Gesichtstransplantation nach Verbrennung geglückt

Alfred Domke

Erfolgreiche OP verhilft Mann zu neuem Gesicht

07.12.2013

Vor zwei Jahren hatte Dallas Wiens als erster US-Amerikaner eine komplette Gesichtstransplantation erhalten. Durch einen Arbeitsunfall drei Jahre zuvor war sein Gesicht verbrannt worden. Mediziner weltweit profitieren nun von den neuen Erkenntnissen der OP.

Gesicht durch Stromschlag verbrannt
Dem Texaner Dallas Wiens prophezeiten Ärzte im Jahr 2008, dass er nie wieder sprechen und richtig essen könne. Er würde nie mehr imstande sein, feste Nahrung zu sich zu nehmen, da er nicht mehr genügend Speichel produzieren könne. Dem heute 28-Jährigen hatte damals bei einem Arbeitsunfall ein Stark-Stromschlag die Augen, die Nase, die Lippen, das Kinn, Haut und Muskeln verbrannt. Doch drei Jahre später sollte sich alles ändern. Die Angehörigen eines Verstorbenen hatten eingewilligt, dass Dallas das Gesicht des anonymen Spenders erhalten solle.

15-stündige Transplantation
Im März 2011 transplantierte dann ein 30-köpfiges Spezialistenteam des Brigham and Women´s Hospital in Boston (US-Bundesstaat Massachusetts) dem Patienten in einer 15-stündigen Operation Nase, Lippen, Gesichtshaut, Muskeln und Nerven des toten Spenders. Schnell zeigte sich, dass die OP erfolgreich war und der Texaner zeigte sich bereits zwei Monate danach in der Öffentlichkeit. Ein Wiederherstellen seines Augenlichts war zwar nicht möglich, doch Wiens könne seit dem wieder durch die Nase atmen und riechen, essen, lächeln und auch Berührungen im Gesicht spüren.

Patient vermisst nichts – außer sein Augenlicht
Vor wenigen Tagen trat Wiens nun erneut vor die Presse und sagte bei der Konferenz der Radiological Society of North America in Chicago: „Mein ganzes Leben ist ein Wunder!“ Er sagte außerdem: „Mein Leben war vor dem Unfall sehr turbulent. Ich vermisse nichts – außer vielleicht mein Augenlicht. Ich habe viel über andere Menschen und mich gelernt. Über mein Leben als Blinder.“ Die Ärzte veröffentlichten auf dem Kongress auch erstmals Informationen zur Entwicklung des Patienten nach der OP. So zeigten Bilder, dass sich bereits ein Jahr nach der Transplantation ein neues Netzwerk von Blutgefäßen gebildet hatte, welches das transplantierte Gesicht mit Wiens Gewebe verbindet.

Erkenntnisse könnten Dauer künftiger Transplantationen verkürzen
Der an der OP beteiligte Radiologe Dr. Frank Rybicki erklärte das sensationelle Ergebnis: „Es ist das erste Mal, dass so etwas passiert ist, nachdem ein ganzes Gesicht transplantiert wurde. Dieser Befund könnte die Dauer zukünftiger Gesichtstransplantationen verkürzen. Diese Operationen können bis zu 30 Stunden dauern und beinhalten, dass wir Arterien des Patienten, die so dünn wie Spaghetti sind, mit den Blutgefäßen des Spendergewebes verbinden. Nun wissen wir, dass wir nur zwei Gesichts-oder Halsarterien statt mehrerer miteinander befestigen müssen. Gesichtstransplantationen, bei denen Gewebe von Toten eingesetzt werden, befinden sich noch im experimentellem Stadium.“

Transplantation von Eigengewebe als Alternative
Steht kein fremdes Spendergewebe zur Verfügung, so stellt die Transplantation von Eigengewebe eine Alternative dar. Doch der Erfolg dieser Methode, bei der Ärzte Haut aus Rücken, Gesäß oder den Oberschenkeln entnehmen und es in das Gesicht verpflanzen, sei beschränkt, zumindest was die körperlichen Funktionen und auch das Aussehen angeht. Ein auf diese Weise wiederhergestelltes Gesicht behalte oft ein stark maskenhaftes Aussehen. Eine Gesichtstransplantation mit fremder Spenderhaut bedeute für vollkommen entstellte, gesichtslose Menschen jedoch eine enorme Verbesserung der Lebensqualität.

Erste Gesichtstransplantation im Jahr 2005
Der französische Chirurg Jean-Michel Dubernand gilt als Pionier in der Transplantationsmedizin. Im Jahr 1998 transplantierte er erstmals eine Hand und 2005 verpflanzte er der damals 38-Jährigen Französin Isabelle Dinoire die Nase, Wangen und den Mund einer Toten. Diese OP gilt als die weltweit erste Gesichtstransplantation an einem lebenden Menschen. Bislang gibt es wenig Wissen darüber, wie lange ein Mensch mit einem Gesichtstransplantat überleben kann. Bei Wiens, der bis zum Lebensende Medikamente gegen eine Abstoßung des fremden Gewebes nehmen muss, sind es bereits drei Jahre. Und Isabelle Dinoire lebt bereits seit acht Jahren mit einem neuen Gesicht.

Leben nach einer Tragödie
Wiens Ärzte konnten ihre Erkenntnisse aus der Transplantation bereits bei weiteren Patientinnen nutzen. So transplantierten sie einer Frau ein Spender-Gesicht, nachdem ihres von einem Schimpansen zerfleischt worden war und eine andere Patientin erhielt nach der Verstümmelung mit Säure durch ihren Ehemann ebenfalls ein neues Gesicht. Der Arzt Wiens, Frank Rybicki, wolle durch die Erfolgsgeschichte der Transplantation auch andere Familien motivieren, das Gesicht eines toten Angehörigen zur Spende freizugeben. Auch Dallas Wiens stimme dem zu: „Es gibt ein Leben nach einer Tragödie, wenn man es wirklich will.“ (ad)

Bild: Martin Büdenbender / pixelio.de