Höheres Herzinfarktrisiko durch Diclofenac

Alfred Domke

EU-Behörde warnt vor Schmerzmittel Diclofenac

23.11.2013

Die oberste Arzneimittelbehörde der EU rät zu einem vorsichtigen Umgang mit Diclofenac. Der in zahlreichen, verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln enthaltene Wirkstoff könne zu schweren Nebenwirkungen führen und das Herzinfarkt-Risiko erhöhen.

Warnung der EU-Behörde
Ein neuer Sicherheitshinweis der EU bezüglich des Schmerzmittels Diclofenac sorgt für Verunsicherung bei Patienten. Bereits vor einigen Monaten sprach die oberste Arzneimittelbehörde der EU (EMA) eine Warnung aus. Infolge davon erging nun Ende Oktober ein Schreiben des Österreichischen Bundesamtes für Sicherheit im Gesundheitswesen an die heimischen Spitäler, Ärzte- und Apothekerkammern, worin es unter anderem heißt: „Der Nutzen von Diclofenac überwiegt die Risiken. Allerdings weisen die derzeit verfügbaren Daten darauf hin, dass die Therapie mit Diclofenac mit einem erhöhten Risiko arterieller thrombotischer Ereignisse, wie einer erhöhten Herzschwäche und einem erhöhtem Herzinfarktrisiko assoziiert ist.“

Gängigstes verschreibungspflichtiges Schmerzmittel
Der Wirkstoff Diclofenac, der als effektiver Schmerz- und Entzündungshemmer gilt, ist in Österreich in 80 Schmerzmitteln, wie etwa Voltaren oder Deflamat, enthalten. Auch in Österreich ist Diclofenac das gängigste verschreibungspflichtige Schmerzmittel. Das Medikament könne zu schweren Komplikationen durch eine Verdickung des Blutes führen. Dabei gelte das Verhältnis 1.000 zu drei, was bedeutet, dass bei drei von tausend mit Diclofenac behandelten Patienten schwere Nebenwirkungen auftreten.

Risikopatienten sollten verzichten
Menschen, die an Herzschwäche, Angina pectoris oder der sogenannten Schaufensterkrankheit leiden, sollten ganz auf Diclofenac verzichten. Ebenso Patienten mit Durchblutungsstörungen im Gehirn oder nach einem Herzinfarkt. Und ein vorsichtiger Umgang mit solchen Schmerzmitteln ist Menschen anzuraten, die an Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes leiden oder Raucher sind. Gesunden, fitten Menschen könnte zwar Diclofenac weiterhin gefahrlos verschrieben werden, doch auch der Grazer Schmerzspezialist Andreas Sandner-Kiesling warnt: „Bei einem Patienten, der übergewichtig, eventuell zuckerkrank ist und einen erhöhten Blutdruck hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er eine schwere Nebenwirkung erleidet, gegeben. Bei Herzinsuffizienz hat oder einer bestehende Verkalkung irgendeines Gefäßes im Körper, heißt es: Finger weg von diesem Medikament.“

Umdenken in der Schmerztherapie erforderlich
Die neuen Erkenntnisse wurden bekannt, als die Ergebnisse einer großen, von der britischen Gesundheitsbehörde initiierten Untersuchung vorlagen. Diese wurden daraufhin an die EU-Mitgliedsstaaten sowie die dortigen Verantwortungsträger weitergeleitet und als erster Schritt wurden die Fach- und Gebrauchsinformationen für Ärzte sowie die Beipackzettel für Patienten überarbeitet. Wie Christoph Baumgärtel von der österreichischen Arzneimittelbehörde erklärte, müsse nun auch in der Schmerztherapie umgedacht werden: „Neu und wichtig ist, dass diese Arzneimittel jetzt grundsätzlich nur mehr in der geringstmöglichen Dosis gegeben werden und das nur für den kürzest möglichen Zeitraum. Diese Dauertherapien, wo man früher Patienten teilweise – wenn es chronische Schmerz-Patienten waren – Monate lang, vielleicht auch Jahre lang mit Diclofenac behandelt hat, das sollte der Vergangenheit angehören. Insofern ist es nicht schlecht, dass diese Aussendung der Arzneimittelbehörde innerhalb der Ärzteschaft auch ein bisschen zu Unruhe geführt hat. Sie ist ein Zeichen dafür, dass diese Botschaft zumindest angenommen und gelesen worden ist.“

Zulassungen für Diclofenac zurückziehen?
Diclofenac zählt zu den weltweit gängigsten Schmerzmitteln und gehört zu den sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAID). Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) führt zwar auf ihrer Liste der essenziellen Medikamente als NSAIDs Ibuprofen und ASS, jedoch nicht Diclofenac. Britische und kanadische Mediziner hatten in einer älteren Ausgabe der Zeitschrift „PLOS Medicine“ sogar geschrieben: „Es gibt starke Gründe dafür, seine Zulassungen weltweit zurückzuziehen.“ (ad)

Bild: Martin Berk / pixelio.de