Im Wutraum jeglichen Stress abbauen

Heilpraxisnet

Möbel zertrümmern und Geschirr zerschlagen soll im Münchner Wutraum dem Stressabbau dienen

11.04.2015

Der Chef kommt fünf Minuten vor Feierabend ins Büro und benötigt ganz dringend noch eine Analyse. Später auf dem Heimweg Stau. Zuhause angekommen wird es nicht besser. Die Kinder quengeln und der Rasen muss noch gemäht werden. Solche Tage kennen viele und das Gefühl, kurz vorm Ausrasten zu sein, auch. Selbstverständlich beherrscht man sich soweit es geht und schluckt Wut und Ärger runter. Besser ist es jedoch, sich mit den negativen Gefühlen auseinanderzusetzen, statt sie zu verdrängen. Darin sind sich die Experten einig. Eine Alternative bietet seit Anfang März ein sogenannter Wutraum in München an. Hier kann man Geschirr zerschlagen und Möbel zerstören – völlig legal. Das Ganze soll soll dem Stressabbau dienen und sogar glücklich machen, sagt der Wutraum-Betreiber Hartmut Mersch.

Der Wutraum soll der Entspannung dienen
Hemmungslos auf Möbel einschlagen, Tassen und Teller durch die Luft schleudern und Gläser zertreten – so etwa sieht das Standardprogramm im Wutraum aus. Innerhalb von 30 Minuten dürfen die Kunden das gesamte Mobiliar und Inventar des Raumes zerschlagen. Dafür bekommen sie einen Baseballschläger und einen Vorschlaghammer als Hilfsmittel. Der Veranstalter behauptet, dass das mutwillige Zerstören von Gegenständen dem Abbau von Stress, der Entspannung und sogar dem Spaß dient. „Sie kommen auf jeden Fall mit einem lachenden Gesicht raus, mit einem Glücksgefühl“, so Mersch.

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Normalerweise würde man weder Fernseher, noch Sofas oder Stühle mutwillig zerschlagen. Deshalb fühlt es sich zunächst komisch an, den Baseball-Schläger in der Hand zu halten. „Die Hemmschwelle fällt nach ein paar Schlägen“, erläutert Mersch. Ob es tatsächlich Spaß macht, seiner Wut und seinem Ärger auf diese Weise freie Bahn zu lassen, ist dennoch fraglich. Auch Experten sehen solche Wutausbrüche kritisch. „Die Hemmschwelle bedeutet, dass man soziale Kompetenzen hat, dass man gelernt hat, Sachen wertzuschätzen“, berichtet der Lübecker Psychologe Laszlo A. Pota gegenüber der Nachrichtenagentur. „Eine Überwindung und Zerstörung von Sachen, die andere geschaffen haben, ist eine Grenzüberschreitung sich selbst, aber auch anderen gegenüber.“

Kein Respekt vor Möbeln anderer im Wutraum?
Doch Veranstalter Mersch ist von seinem Konzept überzeugt. Dass die Gegenstände, die im Wutraum zerstört werden, von anderen geschätzt wurden und möglicherweise eine wichtige Bedeutung hatten, scheint für keine Rolle zu spielen. Die meisten Möbel und das Geschirr stammen aus Wohnungsauflösungen, etwa nach Todesfällen.

Auf die Frage, ob sich nicht andere über die Einrichtungsgegenstände freuen würden, winkt Martina Kreis von der Inneren Mission München ab. „Es herrscht ein unglaubliches Angebot“, so die Leiterin der Gesellschaft Diakonia Secondhand in München gegenüber der Nachrichtenagentur. „Eiche rustikal kann ruhig zerschlagen werden, das bringen wir auch zur Entsorgung.“ Ausrangierten Sperrmüll will niemand haben. „Auch Menschen mit kleinem Geldbeutel sollten sich bei uns ein Möbelstück kaufen können, das wirklich schön ist.“

Mersch zufolge befinden sich seine Kunden schnell in einem Rauschzustand beim Zerschlagen der Möbel. „Man hat auf jeden Fall eine Adrenalinausschüttung. Ich würde es vergleichen mit anderen verrückten Sachen wie Bungee-Jumping oder Fallschirmspringen“, so der Wutraum-Besitzer. „Man ist da wirklich in einem Rauschzustand und hat danach ein Glücksgefühl.“ Dafür zahlen seine Kunden 139 Euro. „Jeder kennt’s, da hängt der Kopierer wieder, Papierstau. Und dann kann man endlich das Ganze bereinigen, auf andere Art.“ Auspowern inklusive. „Im Schnitt ist das Zimmer in 30 Minuten verwüstet und man selbst auch am Ende.“

Wutraum zum Aggressionsabbau speziell für Frauen?
Mersch zufolge würden auffällig viele Frauen zu seinen Kunden zählen. Das scheint auch in anderen Wuträumen der Fall zu sein. So bietet der „Rageroom“ in Budapest sogar ein eigenes Paket namens „Angry Housewife“ (wütende Hausfrau) für knapp 15 Euro an, bei dem die Damen hemmungslos Porzellan durch die Luft werfen dürfen – wie im Film.

Ob das tatsächlich dem Stressabbau dient, ist dennoch fraglich. „Die alte Katharsis-Hypothese, die besagt, Menschen könnten Aggression durch Ausleben von Aggression mindern, stimmt schon lange nicht mehr“, gibt der Wutforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld gegenüber der Nachrichtenagentur zu bedenken. „Gewalt ist immer ein Zeichen von Hilflosigkeit“, erklärt auch Pota, der viel mit gewaltbereiten Jugendlichen arbeitet. „Ärger und Wut machen krank, verursachen Stress.“ Menschen, die sich nach dem Zuschlagen gut fühlten, würden das möglicherweise immer wieder tun – nicht nur im Wutraum. Pota rät dazu, Ärger und Wut nicht herunterzuschlucken, sondern nach den Ursachen zu suchen und Lösungen zu finden.

Spezielle Angebote im Wutraum für Paare
Mersch bietet neben dem Stadardprogramm auch spezielle Pakete wie etwa für Junggesellenabschiede oder für das erste Date an. Letzteres erscheint besonders absurd. Statt romantischem Abendessen lieber Möbel und Geschirrzerdeppern? Auf der Internetseite des Wutraums heißt es dazu: „Essen, Kerzenschein, Romantische Musik, Baseballschläger – bei eurem ersten Date hat die Romantik nach eurem kurzem Candlelightdinner erst mal Sendepause und ihr legt so richtig los.“ Der Veranstalter glaubt, dass gemeinsames Zerstören verbindet. „In Extremsituationen ist ja bewiesen, dass man sich da eher aneinander ranschmeißt.“ Das sei auch kreativer als das Date beim Italiener.

Sind die Möbel zerschlagen und das Geschirr zerbrochen, beginnt die eigentliche Arbeit von Mersch und seinem Team. Mehr als zwei Stunden dauert es, um den Raum für den nächsten Kunden wieder herzurichten. (ag)

>Bild: Klaus Bindernowski / pixelio.de