Hohes Gesundheitsrisiko: Wenn Menschen Menschen beißen

Sebastian
Gefährliche Menschenbisse sind keineswegs harmlos
Die Beißattacke von Luis Suárez bei der Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr haben Millionen Menschen zu Hause am Bildschirm verfolgt. Der Fußballer aus Uruguay wurde dafür zwar bestraft, meist wurde der Biss in die Schulter des Italieners Giorgio Chiellini aber nur mit lustigen Kommentaren abgetan. Bisse von Menschen sind jedoch keinesfalls harmlos, oft sind sie sogar gefährlicher als Hundebisse.

Menschen beißen Menschen
In Deutschland werden rund 28 Millionen Haustiere gehalten, darunter über elf Millionen Katzen und fast sieben Millionen Hunde. In der Regel haben sie einen positiven Einfluss auf unsere Gesundheit, da der Umgang mit ihnen unter anderem Stress mindert. Doch Haustiere können uns auch krank machen, etwa indem sie durch Bisse oder Kratzer gefährliche Infektionen übertragen. Allerdings beißen nicht nur Tiere, sondern auch Menschen. Und zwar nicht nur Fußballer. Manchmal beißen sich Menschen im Streit, wie beispielsweise Kinder oder aber auch als abwehrende Maßnahme. Andere bauen Bisse in ihre Liebesspiele mit ein. Was auch immer die Gründe für einen Biss durch eine andere Person sind: Menschenbisse sind deutlich gefährlicher als Hundebisse. Dies berichtet die „Welt“ in einem aktuellen Beitrag.

Folgen von menschlichen Bissen. Bild: Tharakorn - fotolia
Folgen von menschlichen Bissen. Bild: Tharakorn – fotolia

Gefährlicher als Hundebisse
Demnach kommt es in bis zu 25 Prozent der Fälle nach einem Menschenbiss zu einer Infektion, nach Hundebissen hingegen nur in zehn Prozent. Ein Team aus Rechtsmedizinern, Chirurgen und Mikrobiologen um Professor Karin Rothe vom Berliner Universitätsklinikum Charité berichtet nun im „Deutschen Ärzteblatt“, wer hierzulande wen wie oft unter welchen Umständen beißt und welche Folgen dies hat. In allen Fällen können – unabhängig vom Verursacher – die bei einem Biss übertragenen Viren, Bakterien oder auch Parasiten zu lebensgefährlichen Infektionen führen. Für die optimale Behandlung einer schweren Entzündung ist es von großer Bedeutung, zu wissen, welche Spezies der Verursacher ist.

Hunderttausende Bissverletzungen pro Jahr
In Deutschland sind Bisswunden nicht meldepflichtig. Laut dem „Welt“-Bericht werden jährlich rund 3.600 Fälle bei der chirurgischen Erstversorgung der Unfallversicherungsträger gemeldet. Doch die wirkliche Zahl dürfte wesentlich höher liegen. So schätzen die Experten, basierend auf Umfragen bei Tierhaltern, dass die Zahl der jährlichen Bissverletzungen mindestens zehnmal höher ist. Auf die Bevölkerungszahl umgerechnet ergeben sich ähnliche Werte wie in anderen europäischen Ländern. In den USA liegen sie hingegen deutlich höher. Dort werden jedes Jahr allein rund 800.000 Hundebisse medizinisch versorgt. Die Ärzte der Charité konnten allerdings keine genauen Zahlen ermitteln, wie häufig in Deutschland Menschen einen anderen Menschen beißen. In den USA werden den Angaben zufolge in Städten rund 20 Prozent aller Bissverletzungen von Menschen verursacht.

Bissverletzungen aufgrund von Sexualdelikten an erster Stelle
Auch in Deutschland sind Bissverletzungen durch Menschen keine Seltenheit. So haben etwa in den vergangenen Jahren gewalttätige Angriffe durch Patienten auf Ärzte und Pflegepersonal deutlich zugenommen, unter anderem durch Bisse. Wie die „Welt“ schreibt, ist aus gerichtsmedizinischen Untersuchungen gut bekannt, warum Menschen andere Menschen beißen. Demnach stehen Sexualdelikte da an erster Stelle, gefolgt von Kindesmisshandlungen und Abwehrbissen gegen einen tatsächlichen oder vermeintlichen Angreifer, zum Beispiel bei Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen oder zwischen Kindern. Gerichtsmediziner können am Gebissabdruck unter anderem auch das Alter des Beissers ablesen.

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Harmlos aussehende Verletzungen können gefährlich werden
Bei jeder Bissverletzung werden Pathogene in die Haut oder das darunterliegende Gewebe transportiert, weil Mund und Zähne immer von Erregern besiedelt sind. Und auch wenn die Wunde zunächst harmlos aussieht, können sich in tieferen Gewebeschichten bereits Bakterien festgesetzt haben. Den Charité-Wissenschaftlern zufolge werden 60 bis 80 Prozent der Bissverletzungen von Hunden verursacht, wobei in neun von zehn Fällen der eigene oder ein der Person bekannter Hund zugeschnappt hat. Bei Kindern finden sich die Verletzungen häufig im Gesicht, im Nacken oder am Hals; bei Erwachsenen werden meist die Beine verletzt. Bei Bissverletzungen werden Erreger in Gewebetaschen transportiert, die von abgestorbenen Zellen umgeben sind und in die nur wenig Sauerstoff gelangt. Besonders aggressive Keime vermehren sich dort, so dass sich aus einer lokalen Wundinfektion eine generalisierte Infektionskrankheit entwickeln kann.

Nach Tier- und Menschenbissen zum Arzt
Das Risiko einer Ausbreitung der Erreger ist besonders hoch bei Kleinkindern und Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Sehr gefährlich ist das Bakterium Capnocytophaga canimorsus, das im menschlichen Gewebe eine Substanz freisetzt, die eine Art von weißen Blutkörperchen (die neutrophilen Leukozyten) inaktiviert. Diese fressen im Normalfall Bakterien oder beseitigen Mikrobenreste. Durch Capnocytophaga canimorsus drohen schwerste Infektionen. Die Folgen können bis zu einer generalisierten Blutvergiftung reichen. Wenn Menschen von einem Tier gebissen werden, wenden sich die meisten Betroffenen allein schon aus Angst vor Krankheiten wie Tollwut an einen Arzt. Da beißende Menschen aber gefährlicher sein können als beißende Tiere, sollte man nach einem Menschenbiss ebenfalls unbedingt einen Mediziner zu Rate ziehen. (ag)