Hepatitis C: Virusfreiheit auch ohne Interferon

Fabian Peters

Hepatitis C: Virusfreiheit auch ohne Interferon
(16.10.2010) Neuartige Therapie für die Behandlung von Hepatitis C erfolgreich getestet. Laut einer jetzt von „The Lancet“ veröffentlichten Studie kann die orale direkt wirkende experimentelle Medikamentenkombination von zwei neuen Präparaten die Viruslast innerhalb von zwei Wochen deutlich senken – teilweise sogar bis unter die Nachweisgrenze.

170 Millionen leiden an Hepatitis-C
Über 170 Millionen Menschen leiden nach Schätzungen der Experten weltweit an Hepatitis-C. Die durch das Hepatitis-C-Virus (HCV) verursachte Infektionskrankheit, zeichnet sich dabei durch eine besonders hohe Rate chronischer Krankheitsverläufe aus (bis 80 %), welche häufig zu schweren Leberschädigungen wie Leberzirrhosen und Leberzellkarzinomen führen. Die Standardtherapie beruht dabei bis heute auf einer Kombination von Wirkstoffen, die sich aus Interferon-alpha ableiten mit dem unspezifischen Virustatikum „Ribavirin“. Die Therapie mit den herkömmlichen Präparaten dauert jedoch sehr lange (24-48 Wochen) und hat erhebliche Nebenwirkungen. Zudem ist die Behandlung nur bei rund 50 Prozent der Patienten erfolgreich. So steht die Entwicklung neuer direkt wirkender antiviraler Medikamente schon seit längerem im Fokus der Hepatitis-C-Forschung.

Neue Präparate in der Entwicklung
Bisher kam die Entwicklung von spezifischen Medikamenten nur sehr langsam voran. Als Kommentar im Rahmen des „The Lancet“-Artikels, erklärt jedoch David Thomas von der Johns Hopkins School of Medicine, Baltimore, dass sich derzeit fünf verschiedene Wirkstoffklassen in der klinischen Entwicklung befinden. Bereits im nächsten Jahr könnten demnach „Telaprevir“ und „Boceprevir“, zwei Protease-Inhibitoren, als erste neue Wirkstoffe eingeführt werden. Beide Präparate haben, nach Aussage der wissenschaftlichen Autoren des Beitrags, in Kombination mit einem pegylierten Interferon, eine dauerhafte Virussuppression bei bis zu 75 Prozent der Patienten bewirkt. Wobei die Wirkstoffe auch bei der Genotyp 1 Hepatitis-C erfolgreich waren, welche generell schwieriger zu behandeln ist und bei der die Standardtherapien häufig versagen.

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Kombination aus „RG7128“ und „Danoprevir“
Außerdem liegen dem Artikel zufolge erste Studienergebnisse für den kombinierten Einsatz der Wirkstoffe „RG7128“ und „Danoprevir“ vor. Dabei blockiert der Polymerase-Inhibitor „RG7128“ die Synthese neuer HCV-RNA und „Danoprevir“ behindert als Protease-Inhibitor die Produktion der Viruskomponenten. Beide Wirkstoffe sind oral verfügbar und wurden jetzt im Rahmen einer ersten Dosis-Findungsstudie an 88 Genotyp 1-Patienten untersucht. 74 Probanden erhielten eine Kombinationstherapie mit verschiedenen Dosen der beiden Wirkstoffe und 14 erhielten Placebos. Dreizehn Tage lang durchliefen die Patienten eine entsprechende Behandlung. Dabei wurden zu Beginn des Untersuchungszeitraums sowie regelmäßig während der 13 Tage und am Ende der Testphase die Änderungen der HCV-RNA-Konzentrationen (Virusbelastung im Blut) gemessen, um zu überprüfen wie sich die Virenkonzentration im Rahmen der Therapie verändert hat. Unter den Testpersonen waren sowohl niemals zuvor behandelte Personen als auch Hepatitis-C erkrankte, bei denen die Interferon-basierte Standardtherapie versagt hat.

Kombinationstherapie erstaunlich erfolgreich
Dabei konnten die Wissenschaftler feststellen, dass die niemals zuvor behandelten Patienten, welche mit der höchsten Dosis der beiden Medikamente (zweimal täglich 1000 Milligramm „RG7128“ sowie 900 Milligramm „Danoprevir“) behandelt wurden, nach 14 Tagen eine mittlere Verringerung der HCV-RNA-Konzentration von 5,1 log10 IU pro Milliliter aufwiesen. Patienten, die auf eine vorherige Standardtherapie nicht reagierten, zeigten bei gleicher Dosierung eine Verringerung der Virenbelastung von 4,9 log10 IU pro Milliliter. Bei dem Einsatz des Placebos trat eine unwesentliche Steigerung der Virenbelastung von 0,079 log10 IU pro Milliliter auf. Teilweise sank die Viruskonzentration bei den Patienten sogar unter die Nachweisgrenze.

Neue Behandlungsmethode ohne signifikante Nebenwirkungen
Co-Autor Edward Gane von der New Zealand Liver Unit in Auckland betonte, dass dies erstaunlich gute Ergebnisse seien. Zudem wurde die Kombination der Präparate „RG7128“ und „Danoprevir“ dabei „allgemein gut vertragen, und brachte keine therapiebezogenen schweren Nebenwirkungen und sicherheitsrelevanten Unterbrechungen der Therapie mit sich“ erklären die Autoren im Rahmen des „Lancet“-Artikels. Auch habe es, im Gegensatz zur raschen Resistenzentwicklung bei einigen Klassen direkt wirkender antiviraler, monotherapeutisch verwendeter Medikamente, keine Hinweise auf Therapieresistenzen gegeben. "Die Kombination aus RG7128 und Danoprevir sollte weiter entwickelt werden und könnte für Patienten mit chronischer HCV-Infektion eine praktikable Interferon-freie orale Maßnahme darstellen", so das Fazit der Autoren. Für eine abschließende Bewertung ist es jedoch zu früh, da das SVR-Kriterium (Sustained Virologic Response) fordert, dass Patienten mindestens 24 Wochen nach Ende der Therapie noch virusfrei sind.

Großteil der Infizierten ahnt nicht von der Erkrankung
Der Kommentator des „Lancet“, David Thomas, wies jedoch darauf hin, dass auch eine zu 100 Prozent wirksame Therapie viele Infizierte nicht heilen werde, da “nur ein kleiner Anteil der geschätzten 170 Millionen Menschen mit chronischer Hepatitis-C-Infektion überhaupt weiß, dass er infiziert ist; und noch weniger jemals eine Behandlung beginnen.“ Thomas ergänzt jedoch, dass „wenn die Interferon sparende Therapie sicherer, wirksamer und einfacher zu verabreichen ist (….) ein solcher Ansatz (die) Testläufe, Behandlungsaufnahmen und Behandlungswirkung merklich ausweiten“ könnte. Thomas vergleicht dies mit der massiven Ausweitung von Tests und Behandlungen zu HIV, die nach der Entwicklung von hoch aktiven antiretroviralen Therapien eingesetzt habe. (fp)