Gesundheit der Berliner mit Sozialgefälle

Fabian Peters

Durchschnittsalter der Berliner steigt, ebenso wie der Pflegebedarf

09.11.2011

In Berlin hat die Gesundheitssenatsverwaltung den Gesundheitsbericht 2010/11 der Öffentlichkeit vorgestellt. Wie die Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz in Berlin, Katrin Lompscher (Die Linke) am Dienstag berichtete, ist die Bevölkerung der Hauptstadt weiter gewachsen und gesundheitlich relativ gut drauf. Allerdings sei ein eindeutiges Gefälle zwischen den ärmeren und reicheren Stadtteilen festzustellen.

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Der Gesundheitsbericht 2010/11 lasse ein deutliches Sozialgefälle bei dem Gesundheitszustand der Bevölkerung erkennen, wobei „in Bezirken mit ungünstigen sozialen Bedingungen auch die niedrigste Lebenserwartung“ vorliege, erklärte die Gesundheitssenatorin Lompscher. Zudem ist aufgrund der Alterung der Bevölkerung die Anzahl der Pflegebedürftigen insgesamt deutlich gestiegen, so eine weitere Kernaussagen des Gesundheitsberichts. Auch hier spiele die Sozialstruktur der Stadtteile eine nicht unerhebliche Rolle.

Geburtenüberschuss und steigende Lebenserwartung in Berlin
Insgesamt hat sich die Einwohnerzahl Berlins bis zum Ende des Jahres 2010 um rund 18.000 auf 3.460.725 Menschen erhöht. Dabei liege in Berlin – im Gegensatz zum Bundestrend – auch die Anzahl der Geburten höher als die Anzahl der Todesfälle. 33.393 Kinder erblickte im Jahr 2010 in Berlin das Licht der Welt und 32.234 Personen verstarben im gleichen Zeitraum, berichtete die Gesundheitssenatorin und freute sich über den erneuten Geburtenüberschuss. Auch die durchschnittliche Lebenserwartung ist Katrin Lompscher zufolge im vergangenen Jahr weiter gestiegen. So erreichten die Berliner Frauen laut Aussage des Gesundheitsberichts im Jahr 2010 durchschnittlich ein Alter von 82 Jahren. Bei den Männern lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 77 Jahren. Allerdings sei bei der Lebenserwartung ein eindeutiges soziales Gefälle abhängig von den Stadtteilen festzustellen, so die Aussage der Gesundheitssenatorin. Demnach werden die Menschen im Stadtteil Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf im Schnitt am ältesten, während in Friedrichshain-Kreuzberg die durchschnittliche Lebenserwartung am niedrigste liege.

Pflegebedarf steigt seit Jahren
Mit dem steigenden Durchschnittsalter der Berliner Bevölkerung nimmt laut Aussage des Gesundheitsberichts auch die Zahl der Pflegebedürftigen in der Hauptstadt seit Jahren zu. So sei die Anzahl der Frauen in Pflege seit 1999 um 20 Prozent gestiegen, der Pflegebedarf bei den Männern hat sich sogar um 39 Prozent erhöht, berichtet die Gesundheitssenatorin Lompscher. Insgesamt seien heute in Berlin 3,9 Prozent der Frauen beziehungsweise 69.000 weibliche Patienten und 1,9 Prozent der Männer beziehungsweise 32.300 männliche Patienten pflegebedürftig. Betrachtet nach Pflegestufen, die den benötigten Pflegeaufwand widerspiegeln, zeigt der Gesundheitsbericht, dass mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen der Pflegestufe I zuzurechnen sind, rund ein Drittel der Pflegestufe II und circa elf Prozent als Schwerstpflegebedürftige der Pflegestufe III. Auch von den Schwerstpflegebedürftigen werde der Großteil noch zu Hause gepflegt, so die Aussage im Gesundheitsbericht. Fast die Hälfte der Frauen und mehr als zwei Drittel der Männer mit Pflegestufe III, leben derzeit noch zu Hause, erläuterte die Gesundheitssenatorin. Die Sprecherin der Gesundheitssenatsverwaltung, Sabine Hermann, ergänzte, dass in Berlin die Frauen durchschnittlich 2,2 Jahren ihrer Gesamtlebenszeit pflegebedürftig seien, die Männer fast vier Jahre.

Daten der Kassenärztliche Vereinigung Berlin zur Verbreitung von Krankheiten
Um einen umfassenden Überblick zu dem Gesundheitszustand der Bevölkerung zu gewinnen, wurden im Rahmen des diesjährigen Gesundheitsberichts erstmals auch die Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin berücksichtigt, wenn auch nur aus dem Jahr 2007. Mit Hilfe der gewonnen Daten will die Gesundheitssenatsverwaltung nicht nur das Krankheitsspektrum der Berliner exakt darstellen, sondern auch eine Optimierung der Versorgungsplanung ermöglichen. Aufgeteilt nach den Arten der Diagnose ergeben die Daten der KV Berlin, dass Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Sehfehler die häufigsten gesundheitlichen Beschwerden der Berliner bilden. Insbesondere die starke Verbreitung des Bluthochdrucks ist dabei möglicherweise unmittelbare Folge des Stadtlebens, denn bereits im Mai 2010 hatten Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen auf einer Fachtagung der „American Thoracic Society“ in New Orleans Forschungsergebnisse vorgestellt, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Bluthochdruck und der Luftbelastung belegen. Dabei war laut Aussage der Forscher eine gesundheitsschädigende Wirkung bereits bei Feinstaubbelastungen deutlich unter den vorgeschriebenen gesetzlichen Grenzwerten festzustellen.

Krankheiten abhängig von der Sozialstruktur der Stadtteile?
Die Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin ergaben außerdem, dass bei den chronischen und akuten Erkrankungen eindeutige räumliche Unterschiede festzustellen sind. Demnach wurden im Osten der Hauptstadt besonders häufig Typ-II-Diabetes-Behandlungen, Empfängnisverhütungen und Vorsorgeleistungen wie Impfungen abgerechnet, während im Westen Berlins vermehrt psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen Anlass der Behandlung waren. Der Senatorin für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz zufolge belegt der aktuelle Gesundheitsbericht auch den Zusammenhang zwischen dem Auftreten bestimmter Krankheiten und dem sozialen Umfeld. Insbesondere Erkrankungen, die über die Ernährung, die körperlichen Aktivitäten und die mentalen Konstitution unmittelbar im Zusammenhang mit dem Lebensstil stehen, wie zum Beispiel Diabetes, Adipositas, die auch als Raucherhusten bekannte chronisch obstruktive Lungenkrankheit (COPD) oder Rückenschmerzen, seien in den Stadtteilen mit schlechterer Sozialstruktur relativ stark verbreitetet, erklärte die Gesundheitssenatorin. Der Gesundheitsbericht stellte außerdem erneut fest, dass zahlreiche Berliner zu viele Kilogramm auf die Waage bringen. Mit 46 Prozent leidet annähernd jede/r zweite Berliner an Übergewicht, womit die Hauptstadt deutschlandweit hinter Hamburg auf Platz zwei bei der dicksten Bevölkerung liegt. Auch hier waren erhebliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen festzustellen, wobei allerdings die Sozialstruktur keine vergleichbare Rolle spielte, wie bei den Erkrankungen und der Lebenserwartung. (fp)

Bild: Rolf Handke / pixelio.de