HIV-Infizierte am Welt-Aids-Tag verhaftet

Fabian Peters

HIV-Infizierte am Welt-Aids-Tag in Moskau verhaftet. Die Demonstranten wollten auf Missstände bei der russischen Versorgung von Medikamenten aufmerksam machen.

02.12.2010

Zehn HIV- Infizierte hatten den Welt-Aids-Tag genutzt, um mit einer Demonstration vor dem Regierungssitz in Moskau auf die Probleme der Aids-Kranken in Russland aufmerksam zu machen. Die Demonstration endete mit der Verhaftung der HIV-Infizierten.

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Mit Plakaten auf denen das Gesundheitsministerium als „Beerdigungsministerium“ bezeichnet wurde, hatten die HIV-Infizierten auf die Missstände bei der Medikamenten-Versorgung von Aidskranken in Russland aufmerksam machen wollen. Bei Eiseskälte versammelten sich die zehn Demonstranten vor dem Weißen Haus in Moskau und prangerten die Versäumnisse des Gesundheitsministeriums an. Zwar haben HIV-Infizierte in Russland generell einen gesetzlichen Anspruch auf eine kostenlose Therapie, doch die Versorgung mit den antiretroviralen Medikamenten ist äußerst mangelhaft. So können viele HIV-Infizierte nicht mit den entsprechenden Mitteln behandelt werden.

Auch wenn die Demonstration mit einer Verhaftung der HIV-Infizierten endete, hat die Generalstaatsanwaltschaft mittlerweile erstmals bestätigte, dass den Behörden zahlreiche Versäumnisse beim Einkauf der Medikamente vorzuwerfen sind. Auf der Internetseite der Generalstaatsanwaltschaft wird von „zahlreiche Unregelmäßigkeiten“ im Zusammenhang mit dem Kauf von Medikamenten für HIV-Infizierte und Hepatitis-Kranke berichtet, wodurch etliche Patienten nicht behandelt werde konnten und teilweise sogar die Therapie abgebrochen werden musste. So ist nach Aussage der Generalstaatsanwaltschaft dieses Jahr erst im vierten Quartal überhaupt mit dem Einkauf von antiretroviralen Arzneien begonnen worden. Manche Lieferverträge seien von den zuständigen Behörden erst im November, andere noch gar nicht unterzeichnet worden. So bestehe eine erhebliche Unterversorgung in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen, wo die entsprechenden Arzneien oftmals nicht mehr vorrätig seien, berichtete die Zeitung „Wedomosti“ unter Bezug auf die Aussagen der Staatsanwaltschaft.

Da zehntausende HIV-Infizierte mangels Medikamente nicht behandelt werden können, gehen die Betroffenen immer öfter für ihre Rechte auf die Straße. Auch Anklagen gegen die zuständigen Behörden, wie zum Beispiel aktuell in Moskau, Kazan, Tula und Archangelsk, sind keine Seltenheit mehr. Sogar der Präsident Medwedew persönlich hat sich angesichts der Missstände bereits in die Diskussion eingeschaltet und die Ministerin für Gesundheit und Soziales, Tatjana Golikowa, im August dazu aufgefordert, auf eine Verbesserung der Abläufe hinzuarbeiten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Auch Wadim Pokrowski, Leiter des nationalen russischen Anti-Aids-Zentrums und die parlamentarische Gruppe für den Kampf gegen Aids hatten das Gesundheitsministerium bereits scharf kritisiert und bemängelt, dass aus unerfindlichen Gründen darauf verzichte werde, frühzeitig günstige Medikamente zu erwerben. Stattdessen würden die Behörden bei ihren verspäteten Medikament-Einkäufen den fünf- bis achtfachen Preis bezahlen, so dass die Versorgung nicht nur schlechter sondern auch teurer sei. Daher hatten die Abgeordnete und Aktivisten im November eine parlamentarische Untersuchung der Behördenpraxis beantragt. Nach Berichten der Zeitung „Wedomosti“ wurde in Folge des Untersuchungsantrags jedoch nur die Organisation des russischen Anti-Aids-Zentrums genauer unter die Lupe genommen und eine Antwort auf die Fragen zur gängigen Behördenpraxis hätten die Abgeordneten nicht erhalten.

Dabei ist nach Aussage von Wadim Pokrowski auch zu bemängeln, dass Russland insgesamt keine Strategie hat, um die Ausbreitung von HIV zu bekämpfen. Pokrowski warnt: „Was die Geschwindigkeit angeht, mit der sich HIV bei uns ausbreitet, so sieht es inzwischen schlechter aus als in Afrika“, denn täglich infizieren sich etwa 150 bis 160 Menschen landesweit mit HIV. So leben nach offiziellen Schätzungen heute rund 570.000 HIV-Infizierte in Russland, Experten gehen jedoch davon aus, dass tatsächlich mehr als eine Millionen Menschen betroffen sind. Von den offiziell an Aids Erkrankten, würden nach Ansicht von Pokrowski 130.000 eine Behandlung benötigen, allerdings erhalten momentan nur knapp 75.000 Menschen eine entsprechende medizinische Versorgung. Ein weiteres Problem bei der Verbreitung von AIDS in Russland ist nach Angaben des nationalen Anti-Aids-Zentrums, dass 70 Prozent der Infizierten unter 30 Jahre alt sind. Angesichts der Probleme ist es daher gut nachzuvollziehen, dass die zehn HIV-Infizierten mit der Demonstration auf ihre Anliegen aufmerksam machen wollten. Die Verhaftung der Aktivisten wirft hingegen erneut kein gutes Licht auf den Umgang der russischen Behörden mit dem Thema Aids. (fp)