Hepatitis: Die Gefahr für die Leber

Heilpraxisnet

In Deutschland leben ungefähr eine Million Menschen mit einer chronisch entzündeten Leber

19.08.2013

Nicht selten stehen Menschen, die an einer Lebererkrankung leiden unter dem Verdacht drogen- oder alkoholabhängig zu sein. So leben etwa eine Millionen Deutsche mit einer entzündeten Leber und wissen in der Regel nichts davon. In den meisten Fällen bleibt die Erkrankung unbemerkt. Der Arzt wird erst aufgesucht, wenn die Infektion schon so weit fortgeschritten ist, dass Komplikationen auftreten.

Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Leberstiftung, Professor Stefan Zeuzem, bedauert die Unwissenheit der meisten Infizierten. „Über Ansteckungswege und Heilungsaussichten herrscht eine weitverbreitete Unkenntnis. Für diese Patienten kann das trotz medizinischer Fortschritte fatale Folgen haben“, merkt er an. Chronische Lebererkrankungen wie eine Zirrhose und Krebs sind oft auf Infektionen mit Hepatitis B- oder C Viren zurückzuführen.

Fatale Folgen für Mitmenschen
„Wir gehen davon aus, dass 60 bis 80 Prozent der Betroffenen nichts von ihrer Infektion wissen“, erklärt Zeuzem. „Sie laufen Gefahr, andere anzustecken und schwere Folgeerkrankungen zu entwickeln.“ Doch gerade der medizinische Fortschritt verspreche heutzutage gute Heilungschancen, wenn die Infektion früh erkannt wird. Hepatitis-B Infektionen lassen sich medikamentös so gut behandeln, dass das Risiko eines Leberschadens stark reduziert werden kann.

Die Leber leidet lange unbemerkt
„Wenn eindeutigere Symptome wie Gelbsucht, starke Schmerzen im Oberbauch, Erbrechen und große Müdigkeit auftreten, sind schon 90 Prozent der Leberzellen geschädigt“, sagt Professorin Ulrike Protzer, Leiterin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München. „Früherkennung ist deshalb extrem wichtig.“

Den Medizinern sind fünf unterschiedliche Hepatitis-Viren (Hepatitis A – E) bekannt, die alle auf verschiedene Übertragungswege in den Körper gelangen. Hepatitis -A ist die am weitesten verbreitete Infektion. Das HAV kommt in Südostasien, Russland, im vorderen Orient, Mittelmeerraum, Afrika, Mittel- und Südamerika vor und wird häufig von Reisen aus diesen Ländern mitgebracht. Man spricht auch von der klassischen Reisekrankheit. Als Übertragungsweg dienen oft Lebensmittel oder verunreinigtes Wasser. Auch durch direkten Kontakt zwischen Menschen ist eine Ansteckung möglich. „Die Infektion macht sich durch Fieber und Gelbsucht bemerkbar und heilt meist von alleine aus“, sagt Protzer. „Sie wird nicht chronisch, kann aber in seltenen Fällen zu akutem Leberversagen führen.“ Schützen kann man sich vor Reisebeginn durch eine Impfung. Gerade auch bei Reisen in süd- und osteuropäische Länder empfiehlt sich der Gang zum Arzt, weiß Dr. Tomas Jelinek, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Reisemedizin in Düsseldorf.

Hepatitis E wird ebenfalls durch Nahrungsmittel und Wasser übertragen. In Deutschland tritt sie jedoch nur vereinzelt auf. „Unterschätzen darf man sie jedoch nicht“, warnt Protzer. „Das Virus kann durch nicht durchgegartes Schweinefleisch übertragen werden und in der Schwangerschaft zu tödlichem Leberversagen führen.“ Mit Hepatitis- B, C und D Viren steckt man sich durch den Kontakt mit Blut oder Körperflüssigkeiten an. Am besonders ansteckend gilt der Hepatitis-B Virus. Dieser kann schon bei Geburt von der Mutter auf das Kind übertragen werden. „In den meisten Fällen verläuft die Infektion unbemerkt und heilt bei mehr als 90 Prozent der Erwachsenen von alleine aus“, sagt Zeuzem. Bei etwa 10 Prozent der Infizierten könne die Krankheit chronisch werden. Eine Impfung gegen Hepatitis B wird im Kleinkindalter empfohlen. Wer sich längere Zeit in Entwicklungsländern aufhält, dem rät Jelinek sich vor Beginn der Reise impfen zulassen.„Zwar lässt sich das Infektionsrisiko bei Hepatitis B besser durch das Verhalten steuern als bei Hepatitis A“, sagt er. „Doch die Wahrscheinlichkeit, dass man unter schlechten hygienischen Bedingungen medizinisch behandelt werden muss, steigt mit der Zahl der Reisen.“

Hepatitis-D-Viren treten nur in Kombination mit B-Viren auf. Sie nutzen deren Hülle für die Vermehrung. Mit etwa 30.000 Betroffenen ist die Erkrankung in Deutschland recht selten, die Verläufe sind aber meist schwer.

Hepatitis-C-Viren werden nur selten durch Sexualkontakte übertragen, sondern fast ausschließlich durch Blut. Gemeinsame Benutzungen von Injektionsnadeln, unsterile Tätowiernadeln und Piercings gelten zum Beispiel als Risiko. „60 bis 80 Prozent der Erkrankungen werden chronisch“, warnt Zeuzem. Gegen diesen Typ gibt es bisher kein Impfung, da das Virus äußerst variabel ist.

Vorsicht bei erhöhten Leberwerten
Als chronisch wird wird eine Infektion dann bezeichnet, wenn sie noch nach 6 Monaten im Körper nachweisbar ist. Hier spielt auch die Leistungsfähigkeit des Immunsystems eine entscheidende Rolle. „Ist die Abwehrreaktion stark genug, werden die infizierten Leberzellen zerstört und die Viren aus dem Körper entfernt“, erklärt Ulrike Protzer. Erkennen lässt sich eine Erkrankung durch bestimmte Enzyme, die beim Abbau von Leberzellen entstehen. Auch bei leichten Zellschäden ist der sogenannte GPT-Wert (Glutamat-Pyruvat-Transaminase) erhöht und weist auf eine Infektion hin. „Die ärztliche Leitlinie empfiehlt, bei erhöhten GPT-Werten immer auf Hepatitis-B- und -C-Viren zu untersuchen“, betont Stefan Zeuzem. „Auch Menschen mit erhöhtem Übertragungsrisiko sollten sich testen lassen.“ Das sind vor allem die, die vor 1990 eine Bluttransfusion bekamen oder einmal unter schlechten Hygienebedingungen behandelt wurden.

Gute Chancen bei Früherkennung
Nachweisen lässt sich eine Hepatitis Infektion durch einen einfachen Bluttest. Anders als in den USA, gibt es in Deutschland bisher kein allgemeines Screening. „Dabei würden solche Reihenuntersuchungen erhebliche Kosten sparen und teure Langzeittherapien und viele Lebertransplantationen wären durch die Früherkennung von Hepatitis-Infektionen vermeidbar“, ist sich Zeuzem sicher. Die Heilungschancen für chronisch Hepatitis-C Infizierte sieht der Professor in wenigen Jahren bei 95 Prozent. „Hier ist gerade eine Therapie-Revolution im Gange“, schwärmt er und meint damit neue antivirale Medikamente, die kurz vor der Zulassung stehen. Ersteinmal müssen die Patienten allerdings noch langwierige Therapien, häufige Spritzen und starke Nebenwirkungen in Kauf nehmen.

Patienten, die an einer chronischen Hepatitis B leiden, können vorerst nicht auf eine erfolgreiche Heilung hoffen. „Wir können aber größere Schäden vermeiden, indem wir die Infektion durch eine medikamentöse Dauertherapie kontrollieren“, sagt Ulrike Protzer. Hier kommen Arzneimittel zum Einsatz, die auch bei HIV-Infektionen Verwendung finden.

Auch der Lebensstil kann mitverantwortlich sein
Nicht immer sind jedoch Viren die Ursache der Lebererkrankung. Oft liegt diese im persönlichen Lebensstil begründet: Jeder dritte Erwachsene über 40 hat eine Fettleber, die nicht selten auf den Lebensstil zurückzuführen ist. Betroffen sind vor allem Menschen mit Übergewicht, Diabetes oder regelmäßigem Alkoholkonsum. „Da Übergewicht und Fehlernährung immer häufiger vorkommen, rechnen wir in Deutschland künftig mit einer Zunahme der Fettleber-Hepatitis“, sagt Zeuzem. „Schon heute dürften zwei bis vier Prozent der Bevölkerung betroffen sein.“ In diesem Fall helfen nur Gewichtsreduktion, Ernährungsumstellung und regelmäßige Bewegung. „Wer bereits eine Lebererkrankung hat“, betont Ulrike Protzer, „sollte jede weitere Schädigung unbedingt vermeiden.“

Risikofaktoren für Hepatitis
Körperkontakt: Hepatitis B, C und D werden durch Blut und Körperflüssigkeiten übertragen. Beim ungeschützten Geschlechtsverkehr besteht hauptsächlich die Gefahr, sich mit Hepatitis B anzustecken. Bei Hepatitis C sind sexuell übertragene Infektionen deutlich seltener.

Die falschen Nahrungsmittel: Hepatitis A und E werden durch verunreinigte Nahrungsmittel und verseuchtes Trinkwasser übertragen. Als besonders risikoreich gilt der Genuss von Muscheln und Schalentieren.

Lebensstil als Risiko: Etwa ein Drittel aller Lebererkrankungen ist auf erhöhten Alkoholkonsum zurückzuführen. Übergewicht und Diabetes begünstigen eine Fettleber-Hepatitis mit den Folgerisiken Zirrhose und Leberkrebs. (fr)

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Bildnachweis: Jörg Klemme, Hamburg / pixelio.de