Nahrung, sagen die Forscher. Die Teilnehmer mit einer MC4R-Genmutation verzehrten jedoch fast doppelt so viel des fettreichen Gerichts, verglichen mit den schlanken Teilnehmern. 65 Prozent aßen auch mehr von dem Gericht als die fettleibige Gruppe.

Zweiter Versuch testet die Auswirkungen auf den Konsum von Zucker
In einem zweiten Experiment mussten alle Teilnehmer der drei Gruppen zwischen drei verschiedenen Desserts wählen. Alle Desserts waren im Aussehen identisch, enthielten aber einen unterschiedlichen Zuckergehalt.

Mutation beeinflusst den Appetit auf Kohlenhydrate und Fette
Die schlanken und fettleibigen Teilnehmer bevorzugten das Dessert mit dem höchsten Zuckergehalt. Die MC4R-Gruppe verzehrte weniger von allen Desserts, verglichen mit den schlanken und den anderen fettleibigen Teilnehmern. Die Wissenschaftler wussten bereits, dass eine solche Gen-Mutation eher zu Fettleibigkeit führt. Diese Untersuchung ergab aber zum ersten Mal, dass sich die Mutation speziell auf den Appetit von Kohlenhydraten und Fett auswirkt.

MCR4-Defekt ein nützlicher Überlebensmechanismus aus der Vorzeit?
Heutzutage stellt der MCR4-Defekt eine ziemlich nutzlose (und schädliche) Mutation für uns Menschen dar, erläutern die Autoren. In unserer primitiven Vergangenheit könnte diese Gen-Mutation der Antrieb für eine Suche nach fettreicher Nahrung gewesen sein. Dies wäre damals ein durchaus nützlicher Überlebensmechanismus gewesen, sagen die Forscher.

Fett liefert viele Kalorien und ist einfach zu speichern
Wenn es nur wenig Nahrung gibt, müssen wir bei Bedarf Energie speichern können. Fett liefert doppelt so viele Kalorien pro Gramm wie Kohlenhydrate oder Eiweiß und kann einfach in unserem Körper gespeichert werden, sagt Farooqi. Die durchgeführte Studie war zwar nur sehr klein, aber wenn die Ergebnisse bei größerer Forschung repliziert werden können, sind wir hoffentlich in der Lage, die Ursachen der Fettleibigkeit besser zu verstehen, so das Fazit der Forscher. (as)