Harte Kerle haben weniger Testosteron im Blut

Astrid Goldmayer

"Harte Kerle" haben weniger Testosteron im Blut

28.03.2012

US-amerikanische Forscher entdeckten jetzt Erstaunliches: Wirklich harte Männer haben weniger Testosteron im Blut. Obwohl das Leben der Tsimané in Bolivien körperlich deutlich anstrengender ist als das in der westlichen Welt, haben Männer dort einen wesentlich geringeren Testosteronspiegel. Die Forscher sind inzwischen der Ursache auf die Spur gekommen.

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Testosteron dämpft das Immunsystem
Das Volk der Tsimané in Bolivien führt ein einfaches Jäger-und-Sammler-Leben. Sie jagen in den Regenwäldern und betreiben einfachen Ackerbau. Dennoch gibt dieses Volk den Anthropologen Rätsel auf. Benjamin Trumble von der Universität von Washington in Seattle und seine Kollegen fanden heraus, dass die männlichen Angehörigen der Tsimané durchschnittlich ein Drittel weniger Testosteron im Blut haben als US-amerikanische Männer. Das berichtet das Online-Journal „Proceedings of the Royal Society B“.

Auch die Anthropologen waren von diesem Ergebnis überrascht. Bisher wurde Männern, die täglich harte körperliche Arbeit verrichten, ein hoher Testosteronspiegel unterstellt. Letztlich entwickelten die Forscher aber eine andere viel schlüssigere These. „Ein hoher Testosteronspiegel dämpft das Immunsystem, deshalb ist es sinnvoll, diesen niedrig zu halten, wenn man in einer Gegend mit vielen Parasiten und Krankheitserregern lebt, so wie die Tsimané", erklärt Trumble. Der hohe Testosterongehalt im Blut amerikanischer Männer sei evolutionsbiologisch als Luxus zu sehen, den sie sich nur aufgrund des geringen Risikos für Infektionen leisten könnten. Während der Testosteronspiegel der Männer in westlichen Industriestaaten mit fortschreitendem Alter sinkt, bleibt dieser bei den Tsimané unverändert.

Testosteron-Kick in Wettbewerbssituationen verschafft Energie
Eines haben die bolivischen Männer mit denen aus westlichen Industriestaaten jedoch gemeinsam. In Wettbewerbssituationen steigt der Testosterongehalt im Blut kurzfristig an. Um dies zu bestätigen, ließen die Forscher die Tsimané gegeneinander Fußball spielen. Der Testosteronspiegel war direkt nach dem Wettbewerb um 30 Prozent erhöht. Bei einer erneuten Messung nach einer Stunde lag er immer noch um 15 Prozent über dem Durchschnittsniveau.

In dem plötzlichen Hormonkick in der Wettbewerbssituation sahen die Forscher einen fundamentalen biologischen Mechanismus. Bei westlichen Männern machten sie die gleichen Beobachtungen. „Sogar in einer hoch pathogenen Umwelt ist es wichtig, den Testosteron-Level in die Höhe zu treiben, um kurzfristig Energie zur Verfügung zu haben und sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen", erklärt Michael Gurven von der University of California, Anthropologe und Mitautor der Studie.

Seit 2002 wird das Volk im Rahmen des „Tsimane Life and Health History Projects“ untersucht. Bereits 2009 entdeckten Wissenschaftler um Gurven, dass die Tsimané fast keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln.

Testosteron macht Frauen egoistischer
Bereits Anfang des Jahres hatten britische Wissenschaftler herausgefunden, dass das männliche Sexualhormon Testosteron Frauen egoistischer macht und weniger kooperativ handeln lässt. Erstmals wurde damit ein Hormon entdeckt, das Einschränkungen in der zwischenmenschlichen Kooperation verursacht.

Während Wissenschaftlern bereits seit längerem bekannt ist, dass einige Hormone wie beispielsweise Oxytocin das kooperative Verhalten in wirtschaftlichen Aufgabenstellungen fördern, wollten sie nun nach einem Hormon mit gegenteiliger Wirkung suchen. Deshalb untersuchten Nicholas D. Wright und seine Kollegen die Wirkung von Testosteron auf Frauen. Für die Untersuchung wurden jeweils einem Paar aus zwei Frauen zwei aufeinander folgenden Bildern am Computer gezeigt, von denen eines bestimmt werden sollte, auf dem sich ein gesuchtes Motiv verbarg. Wählten beide Frauen dasselbe Bild, folgten die nächsten Bilder. Entschieden sich die Probandinnen für unterschiedliche Bilder, sollte sie miteinander diskutieren und sich einvernehmlich einigen. Den gleichen Versuch durchliefen die Frauen zweimal im Abstand von einer Woche. Für einen Test erhielten die Frauen wirkungsfreie Placebos und für den anderen wurde ihnen eine Dosis Testosteron verabreicht. Bei der Auswertung der Testergebnisse stellten die Forscher fest, dass die Frauen ohne die Einnahme von Testosteron ihr Gesamtergebnis durch kooperative Entscheidungen deutlich verbessern konnten. Die Forscher um Nicholas D. Wright vom Institute of Neurology des University College London veröffentlichten ihre Ergebnis im Online-Journal „Proceedings of the Royal Society B“. (ag)