Immer mehr Menschen abhängig von Schlaf- und Beruhigungsmitteln

Fabian Peters
Verschreibungen gefährlicher Medikamente nehmen zu
Die Anzahl der Rezepte für süchtig machende Schlaf- und Beruhigungsmittel ist stark angestiegen. Dies zeigt der Wissenschaftler Gerd Glaeske anhand aktueller Daten des Gesundheitsdienstleisters „Insight Health“. Demnach seien bis zu 1,5 Millionen Menschen abhängig von den riskanten Mitteln, welche in den meisten Fällen von Hausärzten oder Internisten verschrieben werden.

Apotheken geben mehr als 18 Millionen Arzneien aus
Immer mehr Menschen sind offenbar von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig. Zu diesem erschreckenden Ergebnis ist der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske durch die Berechnung aktueller Daten gekommen, die das Unternehmen „Insight Health“ exklusiv der „ZEIT“ bereit gestellt hatte. Demnach könne hierzulande von 1,2 bis 1,5 Millionen abhängigen Menschen ausgegangen werden. Insgesamt haben die Apotheken im letzten Jahr 18,7 Millionen Packungen mit den riskanten Mitteln verkauft, die bei einer langfristigen Einnahme zu einer Sucht führen könnten.

Kapseln, Tabletten und Pillen aus Glas
Rund anderthalb Millionen Deutsche sind abhängig von Beruhigungsmitteln und anderen Arzneien. (Bild: Dan Race/fotolia.com)

Zuständige Nervenärzte füllen nur in 18,5 Prozent der Fälle die Rezepte aus
Wie die „ZEIT“ berichtet, hatte die Auswertung gezeigt, dass immer weniger Arzneien auf Kassenrezept verschrieben wurden und stattdessen die Anzahl der Privatrezepte gestiegen sei. In 70 Prozent der Fälle hatten dabei Internisten und Allgemeinärzte die Mittel verordnet, obwohl die Patienten eigentlich von einem Facharzt für Nervenheilkunde hätten betreut werden müssen. Diese füllten jedoch nur bei 18,5 Prozent der Betroffenen die Rezepte aus. Wie die ZEIT weiter schreibt, hätten die Berechnungen zudem eine ungleiche Verteilung bei der Verschreibung abhängig machender Schlaf- und Beruhigungsmittel ergeben. Demnach gaben die Apotheken die meisten Arzneien im Saarland, in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg aus. In Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gab es hingegen den geringsten Bedarf.

Britische Studie zeigt Zusammenhang zwischen Schlafmitteln und erhöhter Mortalität
Wie gefährlich eine dauerhafte Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln ist, zeigt auch eine aktuelle Studie britischer Forscher. Die Wissenschaftler um Scott Weich von der Universität Warwick hatten über mehr als sieben Jahre hinweg knapp 35 000 Erwachsene ab 16 Jahren beobachtet, denen zum ersten Mal diese Mittel verschrieben wurden. Anschließend verglichen sie die Daten mit denen von Personen, die keine Arzneien bekommen hatten. Das Ergebnis: Von je 100 Probanden im Alter von 35 bis 75 Jahren, die Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingenommen hatten, waren im Laufe der Jahre vier Menschen mehr verstorben als in der anderen Gruppe.

Diese Ergebnisse stimmen mit dem früheren Nachweis eines statistisch und klinisch signifikanten Zusammenhangs zwischen anxiolytischen und hypnotischen Arzneimitteln und Mortalität überein“, schreiben die Forscher im Fachmagazin „British Medical Journal“. Dabei sei jedoch zu bedenken, „dass die Ergebnisse wie bei allen Untersuchungserkenntnissen anfällig für Verzerrungen seien, die sich aus nicht gemessenen und verbleibenden Störfaktoren ergeben können“, so die Wissenschaftler weiter. (nr)