Geruchstest zur Autismus-Diagnose

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Fabian Peters
Forscher bestimmen Autismus anhand der Geruchsreaktion
Autistische Kinder zeigen infolge eingeschränkter sensomotorischer Koordination nicht die übliche Abwehrreaktion bei der Wahrnehmung unangenehmer Gerüche. Sie atmen weiterhin tief ein, statt reflexartig die Atmung zu bremsen, berichtet das israelische Forscherteam um Liron Rozenkrantz vom Weizmann Institute of Science in dem Fachjournal „Current Biology“. Ein einfacher Geruchstest könnte demnach die Diagnose von Autismus künftig deutlich erleichtern.

Die Reaktion auf Gerüche hat sich laut Angaben der Forscher in den aktuellen Untersuchungen als relativ verlässlicher Indikator für autistische Störungen ergeben. So konnten die Wissenschaftler in ihrer Studie anhand der Geruchs-Reaktion mit einer über 80-prozentige Sicherheit bestimmen, ob ein Kind an Autismus litt. Zudem habe das Ausmaß der fehlenden Abwehrreaktion im Zusammenhang mit dem Schweregrad der Erkrankung gestanden. Je ausgeprägter die autistischen Störungen waren, desto länger atmeten die Kinder in dem Versuch auch die unangenehmem Gerüche ein. In der Praxis könnte der Test die Diagnose von Autismus deutlich vereinfachen.

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Mit Hilfe des Geruchstests könnte Autismus schon im frühen Kindesalter bestimmt werden. (Bild: S.Kobold/fotolia.com)

Geruchstest mit verfaultem Fisch und verdorbener Milch
Die israelischen Forscher des Weizmann Instituts haben im Rahmen ihrer Studie den Geruchssinn von 18 gesunden Kindern und 18 autistischen Kindern genauer unter die Lupe genommen. Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei sieben Jahren. Die Wissenschaftler schlossen die Kinder an eine spezielle Apparatur an, bei der über zwei Nasenkanülen verschiedene Gerüche in die Nase gepustet werden können und gleichzeitig die Messung der Nasenatmung möglich ist. Die Kinder wurden daraufhin angenehmen Gerüchen von Rosen und Shampoo sowie unangenehmen Gerüchen von sauerer Milch und verdorbenem Fisch ausgesetzt. Normal ist hier eine Geruchs-Reaktion bei der angenehme Gerüche tief eingeatmet werden und unangenehme Gerüche eine reflexartige Reduzierung des Atemvolumens bedingen. Innerhalb von zehn Minuten wurden die Kinder mit 20 verschiedenen Gerüchen (10 angenehme/ 10 unangenehme) konfrontiert, während die Wissenschaftler beobachteten, wie sich das Atemvolumen, der Spitzenluftdurchsatz, die Luftströmungsgeschwindigkeit und die Dauer des Schnüffelns verhielten.

Fehlende Abwehrreaktion bei autistischen Kindern
Die Betrachtung der vier Parameter habe eine signifikante Wechselwirkung mit der Riechstoff-Wertigkeit (angenehm gegenüber unangenehm) bei den gesunden Probanden ergeben, die als normale Geruchsreaktion bewertet wird, berichten die Forscher. Die Kinder hätten innerhalb von 305 Millisekunden eine entsprechende Reaktion auf die Geruchsstoffeigenschaften gezeigt. Bei den autistischen Kindern war hingegen keine vergleichbare Reaktion feststellbar. Sie zeigten deutlich weniger Unterschiede zwischen der Reaktion auf unangenehme und angenehme Gerüche. Anstatt bei dem Gestank von verfaultem Fisch umgehend die Luft anzuhalten, atmeten die autistischen Kinder weiter tief ein. Zudem beobachteten die Forscher einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der fehlenden Abwehrreaktion und dem Schweregrad der autistischen Störung. Je länger die Probanden auch die unangenehmen Gerüche normal einatmeten, desto stärker seien die Beeinträchtigungen der sozialen Kommunikation ausgefallen. Bei den motorischen Fertigkeiten konnten die Forscher nach eigenen Angaben keinen vergleichbaren Zusammenhang feststellen.

Test unabhängig von der Sprachfähigkeit
Die Unterschiede zwischen den autistischen Kindern und den gesunden Kindern waren laut Angaben der Wissenschaftler derart ausgeprägt, dass allein auf Basis des Geruchstests mit einer 81-prozentigen Sicherheit feststellbar war, ob ein Kind an Autismus litt. Die Diagnosemöglichkeiten ließen sich mit Hilfe des Tests ihrer Ansicht nach deutlich verbessern, zumal dieser nicht durch die Sprachfähigkeit der Kinder beeinflusst werde. Die Wissenschaftler sehen die Ursache für die fehlende Geruchsreaktion bei autistischen Kindern in der „eingeschränkten sensomotorische Koordination.“ Die Steuerung der Atmung bei unangenehmen und angenehmen Gerüchen sei ein hochkomplexes Vorgehen, welches bei autistischen Störungen nachhaltig beeinträchtigt werde. Zudem trage der veränderte Geruchssinn seinerseits zu einer Beeinträchtigung der sozialen Kommunikation bei, so die Hypothese der Forscher. Daher sei das Ausmaß der fehlenden Geruchsreaktion „prädiktiv für eine beeinträchtigte soziale Kommunikation, aber nicht für generalisierte motorische Beeinträchtigungen.“

Riechtest könnte die Autismus-Diagnose deutlich erleichtern
Die Entwicklung eines entsprechenden Riechtests könnte laut Aussage der Forscher in Zukunft die Diagnose von Autismus deutlich erleichtern, doch seien zunächst weitere Untersuchungen erforderlich, um bestehende Unsicherheiten auszuräumen. So bleibe bislang zum Beispiel unklar, ob dieser Indikator spezifisch für Autismus ist oder auch bei anderen Entwicklungsstörungen auftritt. Auch war die Stichprobe in der aktuellen Studie zu klein, um hier eindeutige Aussagen treffen zu können. Nicht zuletzt müssten noch einige technische Probleme gelöst werden, bevor der Test ein nützliches Instrument im Klinikalltag bilden könne, schreiben Liron Rozenkrantz und Kollegen. Am Ende lasse sich mit seiner Hilfe jedoch möglicherweise Autismus – auch bei Kleinkindern – innerhalb von rund zehn Minuten relativ verlässlich diagnostizieren. (fp)