Glyphosat: EU-Behörde spricht krebserregenden Unkrautkiller schuldfrei

Sebastian
EFSA gibt nach Neubewertung grünes Licht für die erneute Zulassung von Glyphosat
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA hat grünes Licht für eine erneute Zulassung des Pflanzengifts Glyphosat gegeben. Demnach sei das meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel der Welt wahrscheinlich doch nicht krebserregend. Eine weitreichende Entscheidung, denn vor einem halben Jahr hatte die Internationale Krebsforschungsagentur IARC das Herbizid gegenteilig eingestuft und damit für einen großen Skandal gesorgt. Umweltschützer sind erschüttert angesichts der Mitteilung der EFSA und fordern weiterhin ein Verbot des umstrittenen Mittels.
WHO-Einrichtung stuft Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein
Glyphosat zählt zu den meistverwendeten Pflanzenschutzmitteln der Welt und wird auch hierzulande seit mehr als 40 Jahren verkauft. Das Herbizid wird vor allem in der Landwirtschaft in großem Umfang eingesetzt, aber auch privat unter der Produktbezeichnung „Roundup“ von vielen Hausbesitzern und Kleingärtnern als Anti-Unkraut-Mittel genutzt. Doch schon seit Jahren geben Studien immer wieder Hinweise auf eine gesundheitsschädliche Wirkung.

EU spricht umstrittenes Unkrautmittel frei.
EU spricht umstrittenes Unkrautmittel frei.

Im Frühjahr sorgte schließlich die Internationale Krebsforschungsagentur IARC für große Aufregung, als sie das Mittel als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuften. Denn wie die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehörende Einrichtung damals berichtete, hätten sich in den Studien bei Menschen eingeschränkte sowie bei Tierversuchen ausreichende Belege dafür gezeigt, dass Glyphosat Krebs erzeuge.

Kritiker fordern umgehendes Verbot des Mittels
Umweltschützer und diverse Politiker forderten damals umgehend ein Verbot des Unkrautvernichtungsmittels – offenbar ohne Erfolg. Denn nun hat die Neubewertung des Herbizids durch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA zu einer anderen Einstufung geführt. Demnach sei eine Expertengruppe aus EFSA-Wissenschaftlern und Vertretern von Risikobewertungsstellen in den EU-Mitgliedstaaten zu dem Schluss gekommen, „dass Glyphosat wahrscheinlich nicht genotoxisch (d.h. DNA schädigend) ist oder eine krebserregende Bedrohung für den Menschen darstellt“, so eine aktuelle Mitteilung der EFSA.

Es werde daher nicht empfohlen, „Glyphosat als karzinogen gemäß der EU-Verordnung über die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von chemischen Stoffen einzustufen“, teilt die EFSA mit. Insbesondere die Experten aus dem Mitgliedstaaten seien sich mit einer Ausnahme einig gewesen, „dass weder die epidemiologischen Daten noch die Befunde aus Tierstudien einen Kausalzusammenhang zwischen der Glyphosat-Exposition und einer Krebsentstehung beim Menschen aufzeigten“.

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Einer der Gründe für die unterschiedlichen Schlussfolgerungen sei demnach, dass in die Neubewertung eine Reihe von Studien eingeflossen wären, die nicht von der IARC bewertet worden waren, so das Statement der EFSA.

EFSA schlägt Erhöhung der täglich akzeptierten Aufnahmemenge vor
Doch das ist längst nicht alles, denn die Fachleute schlagen zudem eine Erhöhung der täglich akzeptierten Aufnahmemenge auf 0,5 mg pro Kilo Körpergewicht vor – bislang lag diese bei 0,3 Gramm. Umweltschützer sind angesichts der neuen Einstufung schockiert, denn eine Verlängerung der EU-Zulassung für das Herbizid scheint nun sicher. Diese muss zwar endgültig durch die EU-Kommission in Brüssel erteilt werden, doch Experten gehen davon aus, dass der Einschätzung der eigenen Behörde gefolgt wird.
Der aktuelle Bericht der EFSA sei „ein Beleg für die unglaubliche Ignoranz“ der Behörde in Hinblick auf die gesundheitlichen Risiken durch den Wirkstoff, teilt der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) mit. „Besonders verwerflich“ sei demnach die geplante Anhebung der täglich akzeptierten Dosis für die Aufnahme.

„Trotz der Einstufung von Glyphosat durch Krebsforscher der Weltgesundheitsorganisation als wahrscheinlich krebserzeugend hat die EFSA leider verharmlosende Bewertungen des Wirkstoffes durch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kritiklos übernommen“, sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Demzufolge sei inzwischen klar, dass wichtige Hinweise aus der BfR-Bewertung in Hinblick auf die Krebsgefahr durch Glyphosat bei der Neubewertung nicht berücksichtigt wurden.

Wirkstoffüberprüfung gleicht einem Trauerspiel
Der Europa-Abgeordnete und Bio-Bauer Martin Häusling beurteilt das Ergebnis der EFSA als „geschönt von Anfang an“. Er kritisiert, dass die EU-Behörde vertraulichen Industriedaten mehr traue als den veröffentlichten Daten der Weltgesundheitsorganisation. Seiner Ansicht nach sei die EU-Kommission gut beraten, ihre Empfehlungen über eine mögliche Wiederzulassung nicht auf Grundlage von Risikobewertungen zu treffen, denen Industriefreundlichkeit und Intransparenz vorgeworfen wird. „Die EU-Wirkstoffüberprüfung von Glyphosat gleicht einem Trauerspiel in mehreren Akten“, so Häusling. (nr)