Herzbericht: Die herzchirurgische Versorgung in Deutschland ist sehr gut

Steigendes Niveau bei Herz-Operationen. Bild:  Africa Studio - fotolia
Sebastian
Bundesweit herzchirurgische Versorgung auf kontinuierlich hohem Qualitätsniveau
Konstante Gesamtzahl vielfältiger herzchirurgischer Eingriffe; Herzchirurgen begrüßen Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Patientensicherheit und plädieren für ein konsequentes Herz-Team Konzept; weiter sinkende Zahl an Spenderherzen
Die Gesamtzahl invasiver Eingriffe in den 78 herzchirurgischen Abteilungen in Deutschland zeigt sich auch für das Jahr 2014 unverändert stabil auf hohem Niveau. Somit ist bereits seit Jahren die herzchirurgische Versorgung bundesweit durchgehend gesichert. Dies zeigen die Zahlen, Daten und Fakten des Deutschen Herzberichtes 2015 deutlich, der am 27. Januar 2016 in Berlin vorgestellt wurde. So wurden 2014 wiederum rund 100.000 Herzoperationen durchgeführt.

Steigendes Niveau bei Herz-Operationen. Bild:  Africa Studio - fotolia
Steigendes Niveau bei Herz-Operationen. Bild: Africa Studio – fotolia

Herzchirurgen berücksichtigen demographischem Wandel
Im Kontext des fortschreitenden demographischen Bevölkerungswandels zeigt sich auch bei den herzchirurgischen Patienten ein stetiger Anstieg des Lebensalters. So waren im Jahr 2014 bereits 74,6 Prozent der Patienten mindestens 60 Jahre alt, zweidrittel aller Herzoperationen wurden bei Männern durchgeführt. Die deutschen Herzchirurgen (2014 waren 913 Herzchirurgen und 47 Thorax- und Kardiovaskularchirurgen in Deutschland berufstätig) begegnen dieser Entwicklung mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung von Operationsverfahren und der Etablierung minimalinvasiver, schonenderer Operations-techniken. Dank dieser innovativen Entwicklungen liegen die Überlebensraten bei elektiven Patientengruppen auch weiterhin deutlich über 95 Prozent.

Koronare Bypass-Operationen auf qualitativ hohem Niveau
Mehr als die Hälfte der herzchirurgischen Eingriffe am Herzen waren im Jahr 2014 wiederum die koronaren Bypass-Operationen zur Behandlung der koronaren Herzkrankheit. In den letzten Jahren zeigt sich jährlich weitgehend eine konstante Zahl von ca. 54.000 isolierten und kombinierten Bypass-Operationen. Dies ist aus Sicht der DGTHG ein Zeichen für an sachlich-medizinischen Gesichtspunkten orientierte Entscheidungen bei der Therapiewahl. Umfangreiche Studien zeigen, dass die koronare Bypass-Operation gerade bei mehreren betroffenen Herzkranzgefäßen sowie komplexeren Verengungen, insbesondere im Hinblick auf die langfristige Überlebensrate der Patienten, die dauerhaft bessere Therapiewahl ist, und damit auch die Lebensqualität entscheidend beeinflusst wird.

So dokumentieren die 5-Jahres-Ergebnisse der Syntax-Studie (internationale Studie von ca. 1800 eingeschlossenen Patienten mit koronarer Herzerkrankung), dass Patienten mit einer komplexen Koronaren Herzerkrankung (KHK), die eine koronare Bypass-Operation erhielten, innerhalb von fünf Jahren signifikant seltener an einem Herzinfarkt versterben. „Je schwerwiegender und komplexer die Koronare Herzerkrankung ist, desto wertvoller und nachhaltiger ist vollständige Wiederherstellung der Blutversorgung der Herzkranzgefäße durch eine Bypass-Operation“, erklärt Professor Armin Welz, Präsident der DGTHG.

Medizinische Fachgesellschaften empfehlen Herz-Team
Internationale medizinische Fachgesellschaften von Herzchirurgen und Kardiologen haben in wissenschaftlich begründeten Leitlinien zur koronaren Herzkrankheit im Jahr 2014 erneut bestätigt, dass ein interdisziplinäres Team, bestehend aus Herzchirurgen und Kardiologen, gemeinsam für jeden Patienten individuell festlegen soll, ob eine Bypass-Operation oder eine Stentimplantation die zu empfehlende Therapie ist. „Wir raten den Patienten bei der Auswahl eines Krankenhauses gezielt nachzufragen, ob ein Herz-Team aktiv etabliert ist, durchgängig zur Verfügung steht und regelmäßig gemeinsame Beratungen stattfinden. Wenn nicht, ist unsere Empfehlung, sich auf jeden Fall sowohl von einem Kardiologen als auch von einem Herzchirurgen beraten zu lassen, um sicherzustellen, dass man wirklich die für den individuellen Krankheitsfall beste Behandlung erfährt“, so Herzchirurg Prof. Welz. Die im Jahr 2014 aktualisierte ESC/EACTS „Guidelines on Myocardial Revascularisation“ bestätigt ebenso wie die Nationale Versorgungsleitlinie chon. KHK die Konzeption der Kooperation und Entscheidungsfindung im Herz-Team.

DGTHG setzt sich für entscheidende Qualitätskriterien ein
Diese insbesondere auch im internationalen Vergleich sehr guten Ergebnisse sprechen für eine qualitativ hochwertige Versorgung, welche die Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) auch in den nächsten Jahren noch kontinuierlich verbessern möchte. Mit Blick auf eine hochwertige medizinische Versorgung und die Gewährleistung der Patientensicherheit, sind für die herzmedizinische Behandlung aus Sicht der DGHTG drei Aspekte von besonderer Bedeutung: die Qualifikation der beteiligten Berufsgruppen (Ärzte, Gesundheits- und Krankenpfleger, Kardiotechniker, medizinisches Assistenzpersonal), die differenzierte und nachvollziehbare Strukturierung der Behandlungsprozesse und geeignete infrastrukturelle Voraussetzungen.

Invasive Herzklappeneingriffe – Patientensicherheit hat oberste Priorität
Europaweit gehört die Verengung der Aortenklappe (Aortenklappenstenose) zu den häufigsten Herzklappener-krankungen, die verschleißbedingt, insbesondere im hohen Lebensalter auftritt. Durch minimalinvasive und schonendere Operationstechniken können heutzutage auch hochbetagte Patienten mit erheblichen Begleiterkrankungen erfolgreich behandelt werden. Beispielsweise wird bei der Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI; Transcatheter Aortic Valve Implantation) die „Herzklappenprothese“ unter Verwendung spezieller Katheter entweder über die Blutgefäße (transvaskulär) oder über die Herzspitze (transapikal) eingebracht und nach Verdrängung der defekten Aortenklappe entfaltet. Stieg in den letzten Jahren enorm die Anzahl der TAVI-Eingriffe, so ist in jüngster Zeit auch eine Zunahme der kathetergestützten Mitralklappenbehandlungen erkennbar.

Die DGTHG sieht die dringende Notwendigkeit, die Einführung dieser neuen Verfahren durch medizinische Register und kontrollierte Studien kontinuierlich zu begleiten und bis zum Vorliegen kurz-, mittel und langfristiger wissenschaftlicher Erkenntnisse derartige Innovationen mit strenger Indikationsstellung nur begrenzt bei ausgewählten multimorbiden Patienten einzusetzen. Zur Patientensicherheit ist nach Meinung der herzchirurgischen Fachgesellschaft die Einhaltung der Empfehlungen einer entsprechenden Leitlinie der European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS) und der Europen Society of Cardiology (ESC) zwingend erforderlich. Für Deutschland hat zudem im Jahr 2015 der Gemeinsame Bundesausschuß (G-BA) in der „Richtlinie zu minimalinvasiven Herzklappeninterventionen“ obligat zu erfüllende Qualitätsstandards für kathetergestützte Aortenklappen-implantationen (TAVI) und Clipverfahren an der Mitralklappe (Mitral Clip) festgelegt. „Bis auf Weiteres sollten das TAVI- und Clipverfahren an der Mitralklappe nur nach interdisziplinärem Konsens bei sorgfältig ausgewählten Patienten, die besondere Risiken aufweisen, in Erwägung gezogen werden, da bisher nicht abschließend geklärt ist, ob mit dieser Eingriffsalternative vergleichbar gute Langzeitüberlebensraten erzielt werden können wie mit den etablierten Herzoperationen“, erklärt Welz.

Anzahl Spenderherzen sinkt weiter
Eine aus Sicht der Herzchirurgen dramatische Entwicklung setzt sich bei den Zahlen der Herztransplantationen in Deutschland fort. Im Jahr 2013 wurden in Deutschland 297 Herz- und Herz-Lungen-Transplantationen durchgeführt (Eurotransplant). Nach Angaben der Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) sind die Herztransplantationen im Jahr 2014 auf 294 zurückgegangen. „Wir Herzchirurgen erleben jeden Tag das Leid unserer zurzeit rund 1.000 Patienten auf der Warteliste. Aufgrund ihres lebensbedrohlichen Erkrankung müssen viele dieser schwerst-herzkranken Patienten meist mehrere Monate im Krankenhaus oder gar auf einer Intensivstation auf die lebensrettende Transplantation warten“, erklärt Welz. Um die Patienten überhaupt am Leben halten zu können bis ein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung steht implantieren die Herzchirurgen in den vergangenen Jahren zunehmend Herzunterstützungssysteme. „Bei der fehlenden Verfügbarkeit von Spenderherzen werden manche Herzunterstützungssysteme auch mit dauerhafter Perspektive für die Patienten eingepflanzt “, so Welz. (pm)

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