Gesundheitsgefährdung: Kinderärzte warnen vor den Risiken des Diäten-Hypes

Kinderärzte haben vor einem "Diäten-Hype" gewarnt. Einschneidende Ernährungsumstellungen könnten zu erheblichen Störungen bei Kindern führen. (Bild: Svetlana Fedoseeva/fotolia.com)
Alfred Domke
Kinderärzte warnen vor gesundheitlichen Folgen durch „Diäten-Hype“
Es ist schwierig, genau festzulegen, wie eine gesunde Ernährungsweise aussehen soll. Noch problematischer wird dies, wenn es um Kinder geht. Doch so manche Eltern setzen ihren Nachwuchs auf die Kost, die sie selbst als gesund ansehen. Das kann für die Kleinen gesundheitliche Folge haben. Kinderärzte haben nun vor einem sogenannten „Diäten-Hype“ gewarnt.

Immer mehr Menschen achten auf ihre Ernährungsweise
Immer mehr Menschen achten ganz genau darauf, welche Lebensmittel sie zu sich nehmen. Manche meinen Vollkorn macht uns gesünder, andere schwören auf die besten Eiweißquellen. Und wieder andere setzen verstärkt auf sogenanntes „Clean Eating“ ohne verarbeitete Lebensmittel, auf vegane Speisen oder die Paelo-Diät, mit der man durch Steinzeit-Essen abnehmen kann.

Eltern, die sich für eine bestimmte Ernährungsweise entschieden haben, verordnen diese oft auch ihren Kindern. Die Folgen können mitunter gravierend sein. Der Verband der auf Magen-Darm-Krankheiten spezialisierten Kinderärzte hat nun vor einem „Diäten-Hype“ gewarnt.

Kinderärzte haben vor einem "Diäten-Hype" gewarnt. Einschneidende Ernährungsumstellungen könnten zu erheblichen Störungen bei Kindern führen. (Bild: Svetlana Fedoseeva/fotolia.com)
Kinderärzte haben vor einem „Diäten-Hype“ gewarnt. Einschneidende Ernährungsumstellungen könnten zu erheblichen Störungen bei Kindern führen. (Bild: Svetlana Fedoseeva/fotolia.com)

Ernährungsumstellungen könnten zu Störungen bei Kindern führen
Laut den Experten könnten einschneidende Ernährungsumstellungen, wie zum Beispiel eine glutenfreie Kost oder das Weglassen bestimmter Zuckerarten, ohne fundierte Diagnose durch einen Facharzt zu erheblichen Störungen bei Kindern führen, berichtet die Nachrichtenagentur dpa. Der Vorsitzende der Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE), Michael Melter sagte laut der Meldung: „Es gibt sinnvolle Diäten und es gibt Diäten, die sind rein mystisch.“

Allerdings räumte der Regensburger Professor selbstkritisch ein, dass die Medizin vor 30 Jahren selbst noch zahllose Diäten empfohlen habe. „Heute würden wir bei 90 Prozent dieser Sachen sagen, das ist eine Form der Kindeswohlgefährdung, was wir da getan haben.“ Mittlerweile sei bekannt, dass der Mensch normalerweise extrem viele verschiedene Substanzen verdauen und nutzen könne. Der Darm sei laut Melter ein „Meister der Integration“.

Viele Leiden haben keine organischen Ursachen
Der Kinderarzt und Gastroenterologe Martin Claßen aus Bremen habe zwar Verständnis für Eltern, die ihren Kindern bei Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall helfen wollten und dabei nach jedem Strohhalm greifen. Allerdings hätte die überwiegende Mehrzahl dieser Leiden bei Kindern und Jugendlichen keine organische Ursache.

Es werden immer wieder Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei Kindern festgestellt, doch laut der dpa-Meldung diagnostizierten viele Heilpraktiker Allergien mit unwissenschaftlichen Methoden. „Dann wird Kuhmilch weggelassen, dann wird Weizen weggelassen“, meinte Claßen.

Wenn Kinder aber keine Milch bekämen, könne es zu einem Kalziummangel und im Erwachsenenalter zu Osteoporose kommen. „Milchfreie Ernährung, ohne dass es notwendig ist, ist ein Risiko für die Kinder“, so Claßen.

Glutenfreie Ernährung ist nicht für alle Menschen gut
Ein weiteres Problem sie die glutenfreie Ernährung. Diese sei zwar bei der chronischen Darmkrankheit Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) sehr hilfreich, doch es gebe den Trend, auch ohne diese Diagnose auf Lebensmittel mit dem Klebereiweiß zu verzichten. Dabei ist seit längerem bekannt, dass glutenfreie Lebensmittel nicht für alle Menschen gleichermaßen gesund sind.

Claßen äußerte Bedenken bezüglich der sozialen Folgen: „Das Risiko ist, dass die Teilhabe dieser Kinder an altersgerechten Aktivitäten vermindert ist.“ So etwa beim Essen auf Kindergeburtstagen oder Restaurantbesuchen mit Freunden.

Dem Experten zufolge könnten medizinisch nicht sinnvolle Diäten einen Placebo-Effekt haben. In solchen Fällen sollte versucht werden, die weggelassenen Nahrungsbestandteile nach einer gewissen Zeit wieder zu essen, und schauen, ob die Beschwerden zurückkommen. „Und in vielen Fällen kommen sie nicht wieder“, so Claßen.

Kinder essen zu viel Zucker
Grundsätzlich problematisch ist, dass Kinder deutlich zu viel Zucker essen. Da dass Essverhalten von Kindern auch durch die Werbung massiv beeinflusst wird, fordern manche Experten unter anderem ein TV-Werbeverbot für zuckerhaltige Getränke und Süßigkeiten im Kinderprogramm.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte erst im letzten Jahr ihre Leitlinie angepasst und eine geringere Zuckeraufnahme empfohlen, um das Risiko für Übergewicht, Fettleibigkeit (Adipositas), Karies oder Diabetes zu reduzieren.

Der Zuckerkonsum bei westeuropäischen Erwachsenen liegt im Durchschnitt aber immer noch fast doppelt so hoch, wie von der WHO empfohlen. Der Kinder-Endokrinologe an der Universität von Kalifornien, Robert Lustig, erläuterte laut dpa: „Wir nehmen mit unserer Nahrung inzwischen so viel zugesetzten Zucker auf, dass unser Stoffwechselsystem nicht mehr damit klarkommt.“

Keine Hungerdiäten für Kindern und Jugendliche
Die Ärztin Christiane Petersen, Gründerin und Leiterin des Projekts „Moby Dick“ (mittlerweile in „Moby Kids“ umbenannt), lehnt Hungerdiäten für Kinder und Jugendliche strikt ab. „Viele Kinder, die übergewichtig sind und zu uns kommen, haben schon ganz viele Diäten hinter sich. Oft ist es so, dass die Eltern, die selber Diät machen, dasselbe für ihre Kinder vorschlagen“, sagte die Medizinerin in einem Interview mit dem Ernährungsportal „Eat Smarter“.

„Ein Kind muss sich immer satt essen dürfen! Eine radikale Diät für Kinder schadet der Gesundheit und der Entwicklung. Kinder sind ja keine Erwachsenen; sie brauchen viele Nährstoffe für ihr Wachstum.“

Entwicklungsstand des Nachwuchses im Auge behalten
Laut Petersen sollte der Entwicklungsstand des Kindes im Auge behalten werden, bei dem moderate Gewichtszunahmen völlig normal seien. Die Gewichtsbestimmung sollte lieber einem Kinder- oder Jugendarzt überlassen werden und nicht mit dem explizit für Erwachsene gedachten Body-Mass-Index (BMI) durchgeführt werden.

„Moby Kids“ zufolge haben bundesweit etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen Übergewicht, mehr als ein Drittel davon sind sogar fettsüchtig. Das Netzwerk hat es sich nach eigenen Angaben „zur Aufgabe gemacht, Kinder und Jugendlichen mit Übergewicht oder Adipositas zwischen 8-17 Jahren beim abnehmen zu unterstützen. Dabei baut das Programm auf drei Säulen auf: Ernährungslehre, Bewegungs- und Verhaltenstraining“. (ad)

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