Grippe erhöht das Narkolepsie-Risiko

Fabian Peters

Schlafkrankheitsrisiko steigt durch Grippeerkrankungen

24.08.2011

Forscher haben einen Zusammenhang zwischen Grippeinfektionen und der sogenannten Schlafkrankheit (Narkolepsie) nachgewiesen. Durch eine Grippe-Erkrankung steige das Risiko einer anschließenden Narkolepsie, berichten Studienleiter Emmanuel Mignot und Kollegen von der Stanford University in Kalifornien in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals „Annals of Neurology“.

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Im Rahmen ihrer Studie hatten die Wissenschaftler rund 900 chinesische Narkolepsie-Patienten untersucht und dabei nach eigenen Angaben deutliche Hinweis dafür entdeckt, „dass winterliche Infektionen mit Influenza A und/oder Streptokokken als Auslöser der Narkolepsie wirken.“ Rund fünf bis sieben Monate nach einer Grippewelle ist laut Aussage der Forscher auch die Anzahl der Narkolepsie-Erkrankungen gestiegen. Im Anschluss an die besonders schwere Grippeepidemie im Winter 2009/2010 haben sich Narkolepsie-Fälle sogar verdreifacht, so das Ergebnis der aktuellen Studie. Einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Schlafkrankheit und den Grippeschutzimpfungen konnten die Forscher indes ausschließen – zumindest für den in China verwendeten Impfstoff.

Schlafkrankheit durch Grippeimpfung?
Zuletzt hatte die europäischen Arzneimittelbehörde EMA auf Basis neuster epidemiologischer Studien aus Finnland und Schweden, der Sicherheitsdaten der Gesundheitsbehörden und der Fallberichte aus verschiedenen EU-Staaten, einen Verzicht auf den Einsatz des Grippeimpfstoffs Pandemrix® bei Heranwachsenden empfohlen (Impfstoff verursacht Narkolepsie). Denn dieser könne laut EMA unter Umständen das Narkolepsie-Risiko deutlich erhöhen. Gestützt wurde diese Einschätzung auch durch die vorläufigen Ergebnisse einer epidemiologischen Studie des VAESCO-Netzwerks (Vaccine Adverse Events Surveillance and Communication) der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC. Die Wissenschaftler um Emmanuel Mignot von der Stanford University in Kalifornien schließen einen Zusammenhang mit den Grippeschutzimpfungen bei den rund 900 chinesischen Narkolepsie-Patienten hingegen aus. Lediglich 5,6 Prozent der Narkolepsie-Patienten wurden laut Aussage der Forscher im Vorfeld gegen Grippe geimpft. Tatsächlich gehe jedoch von der Grippe an sich ein erhöhtes Narkolepsie-Risiko aus, erläuterten die Experten. Wie Studienleiter Emmanuel Mignot betonte, ist „die Entdeckung, dass es keine Assoziation mit der Impfung gibt“ besonders wichtig. Denn dies könne als Hinweis darauf gewertet werden, dass sich „das Erkrankungsrisiko sogar erhöhen könnte, wenn man aus Angst vor Narkolepsie die Impfungen einschränkt.“

Der Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Schlafkrankheit und den Grippeschutzimpfungen wurde nach dem Einsatz des umstritten Impfstoffs Pandemrix im Zuge der Schweinegrippe-Epidemie 2009/2010 erstmals genau unter die Lupe genommen. Dabei kamen zum Beispiel epidemiologische Untersuchungen aus Finnland zu dem Ergebnis, dass hier rund neun Mal mehr Kinder nach einer Impfung mit Pandemrix an Narkolepsie erkrankten als im landesweiten Durchschnitt. Die anschließend eingeleiteten Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der europäischen Arzneimittelbehörde ergaben, dass der Impfstoff offenbar durch die Wechselwirkung mit anderen Substanzen zum Ausbruch der Schlafkrankheit führen könne. Welche Substanzen diese Wechselwirkungen verursachen, blieb bislang jedoch unklar, obwohl bereits früh der Verdacht auf zwei enthaltene Wirkverstärker, sogenannte Adjuvantien, fiel. Ob auch Grippeimpfstoffe ohne enthaltene Adjuvantien unter Umständen das Narkolepsie-Risiko erhöhen, haben die Wissenschaftler um Emmanuel Mignot nun in ihrer aktuellen Studie anhand des in China eingesetzten Grippeimpfstoffs überprüft.

Im Rahmen ihrer Untersuchung habe sich kein erhöhtes Erkrankungsrisiko der geimpften Narkolepsie-Patienten gegenüber den ungeimpften Probanden ergeben, berichten die Forscher der Stanford University. Da eine Influenza-Schutzimpfung das Gripperisiko reduziert und die Grippe an sich als Risikofaktor für Narkolepsie zu bewerten sei, sollten Menschen keineswegs aus Angst vor Narkolepsie auf eine Grippeimpfung verzichten, betonte Studienleiter Emmanuel Mignot. Mignot geht davon aus, dass durch die Impfung mit einem milden Grippeimpfstoff ohne Wirkverstärker das Risiko der Narkolepsie sogar reduziert werden könnte. Der Wissenschaftler beschäftigt sich seit Jahren mit der Erforschung der Schlafkrankheit und hat im Jahr 2009 gemeinsam mit seinen Kollegen erstmals den Beweis erbracht, dass die Erkrankung als Autoimmunkrankheit zu verstehen ist. Dabei greifen laut Aussage des Experten die Abwehrzellen des Körpers offenbar irrtümlich Nervenzellen an, in denen ein bestimmtes Protein hergestellt wird. Für die Betroffenen folgen daraus erhebliche Beeinträchtigungen wie extreme Schläfrigkeit im Tagesverlauf, Schlafstörungen und plötzlich auftretendes Muskelversagen.

Dem US-Wissenschaftler zufolge leiden rund drei Millionen Menschen weltweit an Narkolepsie, wobei eine genetische Prädisposition für die Erkrankung bestehe und spezielle Umweltfaktoren diese schließlich auslösen. Ein solcher Umweltfaktor kann laut Aussage der Forscher zum Beispiel eine winterliche Erkältung sein, auf die eine übersteigerte Reaktion des Immunsystems folgt. Da auch bei dem Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix ein erhöhtes Narkolepsie-Risiko nachzuweisen war, scheinen bestimmte Inhaltsstoffe hier ebenfalls als krankheitsauslösende Umweltfaktoren zu wirken. Um die Gesamtheit der Umweltfaktoren zu ermitteln und zu erklären, auf welche Weise die Autoimmunerkrankung Narkolepsie durch diese Umweltfaktoren provoziert wird, sind laut Aussage der Wissenschaftler in den kommenden Jahren umfassende weitere Untersuchungen erforderlich. (fp)