Herz und Psyche: Helfer vom elften September zeigen noch heute Spätfolgen

Volker Blasek

Das Leiden der Helfer – psychische Probleme, Herzinfarkte, Schlaganfälle

Rund 3.000 Menschenleben forderten die Anschlägen am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York City. Die Rettungsaktionen und die Aufräumarbeiten wurden von 90.000 Freiwilligen unterstützt. Wie eine aktuelle amerikanische Studie über die Spätfolgen des Anschlags berichtet, sind die Überlebenden und Helfer bis heute von diesen traumatischen Erlebnissen geprägt. Insbesondere die psychische und körperliche Gesundheit der Helfer trägt noch immer deutliche Spuren der Katastrophe.


Der Studie zufolge zeigen die Helfer ein signifikant erhöhtes Risiko für Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) und Herzkrankheiten. Etwa 20 Prozent der männlichen und circa 26 Prozent der weiblichen Helfer leiden heute unter PTBS. Des Weiteren zeigte sich ein rund zweieinhalbfach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt und Schlaganfall unter den freiwilligen Helfern mit PTBS. Die Studie wurde kürzlich in dem Fachjournal „Circulation: Cardiovascular Quality and Outcomes“ publiziert.

So wie das Stadtbild haben die Anschläge am 11. September auch die Seelen der Helfer geprägt. Laut einer aktuellen Studie leiden jeder fünfte Helfer und jede vierte Helferin unter Posttraumatischen Belastungsstörungen. (Bild: Jürgen Barth/fotolia.com)

6.000 Helferinnen und Helfer wurden über 10 Jahre beobachtet

Ein Forscherteam um Molly Remch von der City University in New York und Zoey Laskaris von der University of Michigan untersuchte die gesundheitlichen Spätbelastungen der freiwilligen Helfer. In ihren Untersuchungen begleiteten die Wissenschaftler über ein Jahrzehnt lang rund 6.000 Personen, die die Aufräumarbeiten freiwillig unterstützt hatten. Bereits kurz nach den Bergungsarbeiten wurden die Probanden gründlich untersucht. In den Jahren 2012 bis 2016 wurde diese Gruppe in regelmäßigen Abständen medizinisch überwacht.

Bereits bekannte Begebenheiten

Die Wissenschaftler setzen voraus, dass posttraumatische Belastungsstörungen durchweg als unabhängiger Risikofaktor für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall gelten. Dies wurde laut der Studie in vergangen Kohortenstudien nachgewiesen. Nichtsdestotrotz sei die PTBS noch nicht offiziell als vaskulärer Risikofaktor anerkannt. Die Studienergebnisse liefern den Forschern zufolge eine Fülle an Beweisen, dass PTBS ein starker unabhängiger Risikofaktor für einen Myokardinfarkt und Schlaganfall ist.

Klassische Risikofaktoren spielten keine große Rolle

Die Studie wurde speziell darauf ausgelegt, den Zusammenhang zwischen den frühen Reaktionen auf den Word Trade Center-Angriff und mögliche kardiovaskuläre Folgen zu bewerten. Wie das Forscherteam überrascht feststellen konnte, spielten klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Adipositas oder hoher Cholesterinspiegel bei den untersuchten Helfern keine große Rolle für das erhöhte Auftreten von Herzkrankheiten. Ebenso scheint die massive Staubbelastung keine entscheidenden Auswirkungen zu haben.

Traumatische Belastungen lösen Herzkrankheiten aus

Besonders auffallend war das erhöhte Vorkommen posttraumatischer Belastungsstörungen unter den Helfern. Rund jeder fünfte Mann und jede vierte Frau unter den Beteiligten entwickelte eine solche psychische Erkrankung. Die Personen, die von einer PTBS betroffen waren, zeigten im weiteren Verlauf der Studie auch ein 2,4-fach erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko.

Kann man die Ergebnisse auf andere Katastrophen übertragen?

Die Forscher wissen nicht, ob sich ihre Resultate auf alle 90.000 Menschen übertragen lassen, die bei den Anschlägen halfen. Dennoch sehen sie eine sehr hohe Aussagekraft in den Studienergebnissen, da alle Teilnehmenden zeitgleich ein ähnlich traumatisierendes Erlebnis hatten. Auch eine Übertragbarkeit auf andere große Katastrophen wie Tsunamis, Erdbeben, Überschwemmungen oder Vulkanausbrüche sei denkbar.

Deutscher Experte kommentiert die Studie

Professor Dr. Karl-Heinz Ladwig vom Helmholtz Zentrum München hält dies für eine wichtige Studie. Er selbst zeigt sich beeindruckt von den Ergebnissen, war aber nicht an den Forschungen beteiligt. „Wenn Ärzte solche Patienten regelmäßig zu sehen bekämen, könnte man viele gesundheitliche Folgen abwenden“, berichtet der Experte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Laut Ladwig sind posttraumatische Belastungsstörungen langwierig und schwer in der Behandlung. Unter anderem liege dies daran, dass Betroffene dazu neigen, sich zurückzuziehen und viele Dinge zu vernachlässigen.

Über Posttraumatische Belastungen

Eine PTBS kann sich infolge eines erlebten Traumas entwickeln. Oft tauchen die ersten Symptome innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Erlebten auf. Dabei kommt es häufig zu ohnmächtiger Wut, erhöhte Reizbarkeit, übersteigerte Angst, Trauer und emotionaler Leere. Körperlich kann sich eine PTBS unter anderem durch Schweißausbrüche, Zittern, Übelkeit und Erbrechen, Atemnot oder Herzrasen zeigen. Katastrophen, Unfälle, Gewaltverbrechen und kriegerische Konflikte gelten als typische Auslöser. (vb)