Hirnschrittmacher kann Parkinson-Patienten helfen

Alfred Domke

Parkinson-Krankheit: Hirnschrittmacher hält impulsives Verhalten im Zaum

Die Parkinson-Krankheit ist eine unheilbare chronisch fortschreitende Erkrankung des zentralen Nervensystems. Es gibt jedoch Therapiemöglichkeiten, die das Leben mit Parkinson erträglicher machen. Patienten können unter anderem von einem Hirnschrittmacher profitieren.


Zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung in Deutschland

Der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zufolge gehört die Parkinson-Krankheit zu den häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Laut Schätzungen sind in Deutschland über 400.000 Menschen betroffen. Damit ist Parkinson die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung nach der Alzheimer-Demenz. Die Nervenkrankheit ist zwar bis heute unheilbar, es gibt aber Therapiemöglichkeiten, die das Leben für Betroffene erträglicher machen. So lindert die Tiefe Hirnstimulation (THS) bei der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit nicht nur Störungen der Bewegung, sondern stabilisiert auch die Stimmung, wie Forscher nun herausgefunden haben.

Die Parkinson-Krankheit zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland. Forscher haben nun festgestellt, dass ein Hirnschrittmacher nicht nur Störungen der Bewegung lindert, sondern auch die Stimmung der Patienten stabilisiert. (Bild: Astrid Gast/fotolia.com)

Tiefe Hirnstimulation bessert die Befindlichkeit

Wie die DGN und die Deutsche Parkinson Gesellschaft (DPG) in einer gemeinsamen Pressemitteilung berichten, widerlegt die im Fachmagazin „Lancet Neurology“ publizierte zusätzliche Auswertung einer deutsch-französischen Studie (EARLYSTIM) die Befürchtung, dass das operative Verfahren emotionale Schwankungen und Störungen der Impulskontrolle bei Parkinson-Patienten verstärken könnte.

„Im Gegenteil: Die Auswertung der EARLYSTIM-Studie zeigt, dass Fluktuationen unter der Stimulationsbehandlung sogar abnehmen. Die THS bessert die Befindlichkeit deutlich und in einem Maße, wie es mit Medikamenten alleine nicht erreicht wird“, so Professor Dr. Günter Deuschl von der DGN.

„Die Studie liefert gute Argumente, die THS auch für ausgewählte Patienten mit neuropsychiatrischen Fluktuationen oder Impulskontrollstörungen zu empfehlen“, kommentiert Professor Rüdiger Hilker-Roggendorf, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Klinikum Vest (Recklinghausen) und Mitglied des Vorstands der DPG.

Schon 150.000 Patienten erfolgreich behandelt

Die Parkinson-Krankheit ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung, bei der unter anderem Zellen in der sogenannten schwarzen Substanz (Substantia nigra) im Gehirn absterben. Diese Zellen produzieren den Botenstoff Dopamin, der z.B. für die Steuerung der Motorik wichtig ist.

Fehlt Dopamin, treten die typischen motorischen Symptome auf wie Verlangsamung der Bewegungsgeschwindigkeit, kleinschrittiger Gang, Sprachstörungen, Zittern und Steifigkeit in Armen und Beinen.

Die Tiefe Hirnstimulation (THS) – manchmal auch als „Hirnschrittmacher“ bezeichnet – kann helfen, wenn die Bewegungsstörungen durch Medikamente nicht mehr ausreichend kontrolliert werden können.

In einer Operation werden dann Mikroelektroden ins Gehirn implantiert, die mit schwachen Stromstößen bestimmte Hirnregionen hemmen. Weltweit wurden bereits mehr als 150.000 Patienten mit dieser Methode erfolgreich behandelt.

Störungen der Impulskontrolle sind häufig

Allerdings hegten manche Experten die Befürchtung, dass mit dem Verfahren das Risiko für enthemmte Verhaltensweisen wie Spielsucht und Kaufrausch oder ungehemmte Sexualität zunehmen könnte.

Ob die Ursache dieser sogenannten hyperdopaminergen Störungen in der Krankheit selbst liegt oder in der elektrischen Stimulation, war ohne eingehende Untersuchung nicht zu unterscheiden.

Dass Störungen der Impulskontrolle häufig sind, hatte allerdings zuletzt eine Studie mit 251 italienischen Parkinson-Patienten ergeben, die bereits an motorischen Komplikationen der medikamentösen Therapie (Dyskinesien) litten:

Der Anteil der Betroffenen mit Impulskontrollstörung lag bei 55 Prozent, in 36 Prozent der Fälle wurde dies als klinisch bedeutsam eingestuft.

„Die nun vorliegende Subanalyse der EARLYSTIM-Studie zeigt mit hoher wissenschaftlicher Evidenz, dass sich Störungen des Verhaltens und der Stimmungsregulation bessern können, wenn die Patienten frühzeitig eine THS erhalten und danach die Dosierung der medikamentösen Behandlung reduziert werden kann“, sagt Professor Hilker-Roggendorf.

Lebensqualität verbessert

Erste Ergebnisse der vom deutschen und französischen Gesundheitsministerium sowie von der Herstellerfirma des Hirnschrittmachers geförderten Studie mit 251 Patienten wurden bereits vor fünf Jahren veröffentlicht.

Damals hatten die Forscher um Co-Studienleiter Professor Deuschl die Lebensqualität zum zentralen Studienziel erhoben.

Parkinson-Patienten, die zusätzlich mit Tiefer Hirnstimulation behandelt wurden, hatten eine höhere Lebensqualität als solche, die lediglich Medikamente erhalten hatten.

Geringere Stimmungsschwankungen, bessere Impulskontrolle

Die Folgeauswertung zeigt nun, dass unter einer THS auch die emotionalen Schwankungen der Patienten verbessert werden. Bei Patienten, die lediglich Medikamente bekommen hatten, blieben die neuropsychiatrischen Fluktuationen unverändert.

Unter einer zusätzlichen THS nahm der entsprechende Wert auf der Ardouin-Skala (Ardouin Scale of Behavior in Parkinson’s Disease) um 0,65 Punkte ab.

Sehr groß war der Unterschied auch bei den hyperdopaminergen Verhaltensstörungen (Impulskontrollstörungen, Hypomanie, Sprunghaftigkeit): Mit THS nahm der Wert um 1,26 Punkte ab – gegenüber einer Zunahme um 1,12 Punkte, wenn die Patienten lediglich Medikamente erhielten.

Keinen Unterschied fand man dagegen bei sogenannten hypodopaminergen Verhaltensstörungen wie Apathie und Depressionen, egal, ob die Patienten ausschließlich Medikamente bekommen hatten oder zusätzlich die THS.

„Die Studie beantwortet wichtige Fragen zur Therapie von Parkinson-Patienten, welche unter einer instabilen Krankheitsausprägung mit Stimmungsschwankungen und Verhaltensstörungen leiden“, so Professor Hilker-Roggendorf.

„Durch Medikamente ausgelöste Impulskontrollstörungen können sich unter THS verbessern, Apathie und Depression nehmen unter THS nicht zu. Die THS kann bei geeigneten Patienten bereits im mittleren Krankheitsstadium mit guter Wirksamkeit und ausreichender Sicherheit eingesetzt werden.“ (ad)