Hochsensibilität: Wenn das Gehirn dauerhaft scharf eingestellt ist

Sebastian
Hochsensibilität – Wenn Sinneseindrücke zur Qual werden
In der modernen Welt werden unsere Sinne täglich mehr und mehr mit Reizen überflutet. Manche Menschen können ganz gut damit umgehen und empfinden dies erst im Extremfall als Stress. Doch für Hochsensible ist ein Übermaß an Sinneseindrücken kaum zu ertragen. Sie nehmen mehr wahr als ihnen lieb ist. Das wirkt sich auch auf die sozialen Kontakte aus.

Stärker auf Reize reagieren
Menschen, die unter ihrer Hochsensibilität (auch Hochsensivität genannt) leiden, reagieren wesentlich stärker und intensiver auf Reize als der Durchschnitt. Es gibt zwar bislang keine eindeutige und anerkannte wissenschaftliche Definition der „Überempfindlichkeit“, doch viele Betroffene berichten über die Auswirkungen – wie etwa geringe Belastbarkeit -, die Hochsensibilität bei ihnen zur Folge haben. Ein Betroffener, Michael Jack aus Dortmund, berichtet in einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa über seine Erfahrungen und Probleme und wie man mit dem Phänomen umgehen kann.

Hochsensibilität: Viele Betroffen wissen von ihrer Gabe nichts. Bild: pathdoc- fotolia
Hochsensibilität: Viele Betroffen wissen von ihrer Gabe nichts. Bild: pathdoc- fotolia

Rund 20 Prozent der Menschen betroffen
Er fand es demnach immer ausgesprochen anstrengend, wenn er früher mit seinen Schulfreunden in die Disco ging. „Ohne Ohrstöpsel habe ich es fünf Minuten ausgehalten, mit Ohrstöpseln auch nicht länger als 30 Minuten“, so Jack. Ihm waren die laute Musik, das Stimmengewirr und die grellen Lichter einfach zu viel. „Ich hatte immer das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt“. Dieses Gefühl bekommt erst Jahre später einen Namen. Da war er bereits Jurastudent. Damals versuchte er im Internet herauszufinden, weshalb ihn beispielsweise Veranstaltungen mit vielen Menschen oder Gespräche bei lauter Hintergrundmusik so anstrengten, seine Kommilitonen aber offenbar nicht.

Bei seinen Recherchen stieß er auf den Begriff „Hochsensibilität“. Geprägt hat ihn die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron, die 1997 ihre erste Studie zu diesem Thema veröffentlichte. Ihrer Theorie zufolge nehmen bis zu 20 Prozent der Menschen Sinneseindrücke stärker und intensiver wahr als der Durchschnitt.

„Sehr feines Gespür für zwischenmenschliche Spannungen“
Wie die Psychologin Hedi Friedrich aus Frankfurt sagte, kann sich das auf ganz unterschiedliche Art und Weise äußern. Die Expertin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und bietet unter anderem auch Gesprächskreise für Hochsensible an. So wird es manchen schnell zu laut, anderen fällt es schwer, Geräusche in dem Umgebung, etwa von telefonierenden Kollegen, auszublenden.

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Andere wiederum haben eine besonders empfindliche Nase, halten kratzige Kleidung auf der Haut nicht aus oder sind empfindlicher gegenüber Schmerz. In vielen Fällen sind zudem die Sinne für Signale geschärft, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind: „Viele Hochsensible haben ein sehr feines Gespür für zwischenmenschliche Spannungen, analysieren sich und andere sehr genau und werden für ihr Einfühlungsvermögen und ihr Mitgefühl geschätzt.“

Wahrnehmungsbegabung – keine Krankheit
Friedrich betonte, dass Hochsensibilität eine Wahrnehmungsbegabung ist, keine Krankheit. Allerdings machten die Konsequenzen der geschärften Sinne vielen Betroffenen zu schaffen. Denn ohne Erholungspausen ermüdet der dauernde Input Körper und Seele. Zudem werden Menschen, die ständig Veranstaltungen mit vielen Menschen meiden, leicht zum Außenseiter. „Man setzt sich ja selbst dauernd unter Druck und versucht, sich anzupassen. Dadurch gerät man in Situationen, die einem nicht gut tun“, erläuterte Michael Jack. „Existenziell befreiend“, sei es seiner Aussage nach gewesen, zu erfahren, dass es einen Grund für das Gefühl des Unbehagens gibt „und dass ich Strategien dagegen entwickeln konnte“. Unter anderem sind das ausreichend Erholungspausen, um die Sinnesreize zu verarbeiten. Er gerate auch nicht mehr so schnell in eine „negative Feedback-Schleife“. Er berichtete: „Früher habe ich viel mehr darüber nachgedacht, warum mich ein bestimmter Reiz stört. Dadurch schaukelte sich die Irritation noch mehr hoch.“

Kritiker sprechen von einer Trenddiagnose
Der inzwischen promovierte Jurist initiierte den Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität und ist auch dessen Präsident. Es geht dabei – neben der Öffentlichkeitsarbeit – darum, Forschung zur Hochsensibilität anzustoßen und Wissenschaftler miteinander zu vernetzen. Mittlerweile gibt es zum Phänomen Hochsensibilität zwar eine ganze Reihe von Büchern und einige Anlaufstellen für alle, die Beratung suchen, jedoch auch viele Stimmen, die von einer Trenddiagnose ohne wissenschaftliche Basis sprechen. Ihr Argument laute, dass es eine Binsenweisheit sei, dass Menschen Sinnesreize unterschiedlich verarbeiten und dass ein Übermaß an Eindrücken ermüdet. Friedrich erklärte, es sei nicht einfach, anderen Menschen begreiflich zu machen, was Hochsensibilität bedeutet: „Soll das heißen, dass ich unsensibel bin?“, sei dann oft als Reaktion zu hören. Hochsensible würden schnell als dünnhäutig und empfindlich abgestempelt werden. Ihre besonderen Stärken und Fähigkeiten hingegen würden leicht übersehen, da viele Hochsensible eher zurückhaltend seien.

Fragebögen beruhen auf Selbsteinschätzung
„Bislang fehlen wissenschaftlich geprüfte diagnostische Instrumente“, erläuterte Sandra Konrad, Psychologin an der Universität der Bundeswehr Hamburg. Sie erstellt derzeit im Rahmen ihrer Dissertation mehrere Studien zum Thema Hochsensibilität. Die deutschen Versionen der Fragebögen, die dafür derzeit genutzt werden, beruhten ausschließlich auf der Selbsteinschätzung von Betroffenen und seien nicht wissenschaftlich geprüft. „Hier versuche ich, Abhilfe zu schaffen.“ Ihrer Meinung nach gibt es reichlich Forschungsbedarf, da man auch über Ursachen und Mechanismen von Hochsensibilität bisher nur wenig weiß: „Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass es sich um eine genetisch bedingte Besonderheit der reizverarbeitenden Systeme handelt“, so Konrad.

Bei Hochsensiblen würden möglicherweise bestimmte Bereiche des Gehirns stärker erregt und Sinnesreize häufiger als „bedeutsam“ eingestuft. Michael Jack sieht die ganze Diskussion pragmatisch: „Man kann sich für Hochsensibilität „nichts kaufen“, deshalb hätte eine belastbare Diagnose auch keine unmittelbaren Konsequenzen“, sagte der Dortmunder. „Der Terminus kann aber helfen, dass Betroffene ihr Leben mehr ihrer Veranlagung entsprechend gestalten – und auch von den positiven Seiten der Hochsensibilität profitieren.“ (ad)