HIV-Positive bewältigen Ängste mit einem Buddy

Sebastian
HIV-Positiv: Neues Projekt hilft Betroffenen
Die Diagnose HIV-positiv ist für Betroffene zunächst ein Schock. In einem neuen Projekt der Deutschen AIDS-Hilfe soll Menschen mit HIV oder Aids geholfen werden, besser mit der neuen Situation umzugehen. Die helfenden Buddys leben selbst schon seit Jahren mit HIV.

Viele Menschen wissen nichts von ihrer Infektion
Die am stärksten betroffene Gruppe bei HIV-Neuinfektionen in Deutschland ist die der Männer, die Sex mit Männern haben. Darauf hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) in der Vergangenheit mehrfach hingewiesen. Viele Frauen unterschätzen HIV,  wie vor kurzem gewarnt wurde. Nach Schätzungen des RKI haben Ende 2013 hierzulande etwa 14.000 Menschen mit einer HIV-Infektion gelebt, ohne es zu wissen. Diejenigen, bei denen die Diagnose HIV-positiv gestellt wird, stehen zunächst meist unter Schock. Ein neues Projekt, über das die Nachrichtenagentur dpa berichtet, soll Betroffenen helfen.

Freundschaftliche Hilfe für HIV-Betroffene (Bild: mickyso/fotolia)

Betroffene stehen nach HIV-positiv-Diagnose oft unter Schock
Einer dieser Betroffenen ist Carsten. Als er erfuhr, dass er HIV-positiv ist, bekam er Angst davor, mit Mitte 30 an Aids sterben zu müssen. Für ihn war die Diagnose ein regelrechter Schock. „Ich hatte die alten Bilder im Kopf, dass ich ganz schnell Flecken im Gesicht bekomme und sterbe.“ Heute, sieben Jahre später, weiß der 41-Jährige, dass seine Ängste unberechtigt waren. Der Berliner lebt nun selbstverständlich mit HIV, nimmt jeden Tag Medikamente, die die Vermehrung des Erregers im Körper unterbinden und damit verhindern, dass das Virus die Immunerkrankung Aids auslöst. Den Angaben zufolge kann er HIV nicht mehr weitergeben und hat eine ähnliche Lebenserwartung wie HIV-negative Menschen. Als Buddy engagiert er sich in einem neuen Projekt der Deutschen AIDS-Hilfe für Menschen, denen es so geht wie ihm vor sieben Jahren.

Mit HIV kann man gut und lange leben“
Damals hätte sich Carsten einen Freund gewünscht, der auch HIV-positiv ist und mit dem er über alle Ängste hätte sprechen können. Sein Arzt konnte ihm jedoch nur die medizinischen Ängste nehmen und der Berater bei der Aidshilfe musste professionelle Distanz wahren. Die Selbsthilfegruppe, die er besuchte, „um andere Positive kennenzulernen und hautnah zu sehen: die leben noch“, brachte zwar die Beruhigung: „Mit HIV kann man gut und lange leben.“ Doch nach drei Besuchen ging Carsten nicht mehr hin, da ihn die Themen überforderten: „Viele hatten nur über Sex geredet – für mich war Sex in der damaligen Situation völlig undenkbar.“

Buddys für Neuinfizierte
Schätzungen des RKI zufolge leben in Berlin 15.000 Menschen mit HIV oder Aids. Jedes Jahr kommen 550 Menschen mit Neuinfektionen hinzu. Im April hat die Deutsche AIDS-Hilfe in mehreren deutschen Großstädten ein neues Projekt namens „Sprungbrett“ gestartet, um die Lücke zwischen professionellen Beratern und Selbsthilfegruppen zu schließen. Neuinfizierte können sich dabei auf der Webseite www.sprungbrett.hiv einen Buddy – also einen Kumpel – suchen, der sie freundschaftlich auf ihren ersten Schritten im positiven Leben begleitet. Diese Buddys leben selbst mit HIV, sind bereits weiter in der Bewältigung ihrer Erkrankung und wurden von der Deutschen AIDS-Hilfe geschult, erklärte die Projektleiterin Heike Gronski: „Die Buddys hören zu, erzählen von ihrer eigenen Geschichte, vermitteln ein authentisches Bild vom Leben mit HIV und helfen damit denen, die ganz am Anfang stehen, eine neue Perspektive zu entwickeln.“

Betroffene leiden oft unter Schuldgefühlen
Für Interessierte bestehen die Möglichkeiten, einen Buddy anzuschreiben, mit ihm zu telefonieren und sich mit ihm zu treffen. „Wir wollen, dass die Neuinfizierten jemandem gegenübersitzen, der selbstverständlich und selbstbewusst mit seiner Infektion umgeht, und ihnen damit die verinnerlichte Stigmatisierung nimmt“, so Frau Gronski. „Viele Menschen mit HIV leiden unter Schuldgefühlen und machen sich Vorwürfe.“ Carsten ist jetzt einer von vier Buddys in Berlin und von 50 bundesweit. „Es ist kein Weltuntergang, ein positives Ergebnis zu bekommen. Ich bin ein positives Vorbild und ein lebender Beweis dafür, dass sich ohne Einschnitte mit HIV leben lässt – mit Beruf, Freunden, Beziehung und Sexualität.“ Bei Carsten hat sich auch schon eine HIV-positive Frau gemeldet: „Sie ist am Telefon aufgeblüht, weil sie heilfroh war, endlich mal jemanden zu haben, der dasselbe durchgemacht hat wie sie und der sie versteht.“ Mittlerweile kann er seiner Infektion sogar etwas Positives abgewinnen: „Ich habe in der positiven Community viele wertvolle Menschen kennengelernt und Freunde gefunden, die ich sonst nie getroffen hätte.“ (ad)

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