Herzdruckmassage anstatt Mund-Beatmung

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Herzdruckmassage anstatt Mund-zu Mund-Beatmung bei akutem Herzstillstand.
Herzdruckmassagen sind bei Erster Hilfe der wichtigste Schritt. Dies haben der Europäischen Rat für Wiederbelebung (European Resuscitation Council, ERC), die American Heart Association und das International Liaison Committee on Resuscitation in den gemeinsam entwickelten neuen Leitlinien zur Wiederbelebung klargestellt.

Neue einfachere Leitlinien
Von den rund 500.000 Menschen die jährlich in Europa einen plötzlichen Herztod erleiden, könnten nach Schätzungen des ERC bis zu 100.000 Leben gerettet werden, wenn die anwesenden Notfallzeugen effizientere Erste Hilfe leisten würde. Die anwesenden Personen sind jedoch meist Laien, die aus Angst vor Fehlern oft nur zögerlich einschreiten bzw. nicht wissen, was zu tun ist. Da jede Minute ohne eingeleitete Ersthelfer-Maßnahmen, die Überlebenschance der Patienten erheblich verringert, sahen sich die genannten Verbände in der Pflicht, den Notfallzeugen neue einfachere Leitlinien zur Ersten Hilfe an die Hand zu geben. Die jetzt festgelegten Regelungen gelten unter anderem in Europa, Nordamerika und Australien.

Geänderte Reihenfolge der Maßnahmen
Eine der wichtigsten Neuerungen: die Reihenfolge der Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Bewusstlosigkeit mit aussetzender oder unregelmäßiger Atmung hat sich geändert. Statt sich wie bisher an der sogenannten A-B-C-Regel – "Airway (Atemwege freimachen), Breathing (Beatmung), Chest compressions (Herzdruckmassage)"- zu orientieren, sollten Notfallzeugen in Zukunft in jedem Fall mit der Herzdruckmassage beginnen. In den ersten Minuten reicht diese auch als alleinige Maßnahme oft aus, da der Sauerstoffgehalt im Blut auch ohne Beatmung vorerst noch hoch genug ist. Als neue Merkregel gilt die Reihenfolge C-A-B, wobei Ersthelfer, die sich vor einer Mund-zu-Mund-Beatmung scheuen auch ausschließlich mit Herzdruckmassage arbeiten können, bis der Notarzt kommt. Dr. Burkhard Dirks, Notfallmediziner an der Universitätsklinik Ulm und Vorsitzender des Deutschen Rats für Wiederbelebung rät Notfallzeugen: "Ruhig bleiben und und wenn möglich jemanden zu Hilfe holen, der den Notruf absetzen und bei der Reanimation unterstützen kann". Anschließend sollte „der Notfallzeuge selbst (…) sofort mit der Wiederbelebung beginnen", erklärte der Vorsitzende des Deutschen Rats für Wiederbelebung.

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Herzdruckmassagen auch von Laien anwendbar
Die Herzdruckmassagen können dabei auch von Laien gefahrlos angewandt werden. So sollten die Notfallzeugen mindestens 100 Mal pro Minute den Brustkorb des Patienten ca. fünf Zentimeter tief eindrücken, um die Pumpenfunktion des Herzen zu stützen und die lebenswichtigen Organe weiterhin mit Blut und Sauerstoff zu versorgen. Diese Prozedur sollt bis zum Eintreffen des Notarztes durchgehalten werden, wobei es wichtig ist bei der Herzdruckmassage kräftig genug zu drücken und diese nicht zu unterbrechen. Für die Notfallzeugen kann dies auch körperlich eine stark belastende Situation werden, denn im Schnitt dauert es sieben Minuten bis die Rettungskräfte vor Ort sind. „Herzdruckmassage ist körperlich sehr anstrengend. Das hält ein Mensch allein kaum durch bis professionelle Hilfe kommt", erklärte Dr. Dirks. Daher empfiehlt der Notfallmediziner den Ersthelfern weitere anwesende Personen hinzuzuziehen und sich mit ihnen bei der Herzdruckmassage abzuwechseln. Ausgebildete Ersthelfer sollten die Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung mit den Herzdruckmassagen kombinieren. Hierbei gilt als Faustregel: auf 30 Kompressionen folgen zwei Beatmungen. Allen unsicheren Notfallzeugen raten die neuen Leitlinien zur Wiederbelebung jedoch, sich ausschließlich auf die Herzdruckmassagen zu konzentrieren.

Überlebenschance erheblich gesteigert
Die neuen Leitlinien zur Wiederbelebung basieren auf dem aktuellen Forschungsstand, demzufolge Herzdruckmassagen bei der Wiederbelebung für Laien das wirksamste Mittel sind. So hatten Mediziner der Universität Wien erst kürzlich im Rahmen dreier Studien insgesamt 3.700 Patienten mit Herzstillstand untersucht. Diese ergaben, dass mehr Notfallpatienten überleben, wenn die unerfahrenen Helfer nach dem Notruf von der Rettungsleitstelle angewiesen wurden, unverzüglich mit der Herzdruckmassage zu beginnen und auf die Beatmung zu verzichten. Zudem erhöhte sich die Chance, das die Opfer ohne bleibende Schäden wiederbelebt werden können, da das Hirn weiterhin mit Sauerstoff versorgt wird und ansonsten bereits nach fünf Minuten erheblichen Schaden nehmen würde. Den Angaben der Björn-Steiger-Stiftung zufolge sterben täglich 247 Menschen in Deutschland an plötzlichem Herzversagen, rund 400 Menschen werden außerhalb von Krankenhäusern wiederbelebt. Von ihnen bleibt jedoch nur jeder Zehnte tatsächlich am Leben. Wenn Notfallzeugen hingegen bereits mit der Wiederbelebung beginnen, bevor der Notarzt eintrifft, ist die Überlebenschance des Patienten um das 2,5-fache erhöht.

Hoffnung auf mehr Ersthelfer
Mitherausgeber der deutschen Fassung der neuen „Leitlinien 2010 für Herz-Lungen-Wiederbelebung und kardiovaskuläre Notfallmedizin“, Dr. Heinzpeter Moecke, erklärte im Rahmen ihrer öffentlichen Vorstellung: „Wir hoffen, dass nun mehr Menschen die Reanimation im Notfall überhaupt beginnen und dass so pro Jahr ein paar Hundert Menschenleben mehr in Deutschland gerettet werden können." Dem Fachmann zufolge wird bisher weniger als einem Drittel der Menschen mit Herzstillstand von Notfallzeugen geholfen, da die anwesenden oft Angst haben, etwas falsch zu machen oder die Situation noch zu verschlimmern. Die neuen Leitlinien könnten auch die Angst vorm Helfen verringern, so die Hoffnung von Dr. Heinzpeter Moecke. „Für den Laien wird die Erste Hilfe einfacher und klarer, weil er sich auf die Herzdruckmassage konzentrieren soll und die Beatmung weniger im Vordergrund steht", erklärte der Experte. Außerdem können Notfallzeugen mit der Herzdruckmassage nichts falsch machen, da selbst wenn kein Herzstillstand bei dem bewusstlosen Patienten vorliegt, eine Herzmassage helfen kann, das Bewusstsein zurückzuerlangen, betonte Dr. Moecke.

Um sich zusätzlich für entsprechende Situationen zu wappnen rät der Fachmann, regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse zu besuchen und die eigenen Kenntnisse über die Methoden zur Wiederbelebung aufzufrischen. "Nur so bleiben Sie auf dem aktuellen Stand und können im Ernstfall Ihrer Familie, Ihren Freunden und den Menschen in Ihrer Umgebung so effektiv wie möglich helfen", erklärte Dr. Moecke. Im Rahmen der neuen Leitlinien empfehlen die Fachleute außerdem den Einsatz von Defibrillatoren, welche einfach anzuwenden und mittlerweile an vielen Orten öffentlich zugänglich seien. Ähnlich wie bei der händischen Herzdruckmassage gelte jedoch auch hier: die Behandlung darf nicht unterbrochen werden, bis die Rettungskräfte eintreffen. (fp, 20.10.2010)