HIV-Medikamente reduzieren das Übertragungsrisiko

Fabian Peters

HIV: Frühzeitiger Einsatz von Medikamenten verringert das Übertragungsrisiko

13.05.2011

Beginnen HIV-Infizierte direkt nach der Diagnose mit einer medikamentösen Behandlung, lässt sich das Infektionsrisiko für ihre Partner deutlich reduzieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases finanzierte Studie, die das Übertragungsrisiko bei knapp 1.800 Paaren, von denen zu Beginn der Untersuchung jeweils ein Partner mit HIV infiziert war, seit dem Jahr 2005 beobachtet.

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Eigentlich sollte die Studie laut Aussage der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis zum Jahr 2015 laufen, doch angesichts des sich abzeichnenden Ergebnisses, wurde die Untersuchung abgebrochen, um die noch nicht mit HIV infizierten Partner vor einer Ansteckung zu schützen. Denn das Infektionsrisiko war für die Probanden, deren HIV infizierte Partner direkt nach der Diagnose antiretrovirale Mittel einnahmen um 96 Prozent geringer als bei den Studienteilnehmern ohne medikamentöse Behandlung.

AIDS-Studie mit knapp 1.800 Paaren
Im Rahmen der repräsentativen Studie wurden den Angaben des amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases zufolge seit dem Jahr 2005 insgesamt 1.763 Paare, in denen jeweils ein Partner HIV-infiziert war, beobachtet. Die Studienteilnehmer kamen dabei aus dreizehn Städten in Botswana, Brasilien, Indien, Kenia, Malawi, Simbabwe, Südafrika, Thailand und den USA und waren zu 97 Prozent heterosexuell. Die HIV-infizierten Probanden hatten schon eine Diagnose vorliegen, aber noch keine antiretroviralen Therapie begonnen, erklärten die Forscher. Die teilnehmenden Paare wurden nach dem Zufallsprinzip halbiert und die HIV-infizierten Partner in der einen Gruppe wurden von Beginn der Studie an mit antiretroviralen Medikamenten versorgt. Die übrigen Paare mussten hingegen ohne entsprechende Medikation auskommen, solange keine Anzeichen einer Schwächung des Immunsystems im Blutbild oder andere Aids-Symptome auftraten. Alle Studienteilnehmer bekamen Kondome, eine Safer-Sex-Beratung und eine Behandlung bei anderen sexuell übertragenen Krankheiten, berichteten die Forscher.

Antiretrovirale Behandlung reduziert das HIV-Infektionsrisiko
Bisher haben sich im Zuge der Studie 39 Probanden mit HIV infiziert, wobei davon 28 definitiv durch ihrem Partner angesteckt wurden, erklärten die Experten des National Institute of Allergy and Infectious Diseases. Einer der Gründe für den Abbruch der Studie war, dass 27 der 28 HIV-Infektionen in der Gruppe ohne antiretrovirale Behandlung erfolgten. Die Kontrollgruppe müsse aufgelöst werden, um auch den HIV-Infizierten dieser Gruppe eine medikamentöse Behandlung zu ermöglichen und so das Infektionsrisiko für die gesunden Partner zu minimieren, erklärten die Wissenschaftler. „Das ist eine bedeutende Entwicklung, denn wir wissen, dass 80 Prozent aller Neuinfektionen durch sexuelle Übertragung stattfinden“, betonte Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Ergebnisse der Studie sollen auch in die neuen Richtlinien der WHO zur Bekämpfung von AIDS einfließen, die voraussichtlich im Juli veröffentlicht werden, so die WHO-Generaldirektorin weiter. Die Studienleiter Anthony Fauci vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases und Myron Cohen von der University of North Carolina in Chapel Hill erklärten, dass zwar die eigentliche Studie nun beendet sei, da die Vergleichsgruppen aufgelöst wurde, doch um die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen der antiretroviralen Medikamente zu überprüfen, werden die Teilnehmer weiterhin beobachtet.

Neue Richtlinien der WHO im Kampf gegen AIDS geplant
Die antiretrovirale Therapie reduziert zwar erheblich das Übertragungsrisiko der HI-Viren auf gesunde Partner, doch sind den Forschern zufolge mit den Medikamenten oft schwerwiegende Nebenwirkungen verbunden. Bisher lautet die Empfehlung der WHO daher, HIV-Patienten erst medikamentös zu behandeln, wenn die Zahl der sogenannten CD4-Helferzellen im Blut auf höchstens 350 pro Milliliter oder weniger gesunken ist. Beim Ausbruch der Immunschwächekrankheit AIDS geht die Anzahl der entsprechenden Helferzellen, die normalerweise bei durchschnittlich 600 pro Milliliter liegt, drastisch zurück. Doch ein Einsatz von antiretroviralen Medikamente bereits vor dem Rückgang der CD4-Helferzelle, kann den aktuellen Studienergebnissen zufolge nicht nur im Sinne der Patienten, sondern auch im Interesse ihrer Partner erhebliche Vorteile bieten. In den meisten Industrieländern empfehlen Ärzte ohnehin bereits ab eine Konzentration von weniger als 500 CD4-Helferzellen pro Milliliter Blut eine medikamentöse Behandlung.

Erhebliche Nebenwirkungen der HIV-Medikamente
Dabei sind die Nebenwirkungen der antiretroviralen Medikamente jedoch nicht zu unterschätzen. So bilden den Angaben der Experten zufolge Übelkeit, Durchfall und Schwächegefühlen sowie langfristig schmerzhafte Entzündungen der Nerven in den Gliedmaßen, Störungen des Fettstoffwechsels und schlimmstenfalls Organschädigungen bis hin zum Leberversagen mögliche Folgen der antiretroviralen Medikamente. HIV-Infizierten können quasi zwischen dem größeren und dem kleineren Übel wählen. Entweder sie verzichten aus Angst vor den Nebenwirkungen auf eine medikamentöse Behandlung und setzten ihre Partner damit einem erheblich höheren Infektionsrisiko aus, oder sie schützen ihren Partner durch die frühzeitige Einnahme der antiretroviralen Medikamente und schädigen damit möglicherweise ihre eigene Gesundheit. Angesichts der aktuellen Studienergebnisse erklärte Thomas Coates, Gründer des Center for AIDS Prevention Studies in San Francisco, gegenüber der New York Times jedoch, er hoffe darauf, dass nun immer mehr HIV-Infizierte frühzeitig mit einer medikamentösen Behandlung beginnen und so ihre Partner schützen. Das Risiko der Nebenwirkungen sei zwar nicht zu übersehen, doch die neuesten Mittel seien erheblich besser verträglich als frühere Präparate, erklärte der Fachmann.

AIDS-Vorbeugung durch medikamentöse Behandlung?
Die Ergebnisse der aktuellen Studie sollten laut Michel Sidibé, Direktor des Joint United Nations Programme on HIV/Aids (UNAIDS) auch dazu beitragen, endlich die Debatte über eine Finanzierung der Medikamente als Vorsorgemaßnahme zu beenden. „Die Unterscheidung zwischen Behandlung und Vorbeugung ist nicht real“, betonte Sidibé und forderte, dass alle betroffenen Paare nun Zugang zu dieser Form der medikamentösen Vorbeugung erhalten sollten. Weltweit sind dem Experten zufolge mehr als 33 Millionen Menschen mit HIV infiziert, wobei zwei Drittel von ihnen in den südlich der Sahara gelegenen afrikanischen Staaten leben. In Deutschland sind dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge insgesamt rund 70.000 an AIDS erkrankt und jährlich kommen rund 3.000 HIV-Infektionen hinzu. Im Gegensatz zu den jüngst vorgestellten AIDS-vorbeugenden Medikamenten, die gesunden Menschen zur Vermeidung einer Infektion verabreicht werden sollen und eine Sicherheit von 73 Prozent aufwiesen, sei die antiretrovirale Behandlung der Infizierten mit einer Verringerung des Infektionsrisikos für die Partner um mehr als 90 Prozent eine weit vielversprechendere Strategie im Kampf gegen HIV, erklärte Dr. Stefan Esser, Aids-Forscher vom Universitätsklinikum Essen, bereits letztes Jahr im Vorfeld des Welt-Aids-Tags. (fp)