Hirnkranke Rentiere – 2000 Tiere mussten sterben

Dr. Utz Anhalt
Die „Chronic wasting diesease“ (CWD) geht um unter Norwegens Rentieren. Toxische Proteine lösen diese tödliche Erkrankung des Gehirns aus. Jetzt lässt das zuständige Landwirtschaftsministerium 2000 Tiere töten, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern.

Fünf Jahre Quarantäne
Die Herde von 2000 Tieren, die sterben sollen, umfasst 6 % der gesamten Population der Hirsche in Norwegen. Nach der Massentötung soll die Region, in der die Tiere leben, fünf Jahre unter Quarantäne stehen, um einen erneuten Ausbruch der Krankheit zu stoppen.

Rentiere in Norwegen leiden unter der Hirnkrankheit, die bisher nur bei Hirschen in Nordamerika bekannt war (Foto Dr. Utz Anhalt)

Auch andere Hirsche sind betroffen
CWD ist seit 1967 diagnostiziert. Zwei Jahre nach der Infektion mit den Proteinen zeigen sich die ersten Symptome: Der Speichel fließt, die Tiere verlieren an Gewicht und wirken apathisch. Wenige Monate später sterben sie. Nicht nur für Rentiere, sondern auch für andere Hirsche verläuft die Krankheit tödlich.

Keine Gefahr für Menschen
Die Hirnseuche verläuft ähnlich wie BSE bei Rindern. Im Unterschied zu BSE und manchen Krankheiten von exotischen Heimtieren gibt es aber keine Anzeichen, dass CWD sich auf Menschen überträgt.

Erreger bleibt über Jahre erhalten
Infizierte Tiere scheiden die infektiösen Prionen aus – mit Speichel, Kot und Urin. So stecken sie schnell andere Hirsche an. Auch Futterstellen sind ein Paradies für den Erreger. Die Prionen halten sich über Jahre in der Umwelt, und da viele Hirsche in Gruppen leben, ist die Infektionsgefahr enorm.

In Nordamerika schon lange bekannt
Norwegen war bis vor kurzem nicht von der Seuche betroffen, bisher brach die CWD in Amerika aus. So waren in Wyoming zeitweise 40 % aller Hirsche betroffen.

Biologen entdecken CWD
Im März vergangenen Jahres entdeckten Biologen in Nordfjella ein krankes Rentierjunges. Das tote Tier untersuchten Veterinäre in Oslo und stellten CWD fest.
Die Prionen glichen denen in Amerika.

Wie kam die Seuche nach Norwegen?
Unklar ist, wie die Hirnerkrankung Norwegen erreichte. Vielleicht infizierten sich die Rentiere mit Hirschurin, den Jäger in den USA in Flaschen füllten, um Hirsche anzulocken, und den norwegische Jäger in die Umwelt schütteten. Oder USA-Reisende schleppten die Proteine an ihrer Kleidung mit.

Für eine Infektion durch Tiere in Wildparks oder Zoos, die von den USA nach Norwegen kamen gibt es hingegen keine Hinweise.

Spontaner Ausbruch?
Wahrscheinlicher ist jedoch ein spontaner Ausbruch. Prionenkrankheiten können im Hirn eines Tieres entstehen, wenn sich ein Protein falsch faltet und von dieser Form in eine ansteckende mutieren. Die norwegischen Veterinäre vermuten, dass die Seuche so entstand.

Auch Elche betroffen?
Im Mai 2016 fand ein Jäger nahe Trondheim zwei infizierte Elche. Es handelt sich aber vermutlich nicht um die gleiche, sondern eine verwandte Krankheit, denn Rentiere und Elche haben verschiedene Prionen.

Kaum Seuchengefahr bei Elchen
Elche sind Enzelgänger – im Unterschied zu Rentieren. Deshalb ist die Gefahr der Ansteckung gering. Außerdem waren die beiden erkrankten Elche alt, und das deutet, laut norwegischen Biologen, auf eine spontane Entstehung der Krankheit. Die Elche des Landes stehen deshalb nur unter stärkerer Überwachung, werden aber nicht getötet.

Rentiere leben in Herden
Rentiere sind einer CWD-Epidemie stärker ausgesetzt als alle anderen Hirsche. Unter den Hirschen sind sie diejenigen, die in den größten Herden leben. Deshalb entschloss sich die norwegische Expertengruppe zu der drastischen Maßnahme, die gesamte Herde in Nordfjella zu töten.

Sperrgebiet
Bis zur Tötung werden die Rentiere in dem 2000 qm großen Gebiet isoliert: Kein Rentier darf das Gebiet verlassen, kein neues hinzukommen. Das lässt sich relativ einfach umsetzen, da die Region von Straßen umgeben ist, die die Tiere selten überqueren.

Quarantäne bis 2022
Bis 2022 soll das Gebiet rentierfrei bleiben. Dann werden Kotproben untersucht und festgestellt, ob die Erreger noch infektiös sind. Michael Samuel von der University of Wisconsin ist mit CWD vertraut und sagt: „Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie das Problem in den Griff bekommen.“

Entwarnung?
Eine Entwarnung ist das noch nicht. Niemand weiß, sich die gefährlichen Proteine auch in anderen Teilen Norwegens eingenistet hat. Landesweit werden deshalb in der nächsten Jagdsaison 20.000 Gewebeproben von Rentieren untersucht.

Die EU ist alarmiert
CWD kann nicht nur Rentiere heimsuchen, sondern auch Rothirsche, Damhirsche und Rehe. Deshalb empfiehlt die EU-Aufsichtsbehörde Efsa Überwachung der europäischen Hirsche für drei Jahre in sieben Ländern.

Bedrohte Arten gefährdet?
Für seltene Hirscharten in Wildparks wie Pater-Davids-Hirsche, Bucharahirsche oder den Mesopotamischen Damhirsch ist die Gefahr der Ansteckung zwar äußerst gering – sie könnten sich nur theoretisch über Proteine an der Kleidung von Menschen infizieren. Doch würde ein solcher Ausbruch vom Aussterben bedrohte Arten betreffen.

Die Information stammt aus dem Magazin Science. Weitere Informationen: www.aaas.org (Dr. Utz Anhalt)