Grimassen schneiden: Babys können Gesichtsausdrücke noch nicht nachahmen

Vor dem Kinderbettchen werden von Erwachsenen gerne Grimassen geschnitten, weil es ja so süß ist, wenn Babys den Gesichtsausdruck imitieren. So scheint es. Tatsächlich sind sie dazu noch gar nicht in der Lage. (Bild: Alexandr Vasilyev/fotolia.com)
Alfred Domke
Neue Studie: Babys können Grimassen doch nicht imitieren
Es ist schier unglaublich, wie viel und wie schnell Babys lernen. Selbst die Gestik der Erwachsenen wird imitiert. Das Denken zumindest viele Eltern, wenn sie vor der Wiege Grimassen schneiden und denken, ihr Nachwuchs macht es ihnen nach. Forscher stellten nun allerdings fest, dass die Kleinen dazu wohl nicht in der Lage sind.

Neugeborene können keine Gesichtsausdrücke nachahmen
Paare, die das erste Mal Eltern geworden sind, sind häufig damit beschäftigt, sich in den ersten Wochen voll auf das Baby zu konzentrieren. In der Regel wissen die meisten zwar, dass Babys durch Babysprache verdummen, doch trotzdem lassen sich viele nicht vom „Dutzi Dutzi“ oder „Bubu machen“ abhalten. Außerdem werden vor den Bettchen Grimassen geschnitten, weil es ja so süß aussieht, wenn die Kleinen die Gestik imitieren. Doch offenbar ist der Nachwuchs dazu noch gar nicht in der Lage: Babys können laut neuesten Erkenntnissen Gesichtsausdrücke nicht nachahmen. Sie müssen diese Fähigkeit erst erlernen.

Erwachsene schneiden vor dem Kinderbettchen gerne Grimassen, weil es ja so süß ist, wenn Babys den Gesichtsausdruck imitieren. So scheint es. Tatsächlich sind die Kleinen dazu noch gar nicht in der Lage. (Bild: Alexandr Vasilyev/fotolia.com)
Erwachsene schneiden vor dem Kinderbettchen gerne Grimassen, weil es ja so süß ist, wenn Babys den Gesichtsausdruck imitieren. So scheint es. Tatsächlich sind die Kleinen dazu noch gar nicht in der Lage. (Bild: Alexandr Vasilyev/fotolia.com)

Fähigkeit wird Säuglingen nicht in die Wiege gelegt
Offenbar ist die Fähigkeit, Gesten und Gesichtsausdrücke zu imitieren, Säuglingen doch nicht in die Wiege gelegt worden. Während der ersten Monate seien sie zwar höchst interessiert an dem, was der Gegenüber vormacht, aber keineswegs in der Lage, gezielt Grimassen, Handbewegungen oder Geräusche nachzuahmen. Wie der „Spiegel“ online berichtet, prüften die Forscher um Janine Oostenbroek und Virginia Slaughter von der University of Queensland (Australien) bei 106 Babys jeweils im Alter von ein, zwei, sechs und neun Wochen, ob sie vorgemachte Gesichtsausdrücke oder Gesten imitierten. „Die Ergebnisse waren klar und deutlich: Die Kinder imitierten keine der Verhaltensweisen, die sie zu sehen bekamen“, schrieben die Wissenschaftler im Fachmagazin „Current Biology“.

In den ersten Lebensmonaten erlerntes Verhalten
„Zahlreiche Studien aus den 1980er und 90er Jahren haben nicht auf Nachahmung von Neugeborenen hingedeutet, andere wiederum schon“, sagte Slaughter laut einer Meldung des Internetportals „ScienceDaily“. „Wir wollten die Verwirrung klären, weil die „Tatsache“, dass Neugeborene imitieren, häufig zitiert wird, nicht nur in den Bereichen Psychologie, Neurowissenschaft und Pädiatrie, sondern auch in populären Quellen für Eltern.“ Laut dem „Spiegel“ sei die Wahrscheinlichkeit, dass Neugeborene eine identische Grimasse zeigten, in der aktuellen Untersuchung jeweils genauso hoch gewesen wie für irgendeine andere. Die Studie weise außerdem darauf hin, dass Nachahmung gar kein angeborenes, sondern ein in den ersten Lebensmonaten erlerntes Verhalten sei.

Aufregung beim Anblick eines Erwachsenen
Entscheidend dafür, dass viele Untersuchungen in der Vergangenheit zu dem Schluss kamen, dass schon Neugeborene Gesten und Mimiken nachahmen können, sei laut Slaughter sei vor allem die stark eingeschränkte Wahl vorgemachter Ausdrücke in den früheren Studien. Die „Vormacher“ hätten demnach oft nur die Zunge herausgestreckt oder den Mund geöffnet. „Wenn Kinder auch ihre Zunge wölben, wenn ein Erwachsener ein glückliches Gesicht macht oder mit den Fingern zeigt, ist es nicht ein Fall von Nachahmung, sondern wahrscheinlich Aufregung beim Anblick eines Erwachsenen, der etwas Interessantes tut“, erläuterte Slaughter. Das Forscherteam nutzte daher eine deutlich größere Zahl ganz verschiedener Gesten und Ausdrucksformen, die den Kleinen jeweils 60 Sekunden lang gezeigt wurden.

Untersuchung ließ nicht auf gezielte Nachahmung schließen
Neben herausgestreckter Zunge und offenem Mund zählten auch ein trauriges Gesicht und ein Lächeln zu den elf Verhaltensweisen. Des Weiteren kamen zwei Gesten (Fingerzeig und Greifen) und drei Laute („mmm“, „eee“, „click“) hinzu. Und mit zwei Objekten wurden Handgesten nachgeahmt: ein aus einer Röhre herausgestreckter Löffel (als Finger-Kopie) sowie eine sich schließende Box (als Entsprechung zum Greifen), so der „Spiegel“. Wie die Wissenschaftler erläuterten, seien viele der 106 Babys bei einzelnen Tests eingeschlummert oder hätten zu schreien begonnen. Daher wurden nur die Datensätze von 64 bis 90 der Kinder ausgewertet. Kein einziger davon ließ auf gezielte Nachahmung schließen.

Eltern ahmen Mimik und Gestik ihrer Babys nach
Slaughter erklärte, dass es in der Realität oft so sei, dass es zunächst die Eltern seien, die die Mimik und Gestik ihrer Kleinen nachahmen. Ihre Auswertung habe gezeigt, dass dies im Mittel beim Umgang mit dem Baby einmal alle zwei Minuten passiere. Die Kinder lernten auf diese Weise wahrscheinlich, eigene Ausdrücke mit denen anderer zu verlinken – und sie schließlich nachzuahmen. „Die Ergebnisse sollten eine aufbauende Neuigkeit sein für all jene, die vergebens darauf gewartet haben, dass ihr Neugeborenes sie imitiert“, so das Fazit der Forscher. „Das ist absolut normal – und irgendwann beginnen sie fast alle damit.“ Sie nehmen an, dass das möglicherweise erst mit sechs bis acht Monaten passiere. Weitere Auswertungen sollen nun zeigen, wann genau. Die Studienergebnisse aus früheren Untersuchungen wurden auch schon vor Jahren von Wissenschaftlern angezweifelt. So hatten Elizabeth Ray vom University College London und Cecilia Heyes von der University of Oxford 2011 im Fachmagazin „Developmental Science“ geschrieben, dass sowohl die Methodik der Analysen als auch die Interpretation der Beobachtungen zu bemängeln sei. (ad)

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