Große Unterschiede bei Mandel-OPs bei Kindern

Astrid Goldmayer

Große regionale Unterschiede bei Häufigkeit von Mandel-OPs bei Kindern

07.05.2013

Mandel-OPs bei Kindern gehören zu den häufigsten stationären Eingriffen in Vollnarkose. Im Jahr 2010 wurden bei rund 69.000 Kindern und Jugendlich bis 19 Jahren die Gaumenmandeln entfernt. In einem regionalen Vergleich im Auftrag von Bertelsmann, dem „Faktencheck Gesundheit", fallen jedoch deutliche Unterschiede auf. Ursache könnten fehlende Entscheidungsgrundlagen für Ärzte sein. Während in Berlin 27 von 10.000 Kindern die Mandeln entfernt wurden, waren es Bremen 76 Kinder.

Wohnort entscheidet über Mandel-OPs bei Kindern
Viele Kinder haben häufig Halsschmerzen, schnarchen und schnaufen. Die Folge: Die Mandeln müssen raus. Ob diese Entscheidung jedoch immer die Beste ist, stellt die Studie „Faktencheck Gesundheit“ im Auftrag von Bertelsmann in Frage. In einem regionalen Vergleich zeigt sich, dass die Häufigkeit von Mandel-OPs zum Teil stark vom Wohnort abhängt. Die Auswertung von Krankenhausregistern und Daten des statistischen Bundesamtes ergab, dass in einigen Regionen nur jedem 900. Kind die Gaumenmandeln entfernt werden, während es in anderen Regionen jedes 70. trifft. Offenbar zählen bei der Entscheidung nicht nur medizinische Fakten sondern häufig auch lokale Ansichten von Ärzten.. Nicht zuletzt nehmen aber vermutlich auch die Versorgungslage sowie wirtschaftliche Faktoren Einfluss. Bisher gibt es in Deutschland keine verbindlichen Leitlinien für Tonsillektomie (Entfernung der Gaumenmandeln).

Knapp 60 Prozent der Mandel-OPs bei Kindern werden aufgrund wiederkehrender Mandelentzündungen durchgeführt. Ein weiteres Drittel der Eingriffe erfolgt wegen vergrößerter Gaumenmandeln. „Es gibt kaum eine Operation, bei der es so sehr auf die Erfahrung des Arztes und die Einschätzung der Beschwerden seiner Patienten ankommt", erklärte der Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Jochen Windfuhr. Er fungierte als Berater für die Studie. Sowohl bei wiederkehrenden Mandelentzündungen als auch bei vergrößerten Gaumenmandeln kann die Entfernung der Unruhestifter kurzzeitig helfen. Dennoch sollten Ärzte, Eltern und Kinder die Risiken des Eingriffs nicht außer Acht lassen. So können die Vollnarkose aber auch mögliche Nachblutungen zum Teil lebensbedrohliche Gefahren bergen. „Vielen Patienten und auch vielen Ärzte, die nicht auf Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde spezialisiert sind, ist nicht immer klar, was für Konsequenzen die Operation haben kann", sagte Windfuhr, der in den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach arbeitet.

Wann sind Mandel-OPs bei Kindern notwendig?
Die Entscheidung für eine Mandel-OP aufgrund chronischer Entzündungen fiel laut der Bertelsmann-Studie in einigen Kreisen zwölfmal häufiger als in anderen. Bei vergrößerten Gaumenmandeln wurde sogar in einigen Regionen bis zu 58mal häufiger operiert. „Die Daten zeigen, dass Kinder in manchen Regionen wahrscheinlich zu häufig operiert werden. In anderen Regionen hingegen bleibt der Eingriff aus, auch wenn er gerechtfertigt wäre", berichtete Frank Waldfahrer, Oberarzt der Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Erlangen, gegenüber „Spiegel“. Eine der Ursachen für die gravierenden Unterschiede ist vermutlich auf die zum Teil stark von einander abweichenden Angebotsstrukturen zurückzuführen. So zeigte die Studie, dass in Regionen ohne HNO-Fachabteilung am wenigsten operiert wurde. In Gebieten mit großen Abteilungen für HNO-Erkrankungen wurde dagegen überdurchschnittlich viel operiert.

In vielen kleinen Fachteilung machen Mandel-OPs das Kerngeschäft aus. So ergab die Untersuchung, dass im Jahr 2010 in 175 von 673 Abteilungen mehr als die Hälfte der Operationen aus Tonsillektomien bestanden, bei 71 stellten sie sogar mehr als zwei Drittel der Eingriffe dar. Im „Faktencheck Gesundheit“ heißt es zu den wirtschaftlichen Aspekten von Mandel-OPs: „Insgesamt werden von den Krankenversicherungen jährlich rund 150 Millionen Euro für die vollstationäre Entfernung von Gaumenmandeln vergütet.“ Durch eine Verringerung der Anzahl von Mandelentfernungen könnten demnach zwar einige Millionen Euro eingespart werden, jedoch falle der Betrag im Vergleich zu den Gesamtausgaben von Krankenhäusern kaum ins Gewicht. „Die wirtschaftliche Bedeutung der Gaumenmandelentfernungen ist allerdings für die meisten HNO-Abteilungen hoch. Die Operation ist eine meist gut planbare Leistung und wird bei jedem Fünften vollstationären Fall der HNO-Abteilungen durchgeführt“, heißt es in einer Mitteilung zur Studie.

Leitlinien für Mandel-OPs bei Kindern notwendig
Die Autoren der Studie fordern Leitlinien für Ärzte, um ein einheitliches Vorgehen zu gewährleisten und die Operationen auf ein unter medizinischen Gesichtspunkten notwendig Maß zu bringen. Auch für Eltern und Kinder empfehlen die Wissenschaftler Entscheidungshilfen, um den Nutzen gegen die Risiken von Mandel-OPs besser abwägen zu können. Wie Waldfahrer berichtete, sei er von der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie mit der Entwicklung von Leitlinien beauftragt worden. Doch dafür wären Kosten von mindestens 80.000 Euro angefallen. „Dafür hat die Tonsillektomie einfach keine genügend große Lobby“, so Waldfahrer. „International anerkannt sind die ‚Paradise-Kriterien‘, mit denen bewertet wird, wann häufige Mandelentzündungen eine Indikation für die operative Entfernung sind. Auch diese werden in Deutschland nicht einheitlich angewendet“, schreiben die Autoren in der Studie.

Doch ob allein die Schaffung von Leitlinien für Ärzte der sinnvollste Weg ist, um die Zahl der Mandel-OPs auf ein medizinisch notwendiges Niveau zu bringen, bezweifelte Windfuhr gegenüber „Spiegel“: „Allein das Schmerzempfinden schwankt von Mensch zu Mensch. Wenn gefordert wird, fünf Entzündungen reichen nicht, ich darf erst nach der sechsten operieren, ist das für mich Zynismus." Auch Waldfahrer plädiert nicht für eine starre Lösung: „Wichtig ist immer das individuelle Gespräch.“ Ein hoher Leidensdruck rechtfertige auch eine Operation, so die Experten.

Im „Faktencheck Gesundheit“ geben die Autoren konkrete Handlungsempfehlungen. So solle „eine angemessene Entscheidung für oder gegen eine Mandeloperation auf Grund von chronischen Entzündungen“ nur auf der Grundlage „einer umfassenden Dokumentation des vorangegangenen Krankheitsverlaufs erfolgen. Dieser Verlauf kann eine lange Dauer haben und immer sind verschiedene Ärzte beteiligt“. Auch die Kinder und Eltern sollten stärker in die Entscheidung mit einbezogen werden. „Die Entwicklung einer Entscheidungshilfe kann dazu beitragen, Eltern und Patienten evidenzbasierte Informationen zu vermitteln, Ihnen den Entscheidungsspielraum zu verdeutlichen und sie bei der Identifizierung ihrer eigenen Präferenzen zu unterstützen“, heißt es weiter. Zudem müsse die Anreizstruktur für Mandel-OPs überprüft und regionale Auffälligkeiten diskutiert werden, „um die Qualitätssicherungsmaßnahmen entsprechend gezielter ausrichten zu können“. (ag)

Lesen Sie auch:
Mundgeruch durch entzündete Mandeln

Bild: Martin Büdenbender / pixelio.de