Geschlechter: Nach dem Gendergap kommt der Orgasmusgap

Beim Geschlechtsverkehr geht es oft sehr unfair zu. Frauen gehen beim Orgasmus häufig leer aus. Doch der Höhepunkt muss laut Experten auch gar nicht immer das Ziel sein. (Bild: gpointstudio/fotolia.com)
Alfred Domke
Frauen gehen meistens leer aus
Werden Menschen zu ihrem Geschlechtsleben befragt, zeigt sich immer wieder, dass es einen deutlichen Unterschied gibt zwischen Verkehr, wie wir ihn uns wünschen und wie er tatsächlich aussieht. Oft geht es dabei unfair zu: Frauen gehen beim Höhepunkt häufig leer aus. Der Höhepunkt muss aber auch gar nicht immer das Ziel sein.

Frauen haben deutlich seltener einen Höhepunkt
Zwar sind Frauen heute beim Sex experimentierfreudiger und selbstbewusster, doch wenn es um den Höhepunkt geht, herrscht noch immer keine Gleichberechtigung. So gaben in einer Umfrage Anfang des Jahres 61 Prozent der Männer an, immer einen Orgasmus beim Sex zu haben, während dies mit 27 Prozent nur knapp über ein Viertel der Frauen sagten. Doch der Höhepunkt muss ohnehin nicht das Ziel sein, wie Experten in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa erläutern.

Beim Geschlechtsverkehr geht es oft sehr unfair zu. Frauen gehen beim Orgasmus häufig leer aus. Doch der Höhepunkt muss laut Experten auch gar nicht immer das Ziel sein. (Bild: gpointstudio/fotolia.com)
Beim Geschlechtsverkehr geht es oft sehr unfair zu. Frauen gehen beim Orgasmus häufig leer aus. Doch der Höhepunkt muss laut Experten auch gar nicht immer das Ziel sein. (Bild: gpointstudio/fotolia.com)

Beim Höhepunkt benachteiligt
Zwar kommen im Idealfall beide beim Sex, doch in der Wirklichkeit gehen Frauen beim Höhepunkt häufig leer aus. Angelehnt an den sogenannten Gender Pay Gap sprechen Fachleute daher auch vom Orgasm Gap. Bei beiden geht es unfair zu: Im ersten Fall verdienen Frauen weniger, im zweiten sind sie beim Höhepunkt benachteiligt.

Aus dem Umstand, dass Frauen seltener kommen, zu schließen, sie würden nie befriedigt oder hätten keinen Spaß beim Geschlechtsverkehr, wäre falsch.

„Das stimmt nicht“, sagte Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter in der dpa-Meldung. „Unser Verständnis von Sex ist ein sehr männliches“, so der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung. Erregung, Erektion und Ejakulation stehen demnach im Vordergrund.

Verschiedene Erregungsniveaus
Allerdings verlaufe der Beischlaf insbesondere bei Frauen seiner Aussage nach nicht so „linear“. Selbst mittendrin flache die Erregungskurve auch immer wieder ab. Während des Geschlechtsverkehrs gebe es laut Pastötter verschiedene Erregungsniveaus, deren Höhepunkt nicht der Orgasmus sein muss.

Der Wissenschaftler kritisierte, dass dies im gesellschaftlichen Diskurs nicht anerkannt werde und es oft heißt, dass Frauen alles Mögliche tun sollten, damit es bei ihnen klappt. „Dabei gibt es nichts Unbefriedigenderes als einen schalen Orgasmus.“

Männlich geprägtes Verständnis
Problematisch ist zudem, dass zum männlich geprägten Verständnis von Sex gehört, dass damit ausschließlich das Eindringen vom Penis in die Vagina verstanden wird. Klitorale Stimulation durch reiben, rubbeln, lecken und streicheln ist für viele nur das Vorspiel, der eigentliche Sex ist Penetration. Allerdings wird die Klitoris dabei weniger intensiv stimuliert – deshalb sinkt auch die Chance, einen Orgasmus zu bekommen.

Zudem kann bei manchen Frauen die Klitoris von dem männlichen Glied bei der Penetration so weit entfernt sein, dass durch konventionelle Stellungen nicht genug klitorale Stimulation zu erhalten ist, um einen Höhepunkt zu erleben, berichteten US-amerikanische Forscher von der Indiana University in der Fachzeitschrift „Clinical Anatomy“. Die weibliche Anatomie kann demnach Orgasmen unmöglich machen.

Dies lässt sich laut anderen Wissenschaftlern auch anhand der Evolution erklären. Denn ursprünglich spielte der weibliche Höhepunkt bei der Fortpflanzung keine entscheidende Rolle. Experten der Yale University in New Haven und des Cincinnati Children’s Hospital veröffentlichten erst vor wenigen Monaten die Ergebnisse einer Studie, die darauf hindeutet, dass der Orgasmus bei Frauen eher ein Zufallsprodukt der Evolution ist.

Falsche Vorstellung von Sexualität
Die Sexualtherapeutin und Autorin Carla Thiele kritisierte in der Agenturmeldung, dass Frauen unter der „falschen Vorstellung von Sexualität“ leiden. Darüber hinaus sei es für viele von ihnen problematisch, wenn der Mann nicht kommt. Unter „echtem“ Sex werde oft verstanden, wenn der Mann einen Orgasmus hat. „Das ist dann auch eine Bestätigung für die Frau“, so Thiele. Ohne den Höhepunkt beginnen die Selbstzweifel.

Häufig ist es aber auch so, dass sich Männer, deren Partnerinnen nicht kommen, Sorgen machen und sich verstärkt um den Höhepunkt der Frau bemühen. Die Autorin des Buches „Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt“, Henriette Hell, hatte sich daher in Interviews dafür ausgesprochen, dass sich Männer weniger Stress mit dem weiblichen Orgasmus machen sollten.

Leistungsdruck im Bett
Heutzutage gibt es den Leistungsdruck, den es in vielen Bereichen des Lebens gibt, auch im Bett. „Dabei wäre es uns völlig egal, ob der andere kommt, wenn jedes Mal eine rote Lampe angehen würde, die zeigt, dass der andere besonders erregt ist oder starke Gefühle hat“, meinte Thiele laut dpa. Der Orgasmus des Partners sei auch eine Art Selbstbestätigung.

Kein Mensch schuldet einem anderen einen Höhepunkt. „Und es ist doch absurd, dass wir Frauen uns da so von den Männern abhängig machen“, mahnte Thiele. Ihrer Meinung nach sollte die Devise sein: „Ich mache es mir, wann ich will.“

„Kommen“ kann man erlernen
Zwar könnten Frauen beim Geschlechtsverkehr mehr einfordern, doch die Therapeutin Ann-Marlene Henning meinte, „Einfordern ist beim Sex“ stets „ein sehr schlechtes Wort“. Laut der Expertin, die aus der ZDF-Doku-Reihe „Make Love – Liebe machen kann man lernen“ bekannt ist, heißt das aber nicht, dass deshalb auf den Orgasmus verzichtet werden sollte.

„Kommen ist eine Fähigkeit, und Fähigkeiten kann man erlernen – in der Regel.“ Sie plädierte dafür, es sich erstmal selbst zu machen. „Frauen kennen ihren Körper, was das angeht, oft nicht so gut wie Männer“, so Henning. Wie sollte auch jemand anderes etwas auslösen, von dem man nicht einmal selbst weiß, wie es funktioniert?

Sexuelle Zufriedenheit verbessern
Die Frage, wie Paare ihre sexuelle Zufriedenheit verbessern können, wurde auch in wissenschaftlichen Arbeiten, untersucht. So zeigte etwa eine weltweite Studie, dass Frauen und Männer in Beziehungen weniger Schwierigkeiten haben, zum Orgasmus zu kommen.

„Mit einer vertrauten Person darüber zu sprechen, ist natürlich leichter als mit einem One-Night-Stand“, erklärte Henning. Außerdem kann man mit seinem Partner anschließend gemeinsam üben und zeigen, was und wie man es mag.

Auch bei Lustlosigkeit des eigenen Partners kann es hilfreich sein, darüber zu reden.

Es muss nicht immer ein Orgasmus sein
Allerdings gebe es kein Geheimrezept. Laut Henning bringe das viel beschworene Entspannen rein gar nichts, wenn eine Frau durch Druck ihre Erregung steigert. Das Ziel von Sex muss auch nicht immer der Orgasmus sein, vor allem dann nicht, wenn er schwerfällt.

„Auch Nähe und Hautkontakt können Gründe für Sex sein.“ Für Menschen, die leichter kommen – in der Regel Männer – sei dies allerdings schwierig zu verstehen. Henning zufolge sollten Männer und Frauen vor allem vergessen, was Pornos oder Filme versprechen: Immer zu kommen, multiple Orgasmen und der gemeinsame Höhepunkt. „Das ist Schwachsinn.“ (ad)