Genomtest kann Krebs kaum vorhersagen

Sebastian

Gedämpfte Erwartungen: Genomanalyse kann das individuelle Krankheitsrisiko kaum erkennen

03.04.2012

Vor einigen Jahren frohlockte die Wissenschaft, mit Hilfe der Entzifferung des Erbguts Erkrankungen bereits frühzeitig vor dem Ausbruch diagnostizierbar zu machen. Eine neue Metastudie von US-Forschern dämpft nun zu hohe Erwartungen: Der sogenannte Genomtest ist kein Ersatz für konventionelle Vorsorgeuntersuchungen, berichten sie mittels einer Datenerhebung. Vor allem Krebskrankheiten könnten nicht rechtzeitig erkannt werden.

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Die beste medizinische Strategie gegen Krebs ist das frühzeitige Entfernen von bösartigen Tumoren und eine gesundheitsbewusste Lebensweise. Zu diesem Resultat kommt ein US-Forscherteam um Professor Bert Vogelstein vom Johns Hopkins Kimmel Cancer Center in Baltimore, USA. Die Entzifferung des Erbguts sei zwar eine herausragende Entdeckung, allerdings haben sich die damit verknüpften Erwartungen, schwere Erkrankungen frühzeitig vor dem Ausbruch zu entdecken, bis heute nicht erfüllt. Denn aus dem entschlüsselten Erbgut von Menschen kann nur in begrenzter Art und Weise ein Risikoprofil für häufig auftretende Erkrankungen wie Krebs abgeleitet werden. Zu diesem Ergebnis gelangten die Wissenschaftler nach einer Analyse von mehreren tausend Daten eineiiger Zwillingen aus vorangegangenen Studien. Demnach glauben die Forscher, dass „Genomtests kein Ersatz für gängige Strategien zur Krankheitsvorbeugung sein können.“

Frühe Diagnosestellung unverzichtbar
Frühzeitiges Sterben durch schwere Krankheiten könne nur durch "Vorausblickendes Screening, frühe Diagnose- und Präventionsstrategien“ verhindert werden. Dazu müssen die Menschen einiges selbst tun, wie „nicht rauchen“, regelmäßigen Sport und eine gesunde Ernährung. Denn nicht allein das Erbgut, sondern Risikofaktoren wie Giftstoffe, ungesunder Lebensstil und Umweltverschmutzungen führen mitunter zur Bildung von Krebstumoren. Die Medizin könne nach Ansicht von Vogelstein nur durch die „Entfernung von Krebs in frühen Stadien“ dabei helfen, die Überlebensrate der Patienten zu erhöhen. Das werden die „Schlüssel sein, um die Sterberaten durch Krankheiten zu senken“, ergänzt er.

Studienauswertung von Zwillingspaaren
Für die Untersuchung schauten sich die Forscher die Daten von 24 Krankheiten genauer an. Zu diesen Erkrankungen gehörten verschiedene Krebsarten wie Lungenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, Brustkrebs aber auch chronische Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes. Zusätzlich wurden Erkrankungen wie Alzheimer, Neurologische Störungen, Autoimmunerkrankungen oder Herzkreislauf-Krankheiten wie Herzinfarkt der Probanden-Daten ausgewertet. Zwar ist es schon heute möglich für etwa 90 Prozent aller Menschen ein spezifisches Risiko für mindestens eine Krankheit zu bestimmen, allerdings würden die meisten Menschen trotz Negativergebnisse dennoch im Verlauf ihres Lebens an mindestens einer anderen Krankheit leiden. So können die Positiv- und Negativergebnisse darüber hinwegtäuschen, dass neben den Risikogenen noch zahlreiche weitere Faktoren bestehen, die das Erkrankungsrisiko begünstigen. Daher warnen die Studienautoren vor einer trügerischen Sicherheit und „falsch verstandenem Wohlbehagen“.

Erbliche Krebserkrankungen eher selten
Für genetisch Untersuchte, in deren Familie Krebsleiden eher selten sind, ist die Entschlüsselung des Erbguts weniger interessant, sagte Vogelstein. Denn „erbliche Krebsarten sind in ihrem Auftreten eher selten“. Die meisten Krebstumore entstehen durch „Mutationen durch Umwelteinflüsse, Lebensstil und zufällige Genfehler bei der Zellteilung", sagte Kenneth Kinzler vom Ludwig Center (Johns Hopkins). Allerdings könnten auf der anderen Seite theoretisch bei vier untersuchten Krankheiten mehr als 75 Prozent der wahrscheinlichen Patienten erkannt werden. Das seien nach Angaben der Autoren Leiden wie Erkrankungen der Herzkranzgefäße bei Männern, Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse, Diabetes Typ-I und Alzheimer.

Die Bedeutung der Genanalysen sollten jedoch auch nicht unterschätzt werden, so Vogelstein. Die Gentestungen für das persönliche Risikoprofil sei wichtig für die Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Seit der Entzifferung sind die Kosten für Gentestungen signifikant gesunken. Das Team um Vogelstein, Kenneth Kinzler und Nicholas J. Roberts veröffentlichten ihre Studienergebnisse im Fachmagazin "Science Translational Medicine". Teile des Artikels stammen auch von einer Fachtagung zum Thema Krebs in Chicago, an der Vogelstein teilnahm und referierte. (sb)