Gesundheitsrisiko durch rezeptfreie Schmerzmittel

Alfred Domke

Gefährliche rezeptfreie Schmerzmittel

10.03.2014

Viele Menschen denken, dass es sich bei Schmerzmitteln wie Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol um harmlose Medikamente handelt, da sie ja rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind. Doch dem ist nicht so. Hier eine kleine Übersicht über gängige Typen, Wirkungen und Gefahren.

Leichtfertiger Umgang mit Medikamenten gefährlich
Bei Knieproblemen schnell eine Ibuprofen genommen, bei Kopfschmerzen eine Paracetamol oder eine Aspirin, wenn man morgens schlecht aus dem Bett kommt. Laut Schätzungen schlucken 3,8 Millionen Bundesbürger jährlich Schmerzmittel und ersparen sich so manchen Gang zum Arzt. Doch so ein leichtfertiger Umgang mit vermeintlich harmlosen Mitteln kann gefährlich sein. „Im Großen und Ganzen gehen die Deutschen mit Schmerzmitteln verantwortungsvoll um“, so Prof. Kay Brune von der Deutschen Schmerzgesellschaft gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. „Trotzdem gibt es Missbrauch.“

Entzündungshemmer mit einer Menge Komplikationen
Die rezeptfreien Medikamente werden von Vielen zu häufig eingenommen und ohne das Wissen, wie die Präparate wirken beziehungsweise wann ihr Einsatz sinnvoll ist. Entzündungshemmende Schmerzmittel wie die Arzneistoffe ASS (Aspirin), Diclofenac und Ibuprofen, die in jeder Apotheke ohne Rezept zu bekommen sind, sind am weitesten verbreitet. Diesen Mitteln gemein ist, dass sie die Bildung von Schmerzbotenstoffen verhindern, Fieber senken und Entzündungen entgegenwirken. „Entzündungshemmer werden am häufigsten genommen, haben aber eine Menge Komplikationen“, so Müller-Schwefe. Je nach Dosis könnten sie das Risiko für einen Herzinfarkt oder Magenblutungen erhöhen. „Dass sie frei verkäuflich sind, macht sie nicht zu harmlosen Medikamenten“, so der Experte.

Mit zunehmendem Alter steigen die Risiken
Auch der Pharmakologe Brune sieht die Gefahren: „Die genannten Entzündungshemmer unterdrücken das Warnsymptom Schmerz und behindern die Heilung.“ Dies geschehe, indem sie eine Reihe von körpereigenen Schutzhormonen (Prostaglandine) hemmen. Müller-Schwefe erklärt: „Die sind dazu da, zum Beispiel den Magen-Darm-Trakt, die Niere und das Herzkreislaufsystem zu schützen.“ Er warnt: „Solche Medikamente verändern den Körper nachhaltig. Man muss keine Panik machen, aber das sind keine Lutschbonbons.“ Die schädlichen Wirkungen hängen laut Brune stark von Therapieform, Dosierung und Alter des Patienten ab. Jüngere ohne Grunderkrankungen müssten sich keine Sorgen machen, wenn sie ab und zu eine Tablette nehmen, doch mit zunehmendem Alter steigen die Risiken: „Leider sind es die Älteren, die ihr tägliches Schmerzmittel brauchen, um mit den täglichen Herausforderungen fertig zu werden.“

Paracetamol wirkt giftig auf die Leber
Paracetamol wirkt nur im zentralen Nervensystem und nicht wie ASS, Ibuprofen oder Diclofenac in den entzündlichen Bereichen. Das Medikament steht schon seit längerem in der Kritik. „Es hat sich erst in den letzten Jahren herausgestellt, dass Paracetamol genauso wie Ibuprofen oder Diclofenac die Bildung der Gewebeschutzstoffe behindert“, so Brune. Daher könne Paracetamol alle Probleme der sogenannten Prostaglandin-Synthesehemmer aufweisen. Erschwerend komme hinzu, dass das Medikament giftig auf die Leber wirkt und daher niedrig dosiert werden müsse. Gefährlich sei zudem, dass der Wirkstoff in zahlreichen Kombinationsschmerzmitteln enthalten ist und somit weder für den Patienten noch für den Arzt einfach zu erkennen sei, ob die empfohlene Tageshöchstdosis überschritten wurde. Da es laut Brune daher leicht zu Überdosierungen kommen könne, sollten Patienten, die bereits Leberschäden haben, stark untergewichtig sind oder chronische Muskelerkrankungen haben, Paracetamol nicht einnehmen.

Medikamente mit Morphin auf Spezialrezepten
Weitere Schmerzmittel, die jedoch rezeptpflichtig sind, docken im gesamten Körper – im Nervensystem, der Peripherie, an entzündetem Gewebe, im Rückenmark und im Gehirn – an die Opiatrezeptoren an. Diese Medikamente dienen primär der Bekämpfung chronischer Schmerzen, beispielsweise durch Krebs, nach schweren Unfällen oder wenn bei rheumatischen Leiden andere Therapieformen keine ausreichende Wirkung bringen, erklärte Brune. Die Wirkstoffe dieser Gruppe leiten sich vom Morphin ab. „Sie weisen eigene Probleme auf und sind zu Recht nur auf Rezept, meist auf Spezialrezepten, zu erhalten. Ihr Suchtpotenzial ist groß.“ Bei dem Gebrauch der Opiate könnten Atmungsstörungen, Übelkeit und Erbrechen, Gewichtsverlust und einige mehr Beschwerden auftreten.

Antiepileptika und Antidepressiva
Auch Antiepileptika sind Schmerzmittel, welche an der Nervenzellenmembran stabilisierend wirken. Diese kommen zum Einsatz, wenn der Schmerz nicht durch eine Gewebestörung entsteht, sondern der Nerv fälschlicherweise Schmerzinformationen sendet, ohne dass eine Schädigung existiert. Wie Müller-Schwefe erläuterte, werden diese Mittel bei Infektionen, Nervenverletzungen, aber auch bei Stoffwechselstörungen verwendet. Zu nennen wären auch noch die sogenannten Koanalgetika, die gegen Schmerzen helfen, obwohl sie gar keine Schmerzmittel sind. Ein Beispiel dafür sind Antidepressiva. „Sie wirken an den Natriumionenkanälen und sind in der Lage, die Muskulatur zu entspannen“, so der Experte.

Schmerzmittel nie ohne ärztlichen Rat einnehmen
Die gängigsten frei verkäuflichen Schmerzmittel unterscheiden sich oft in ihren verschiedenen Nebenwirkungen oder auch darin, für wen sie besser oder schlechter geeignet sind. So schädigen die einen den Magen-Darm-Trakt mehr als andere oder haben unterschiedliche Auswirkungen auf die Blutgerinnung. Manche Mittel seien nicht bei Schwangerschaft oder für unter 16-Jährige erlaubt und von anderen sollte man bei allergischer Veranlagung die Finger lassen. Grundsätzlich gelte für alle rezeptfreien Schmerzmittel, sie nicht länger als drei Tage hintereinander und nicht häufiger als zehnmal im Monat einzunehmen, rät Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Es gilt, solche Medikamente so selten und so niedrig dosiert wie möglich zu verwenden. Und der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, Gerhard Müller-Schwefe, meinte: „Auch einfache Schmerzmittel sollte man nie ohne ärztlichen Rat nehmen. Es ist weit sinnvoller, erst eine exakte Diagnose zu haben.“ (ad)

Bild: Tim Reckmann / pixelio.de