Hohe Anstiege der Lungen- und Herz-Notfälle infolge der Grippewelle

Fabian Peters

Grippewelle bedingt drastischen Anstieg bei Lungen- und Herz-Notfallpatienten

Die Grippewelle hat Deutschland fest im Griff. Von Woche zu Woche meldet das Robert Koch-Institut (RKI) neue Höchststände der Neuinfektionen. Laut Angaben der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) spiegelt sich dies auch in einem drastischen Anstieg der Lungen- und Herz-Notfälle wieder. Weiterhin sei die Situation sehr angespannt.


Seit Jahresbeginn sind die Grippe-Infektionen in die Höhe geschnellt. „Die Zahl der Patientinnen und Patienten, die seit Januar mit Grippesymptomen eingeliefert worden sind, ist von Woche zu Woche gestiegen“, so die aktuelle Mitteilung der MHH. Im gleichen Umfang sei in diesem Zeitraum die Zahl der Herzinfarkt-Patienten gestiegen. Auch bei den chronischen Atemwegserkrankungen sowie bei schweren Lungenentzündungen seien erheblich mehr Notfälle aufgetreten.

Aafgrund der Grippewelle müssen derzeit deutlich mehr Lungen- und Herz-Notfallpatienten in den Krankenhäusern versorgt werden. (Bild: s_l/fotolia.com)

Mehr Patienten mit Grippe eingeliefert

Auf einer Pressekonferenz zur „Hannover Herz Lungen Messe“ berichtete Professor Dr. Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie an der MHH, von den Auswirkungen der Grippewelle. „In unserer Zentralen Notaufnahme haben wir seit Jahresbeginn bei Patienten mit Grippesymptomen einen Anstieg von mehr als einem Drittel gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres verzeichnet“, so der Pneumologe. Im Zuge der zunehmenden Influenza-Erkrankungen sei zudem ein dramatischer „Anstieg von Verschlechterungen bei obstruktiven Atemwegserkrankungen wie Asthma oder COPD sowie bei schweren Lungenentzündungen“ festzustellen gewesen.

Bereits 92 Herzinfarkte in diesem Jahr

Auch bei den Herz-Notfällen zeigen sich schwerwiegende Folgen der Grippewelle. So ist die Zahlen der Patienten mit Herzinfarkt an der MHH in den ersten Wochen des Jahres 2018 stark gestiegen. Insgesamt mussten dort seit Jahresanfang 92 Patienten behandelt werden, die mit Herzinfarkt eingeliefert wurden, berichtet Professor Dr. Johann Bauersachs, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie an der MHH. In Monaten ohne Grippe seien es durchschnittlich nur 40 Fälle und „die Zahl der schweren Fälle mit akuter Herzbeteiligung ist um 25 Prozent gestiegen“, so Professor Dr. Bauersachs.

Die Situation ist angespannt

Professor Dr. Axel Haverich, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie an der MHH, bestätigt die zunehmenden Herz-Beschwerden und betont, dass seit Winterbeginn vermehrt Patienten mit einem Bypass versorgt werden mussten. „Die Situation ist angespannt, auch weil wir vermehrt Patienten aus umliegenden Krankenhäusern zugewiesen bekommen“, so Professor Bauersachs. Dank innovativer Behandlungsmethoden gelinge es oftmals, ihr Leben zu retten. Beispielsweise werde Menschen, bei denen die Atmung versagt, in der MHH mit dem innovativen Verfahren einer künstlichen Beatmung, der extracorporalen Membranoxygenierung (ECMO), geholfen. Dieses Verfahren sei in den ersten Wochen dieses Jahres bereits viermal häufiger angewendet worden als in Sommermonaten üblich.

Auch das medizinische Personal ist vermehrt krank

Auch sind laut Aussage der MHH neben der Grippewelle derzeit noch andere Virusinfektionen vermehrt festzustellen. Dies zeige sich nicht zuletzt beim eigenen Personal: „Auch unter unseren Ärztinnen und Ärzten sowie dem Pflegepersonal war der Krankenstand in den vergangenen Monaten deutlich höher“, betont Professor Bauersachs. Wegen der Grippewelle und der angespannten Lage könne es momentan durchaus zu Wartezeiten bei elektiven Patienten kommen, so der Mediziner weiter. Der Krankenhausbetrieb lasse sich leider nicht planen wie die Produktion in der Industrie.

Was sind die Ursachen für die starke Grippewelle?

„Die jährlich wiederkehrenden Virusepidemien, Influenza oder auch andere Erreger, führen zu einer Vervielfachung von Erkrankungen, die die Arztpraxen, aber auch die Krankenhäuser weit über das normale Maß hinaus belasten“; erläutert Prof. Bauersachs. Hier fehlen unserem Gesundheitssystem die Strukturen, „um auf die zeitlich begrenzte Erhöhung der Patientenzahlen reagieren zu können“, so die Einschätzung des Mediziners. Als Ursache für die besonders hohen Infektionszahlen vermuten die Experten zwei Hauptgründe: Zum einen habe die Impfbereitschaft deutlich nachgelassen, zum anderen sei zum zweiten Mal in Folge der am meisten verbreitete Erregerstamm durch den verwendeten Grippe-Impfstoff nur unzureichend abgedeckt. Derzeit kursieren insbesondere Influenza B-Viren, welche direkt das Herz infizieren und so zu schweren Herzmuskelentzündungen führen können, erläutern die Mediziner. (fp)