Grippemedikament heilt Hirnverletzungen

Fabian Peters

Grippemedikament hilft laut einer Studie bei Schädel-Hirn-Trauma

12.03.2012

Die Heilung von Hirnverletzungen kann durch das Grippemedikament Amantadin positiv beeinflusst werden. Ein internationales Forscherteam aus Deutschland, Dänemark und den USA hat herausgefunden, dass die Verletzungen bei Schädel-Hirn-Trauma-Patienten schneller heilen, wenn sie Amantadin einnehmen.

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Bei schweren traumatischen Hirnverletzungen wurde bereits in der Vergangenheit häufig begleitend Amantadin verschrieben, ohne dass jedoch wissenschaftliche Studien zum Beleg der Wirkung des Medikaments bei Schädel-Hirn-Trauma-Patienten vorlagen, schreiben Wissenschaftler in dem Fachmagazin „The New England Journal of Medicine“. Erstmals haben die Forscher um Joseph T. Giacino vom JFK Johnson Rehabilitation Institute an der Seton Hall Universität in New Jersey (USA) und John Whyte, Professor für Rehabilitationsmedizin an der Thomas Jefferson University in Philadelphia (USA), in ihrer Studie einen eindeutigen Effekt des Grippemedikaments bei schweren Hirnverletzungen wissenschaftlich belegt.

Funktionelle Erholung des Gehirns untersucht
Das internationale Team von Wissenschaftlern hat die Wirkung des Grippemedikaments auf 184 Patienten, die sich „in einem vegetativen Zustand minimalen Bewusstseins“ befanden oder vier bis 16 Wochen zuvor eine traumatische Hirnverletzung mit anschließendem Wachkoma erlitten, untersucht. Zu diesem Zweck wurden die durchschnittlich 36 Jahre alten Probanden in in zwei Gruppen unterteilt: Eine Kontrollgruppe in der Placebo-Präparate verteilt wurden und eine Gruppe, die Amantadin erhielt. Über vier Wochen nahmen die Studienteilnehmer ihre Medikamente beziehungsweise ihr Placebo ein und zwei weitere Wochen wurden als „Auswaschphase“ berücksichtigt, berichten Giacino und Whyte. Sowohl nach vier Wochen als auch im Anschluss an die Auswaschphase stellten die Forscher anhand der sogenannten „Disability Rating Scale“ die funktionelle Erholung des Gehirns fest. Das Ergebnis: Die Probanden in der Amantadin-Gruppe erholten sich deutlich besser, als in der Kontrollgruppe.

Grippemedikament beschleunigt die Heilung des Gehirns
Bei der ersten Untersuchung nach vier Wochen zeichnete sich ab, dass sich der Zustand der Schädel-Hirn-Trauma-Patienten in der Amantadin-Gruppe wesentlich besser entwickelt hat als in der Placebo-Gruppe, schreiben die Neurologen in ihrem aktuellen Artikel. So konnten die Probanden, die das Grippemedikament einnahmen, deutlich häufiger einfache Ja-Nein-Fragen beantworten oder simple Anweisungen ausführen, als die Patienten der Kontrollgruppe. Auch motorisch waren die Teilnehmer in der Amantadin-Gruppe besser drauf, so die Aussage der Forscher. Einige konnten bereits wieder koordinierte Handlungen, wie das Greifen eines Löffels oder sogar Haare bürsten, ausüben. Allerdings relativierten sich die positiven Effekte im Zuge der Auswaschphase und die funktionelle Erholung des Gehirns nach sechs Wochen glich sich zwischen Kontrollgruppe und Amantadin-Gruppe allmählich an, erklärten die US-Forscher Whyte und Giacino.

Wirkung von Amantadin bei Schädel-Hirn-Trauma zufällig entdeckt
Demnach beschleunigt Amantadin das Tempo der funktionellen Erholung bei Schädel-Hirn-Trauma-Patienten lediglich während der aktiven Behandlung. Allerdings biete dieses „Ergebnis denjenigen Hoffnung, deren Lage vielerorts als hoffnungslos bezeichnet wird", betonte Joseph Giacino. Für die Betroffenen und insbesondere deren Familien könnte das Grippemedikament, der Strohhalm sein, an den sie sich mit ihren Erwartungen klammern. Denn mangels effektiver Medikamente ist eine erfolgreiche Behandlungsmethode bei schweren Hirnverletzungen bislang nicht möglich. So sind Mediziner vor Jahren auch eher zufällig auf die diesbezügliche Wirkung des Grippemedikaments gestoßen. Wegen fehlender zur Verfügung stehender Arzneimittel für die Behandlung von Schädel-Hirn-Trauma-Patienten, griffen Ärzte auf Basis von „Intuition und Logik“ auf Amantadin zurück, ohne dass entsprechende Studien zur Wirkung des Grippemedikaments vorlagen, berichtet John Whyte. Der Effekt habe überzeugt und so setzen Mediziner seit Jahren bei der Behandlung von schweren Hirnverletzungen Amantadin ein, erklärte der Neurologe.

Grippemedikament vielseitig einsetzbar
Mitte der 1960er Jahre wurde Amantadin als Grippemedikament zugelassen, doch schnell zeigte sich auch eine Wirkung bei anderen Erkrankungen. So wiesen verschiedene Studien darauf hin, dass das Grippemedikament auch die Symptome bei Parkinson lindern kann, woraufhin Amantadin ebenfalls zur Behandlung von Parkinson zugelassen wurde. Aus neurologischer Sicht ist vor allem die Wirkung des Amantadins auf das Dopaminsystem interessant. Der umgangssprachlich als Glückshormon bezeichnete Botenstoff Dopamin spielt auch bei der motorischen Koordination und der mentalen Aufmerksamkeit eine wesentliche Rolle. In welcher Weise das Grippemedikament die funktionelle Erholung des Gehirns nach einem Schädel-Hirn-Trauma beschleunigt, konnten die Forscher im Rahmen ihrer aktuellen Untersuchung jedoch noch nicht klären. Vorerst sei ihnen wichtig gewesen zu erörtern, „ob wir Patienten mit einem nützlichen, einem nutzlosen oder sogar schädlichen Medikament behandeln“, erklärte Whyte.

Langzeitwirkung des Grippemedikaments noch nicht untersucht
Die Studie des internationalen Forscherteams lässt insbesondere in Bezug auf die Langzeitwirkung des Grippemedikaments zahlreiche Fragen offen. Auch bleibt ungeklärt, ob alle Schädel-Hirn-Trauma-Patienten gleichermaßen von der Behandlung profitieren können, oder ob sich die positiven Effekt nur bei besonders schweren Hirnverletzungen zeigen. Um diesen und weiteren kritischen Punkten auf den Grund zu gehen, planen die Forscher nach eigener Aussage zusätzliche langfristige Studien zum Einsatz des Grippemedikaments Amantadin bei der Behandlung von „posttraumatischen Störungen des Bewusstseins“. Da bisher auf diesem Gebiet eine Vielzahl von Rückschlägen zu verzeichnen war, seien jedoch schon die aktuellen Ergebnisse äußerst erfreulich. Zudem könnten sie nach Ansicht der Forscher einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung neuer Behandlungsmethoden bei schweren Hirnverletzungen leisten. (fp)