Tamiflu laut Forscher ohne Wirksamkeit

Fabian Peters

Studie: Grippemedikament Tamiflu annähernd ohne Wirkung

10.04.2014

Das Grippemittel Tamiflu (Wirkstoff Oseltamivir) leistet nahezu keinen Beitrag zum Grippeschutz, so das vernichtende Urteil einer Metastudie der Cochrane Collaboration. In Bezug auf die aktuellen Studienergebnisse berichtet das „British Medical Journal“ (BMJ), dass hier offenbar von einer enormen Gier der Pharmafirmen ausgehend, auf Basis bescheidener klinischer Daten, der Wirkstoff massiv in den Markt gedrückt wurde.

Die Wissenschaftler der Cochrane Collaboration sind mit ihren Schlussfolgerungen vorsichtiger, doch kommen sie zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die Schutzwirkung von Tamiflu äußerst gering ausfällt. Zudem habe das Medikament keinen signifikanten Effekt auf die Zeit der verlorenen Arbeitstage oder die Wahrscheinlichkeit einer erforderlichen stationären Behandlung im Krankenhaus. Die Patienten hätten von der Einnahme kaum profitiert. „Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass Roche (Hersteller des Impfstoffs) und die Aktionäre sehr von Oseltamivir (Tamiflu)“ profitierten, so die Kritik der Autoren im „BMJ“.

Erfolg dank Angst vor drohender Pandemie
Seinen Erfolg verdankte Tamiflu vor allem der Angst vor einer drohenden Influenza-Pandemie (insbesondere der Schweinegrippe-Erreger H1N1 galt hier als potenzieller Kandidat), die zahlreiche Regierungen dazu veranlasste, Milliarden Euro zu investieren und hunderttausende Dosen des Wirkstoffs einzulagern, um diese im Ernstfall schnell zum Einsatz bringen zu können. „Aus heutiger Sicht hat sich der im Jahr 2009 identifizierte H1N1-Stamm als weit weniger tödlich herausgestellt als ursprünglich befürchtet, und ein Großteil der eingelagerten Arzneien wurde nie benutzt“, berichtet das „BMJ“. Bereits unmittelbar nach der Zulassung von Tamiflu zur Grippebehandlung wurde das Medikament angesichts der festgestellten Nebenwirkungen und des zweifelhaften Nutzens von verschiedenen Seiten heftig kritisiert. Die nun veröffentlichte Studie der Cochrane Collaboration zeigt, dass zumindest in Bezug auf den Nutzen die Zweifel gänzlich gerechtfertigt waren. Allerdings hat die Pharmafirma Roche bereits erklärt, dass sie die Ergebnisse der Forscher nicht anerkenne.

Lohnendes Geschäft mit Tamiflu
Für Roche war das Geschäft mit dem bereits 1999 eingeführten Wirkstoff Oseltamivir durchaus lohnend. Das „BMJ“ nennt einen „kumulierten Umsatz von über 18 Milliarden Dollar.“ Mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes stamme von Regierungen und Unternehmen, die Lagerbestände für eine Pandemie-Vorbereitung gebildet haben. Allein in den USA seien 1,3 Milliarden Dollar für den Kauf des Impfstoffs ausgegeben worden. „Im Spitzenjahr 2009 berichtete Roche von Einnahmen aus dem Geschäft mit Oseltamivir in Höhe von 3,6 Milliarden Dollar“, so die Angaben der Fachzeitschrift. Die Gewinnmargen für das Unternehmen seien dabei – trotz des zum Teil reduzierten Abgabepreises – beachtlich gewesen. Nicht zuletzt, weil relativ wenige, teure klinische Studien durchgeführt wurden und weil die Marketingaufwendungen sehr begrenzt waren, da mit einer Handvoll politischer Entscheidungsträger statt mit der üblichen großen Anzahl von Handelsvertretern, Ärzten und Gesundheitsinstitutionen in den einzelnen Ländern verhandelt wurde.

Überarbeitung der nationalen Pandemiepläne gefordert
Die Autoren im „British Medical Journal“ forderten eine neue Debatte über die nationalen Leitlinien, die im Fall zukünftiger Pandemien gelten sollen. Denn der Wirkstoff habe die Dauer der Erkrankung um maximal einen Tag verkürzt und keinen Effekt auf das Risiko drohender Komplikationen oder die Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung gezeigt. Dafür würde die Patienten jedoch einem erhöhten Risiko von Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Nierenprobleme, Übelkeit und Erbrechen ausgesetzt. Da seit dem Jahr 2009 kaum Anpassungen der Leitlinien erfolgt seien, bestehe hier dringender Handlungsbedarf. In Deutschland gilt derzeit der Nationale Pandemieplan aus dem Jahr 2007, an dessen Erstellung neben dem Robert-Koch-Institut (RKI) unter anderem das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beteiligt waren.

Bevorratung von Tamiflu fragwürdig
Demnach stellt sich auch hierzulande angesichts der neuen Erkenntnisse die Frage, ob der Pandemieplan nicht angepasst werden müsste beziehungsweise ob weiterhin eine Bevorratung von Tamiflu vorgesehen werden sollte. Allerdings haben die zuständigen Bundesländer derzeit ohnehin noch tausende Dosen des Wirkstoffs eingelagert und laut Angaben des „BMJ“ hat sich Oseltamivir chemisch als äußerst stabil erwiesen, so dass für viele der großen Restbestände die ursprünglich auf fünf Jahre beschränkte Haltbarkeit um mindestens zwei Jahre verlängert wurde. Demnach seien „neue Pandemie-Einkäufe in nennenswertem Umfang wahrscheinlich nicht vor 2016 erforderlich, wenn das Patent für Oseltamivir in den meisten Ländern ausgelaufen ist und das Medikament billiger von Generika-Herstellern angeboten werden kann.“

In dem Artikel des „BMJ“ kommt auch einer der Hauptautoren einer von Roche finanzierten Studie zu Wort, welche behauptete, dass Oseltamivir die Mortalität und Morbidität bei Patienten, die wegen einer H1N1-Influenza im Krankenhaus behandelt werden, deutlich reduziert. Jonathan Nguyen, der zudem Berater der britischen Regierung bei der Vorbereitung auf eine Pandemie war, erklärte, er glaube „weiterhin, dass Neuraminidase-Hemmer ein nützliches Medikament für Patienten mit schwerer Grippe sind.“ Da die Cochrane Collaboration nur randomisierte, kontrollierte Studien akzeptiere, seien die berücksichtigen Daten unzureichend. „Wir mussten die Beobachtungsdaten nutzen“, so Nguyen weiter. (fp)

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