Heroische Medizin

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Naturheilkunde: Heroische Medizin, ein Wegbereiter

Um den steigenden Einfluss und die Entwicklung der Naturheilkunde derzeit zu verstehen, ist es hilfreich, Ausflüge in die Geschichte zu unternehmen. Vor etwa 200 Jahren erlebten Naturheilverfahren schon einmal einen Höhenflug, als Auswege aus der recht aggressiven Behandlung mit der sogenannten „Heroischen Medizin“ (Heroic Medicine) gesucht wurden. Verbunden mit einem unspezifischen Einsatz, war die Heroische Medizin aber selbst nichts als eine Übertreibung mancher naturheilkundlicher Methoden, wie beispielsweise dem Aderlass.

Entstehung der Heroischen Medizin

In den Vereinigten Staaten war der Arzt Benjamin Rush, der als einer der Gründerväter der heutigen USA gilt, ein glühender Verfechter und Verbreiter der Heroischen Medizin. Man ging in der Heroischen Medizin davon aus, dass der zu behandelnde Organismus von Spannung oder verunreinigenden Substanzen befreit werden musste. So sollte Fieber beispielsweise Spannungen in den Blutgefäßen verursachen und dadurch Krankheit auslösen.

Dazu wurde als ein Mittel extensives (bis zu eineinhalb Liter Blut) Aderlassen praktiziert. Von vielen berühmten Persönlichkeiten wie George Washington, der Mutter von Mozart, Anna Maria Mozart, oder Kaiser Leopold dem Zweiten, vermutet man, dass sie an den Folgen des extensiven Aderlasses (sog. Sanguinis missiones) verstorben sind. Auch Wolfgang Amadeus Mozart soll vor seinem Tod des Öfteren von seinen Ärzten, Dr. Closset und Dr. Sallaba, mit Aderlass behandelt worden sein. Ähnliches vermutet man bei Johann Sebastian Bach. Und auch der Leibarzt Johann Wolfgang Goethes, Christoph Wilhelm Hufeland, soll neben dem starken Aderlass noch andere Methoden wie Brechmittel und Opium, die ebenfalls zur Heroischen Medizin gezählt werden dürfen, in der medizinischen Behandlung favorisiert haben.

Was ist die Heroische Medizin und kommt sie heute noch zur Anwendung? (Bild: Sebastian Duda/fotolia)
Was ist die Heroische Medizin und kommt sie heute noch zur Anwendung? (Bild: Sebastian Duda/fotolia)

Kalomel (Quecksilberchlorid) galt als ein weiteres Kardinalmittel der Heroischen Medizin. Die Patienten sollten „entschleimen“ und ausscheiden. Im Rahmen der Behandlung kam es zu den klassischen Symptomen der Quecksilbervergiftung: Massive Schleimausscheidungen, Bauchschmerzen (zum Teil mit blutigem Durchfall), Zunge und Rachen mit aschgrauer Verfärbung, Ausschläge im Mundbereich und Zahnausfall.

Weitere Mittel in der Heroischen Therapie zum Erbrechen und Abführen waren Weinstein (sog. Brechweinstein), Rizinusöl, Kohleöl und andere Mittel wie Opium. Auch wurden Ausschläge, Entzündungen oder Wunden mit glühenden Eisen behandelt. Ziel war das „Ausbrennen“ der Erkrankung.

Heroische Medizin und Naturheilkunde

Manche Methode der Heroischen Medizin, wie die des Aderlasses, hatte es in der Naturheilkunde schon seit Paracelsus und Hildegard von Bingen gegeben – aber in deutlich geringeren Mengen und mit spezifischer Indikation.

Andrew Taylor Still, der Begründer der Osteopathie, war im Alter von 14 Jahren mit Kalomel behandelt worden. Durch diese Behandlung soll er später künstliche Zähne wegen der Zahnlockerungen benötigt haben. Die Erfahrung am eigenen Leib und kritische Beobachtungen in seinem Umfeld, könnten ein Grund dafür gewesen sein, warum A.T. Still Medikamente so vehement ablehnte und die Osteopathie begründete.

Ein weiterer Gegner der Heroischen Medizin war der deutsche Arzt Samuel Frederick Hahnemann. Hahnemann und seine sanfte Homöopathie fanden wohl aufgrund der aggressiven Behandlung mit der Heroischen Medizin in den USA viel Zuspruch. Neben Hahnemann tat sich der Arzt und bekannte Schriftsteller Oliver Wendell Holmes als Gegner, vor allem des Aderlasses, öffentlich hervor.

Ein damals an hoher Popularität gewinnendes Werk war „Primitive Physick“ von John Wesley. Der ursprünglich aus England stammende Prediger Wesley war Mitbegründer der Methodisten. Wesley, der auch sozial sehr engagiert war, galt als Verfechter einer naturheilkundlichen Medizin, die auch von Nicht-Medizinern anwendbar sein sollte.

Historiker gehen vielfach davon aus, dass die damalige schnelle, weite Verbreitung und Akzeptanz von naturheilkundlichen Methoden, wie der Osteopathie, der Homöopathie sowie Konzepten der Phrenologie oder dem Mesmerismus, mit dem Wunsch der Menschen zu natürlichen und möglichst nebenwirkungsfreien Methoden der Behandlung zurückzukehren, zusammenhingen.

Heroische Medizin heute?

Teilweise werden heute Therapien wie Nuklearmedizin, Strahlentherapie oder Chemotherapie von Gegnern als aktuelles Pendant der damaligen Heroischen Medizin bezeichnet. Dieser Vergleich ist unangebracht, da keiner der Therapieansätze jemals in der naturheilkundlichen Therapie angesiedelt war, wie manche der Behandlungsformen der Heroischen Medizin. Schulmediziner halten dem außerdem entgegen, dass obige Therapien heutzutage die ersten wirklichen Therapieansätze bilden, um Menschen mit bösartigen Tumoren ein Weiterleben zu ermöglichen. Bücher wie „Ein medizinischer Insider packt aus“ des Pseudonyms Prof. Dr. Peter Yoda tragen eventuell unfreiwillig dazu bei, Vergleiche zwischen obigen Therapien und der Heroischen Medizin weiter aufrecht zu erhalten.

Seriöse und damit nicht aus dem Bereich der Verschwörungstheorien kommende Erklärungsmodelle sehen dagegen eher den oftmals ungehemmten Einsatz von Antibiotika und die mangelnde Nachsorge in Ansätzen mit der damaligen Situation vergleichbar. Denn vielfach wurden und werden Antibiotika, als ein stark in den Organismus eingreifendes Mittel, unnötig und zu unspezifisch angewandt. Die in der Folge entstehenden Probleme wie Schädigungen der Darmflora , eventuell das Leaky-Gut-Syndrom sowie die Ausbildung von resistenten Keimen (MRSA) verschaffen der Naturheilkunde neuen Aufwind.

Der derzeitig erneut auftretende große Zuspruch für Verfahren aus der Naturheilkunde des manuellen Bereiches wie der Osteopathie oder dem Fasziendistorsionsmodell (FDM), erklärt sich zum Teil auch aus einer Tendenz zu voreiligen, teilweise unnötigen und unspezifischen Operationen. Andererseits ist aber auch das Gegenteil der Fall, wenn die Behandlung vernachlässigt wird. Denn mit den langen Wartezeiten für orthopädische Untersuchungen und vielfach unspezifischen manuellen und physikalischen Maßnahmen scheinen viele Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Nackenverspannungen nicht flächendeckend und für den Patienten zufriedenstellend behandelt zu werden.

Fazit für die Naturheilkunde

Teile der Heroischen Medizin stammten aus der Naturheilkunde und wurden pervertiert. Unspezifische Therapien und Heilversprechen gehören nicht in den Bereich der Naturheilkunde. Es ist grundsätzlich als problematisch anzusehen, wenn bei einem kompliziertem biologischen Mechanismus, wie dem menschlichen Körper, eine Therapieform behauptet, die endgültige Wahrheit gefunden zu haben. Die Medizin, sei es aus dem Bereich der Naturheilkunde oder dem konventionellen Medizinbetrieb, wird eine Disziplin für Suchende und Forschende bleiben, die ihre Arbeit als Baustelle betrachten müssen. Persönlicher Ruhm und monetäre Gesichtspunkte haben hinter den Interessen der Patienten stets zurückzustehen. Das sind die Lehren aus der Geschichte der Heroischen Medizin, die auch die Naturheilkunde nicht unberührt lassen sollten. (tf)