Immun gegen Grippe nach Schweinegrippe-Infektion?

Fabian Peters

Immun gegen Grippe nach Schweinegrippe-Infektion: H1N1-Virus liefert Basis zur Entwicklung eines universalen Impfstoffs

11.01.2011

Menschen, die eine Infektion mit dem Schweinegrippevirus überstanden haben, sind vor einer Vielzahl der verbreiteten Grippeviren geschützt. US-Forscher berichten in der Online-Ausgabe des Fachmagazins „Journal of Experimental Medicine“, dass eine Infektion mit dem H1N1-Virus offenbar zur Bildung spezieller Antikörper führe, die einen „außergewöhnlichen Immunschutz“ gegenüber zahlreichen Influenza-Stämmen gewähren.

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Schweinegrippe führt zur Bildung spezieller Antikörper
So hat die Schweinegrippe trotz der Todesfälle und der Aufregung um ihr erneutes Auftreten, für manche Menschen auch eine positive Wirkung. In ihrem Körper haben sich nach überstandener Infektion mit dem H1N1-Erreger spezielle Antikörpern gebildet, die eine Vielzahl verschiedener Grippeviren bekämpfen können, berichten die US-Forscher um Patrick Wilson von der Universität Chicago. Begünstigt wurde die Bildung entsprechend vielfältiger Antikörper, durch die besondere, andersartige Struktur des H1N1-Virus. Denn die Schweinegrippe-Erreger sind nur in solchen Teilen mit anderen Influenza-Erregern identisch, die für das Funktionieren der Viren unerlässlich sind, erklärten Patrick Wilson und Kollegen. Da alle Influenzaviren über diese Merkmale verfügen, können die gebildeten Antikörper nicht nur die Schweinegrippe-Erreger sondern zahlreiche verschiedene Grippeviren-Stämme erfolgreich bekämpfen, so die Wissenschaftler weiter. „Während sich die Grippe von Jahr zu Jahr verändert, sind doch einige Kernelemente für fast ein Jahrhundert gleich geblieben“, betonte Wilson.

Antikörper schützen vor zahlreichen Influenza-Stämmen
Um die Ausbreitung der Influenza-Erreger im Körper zu verhindern, entwickelt das Immunsystem spezifische Antikörper, die sich an den Viren anheften und diese ausschalten. Welche Antikörper sich im Zuge einer Schweinegrippe-Infektion bilden und an welche Influenza-Viren sich diese anheften, haben die US-Forscher nun anhand der Proben von acht Schweinegrippe-Patienten genauer unter die Lupe genommen. Im Rahmen ihrer Studie haben die Wissenschaftler 86 verschiedene Antikörper aus dem Blut der Patienten analysiert und nachgebaut, die sie anschließend in Laborversuchen an Mäusen testeten. Dabei interessierten sich die Forscher insbesondere dafür, an welche Grippestämme sich die Antikörper anhefteten und wie die Grippe-Infektionen bei den Tieren verliefen. Patrick Wilson und Kollegen stellten fest, dass fünf Antikörper sämtliche H1N1-Stämme der vergangenen zehn Jahre bekämpften. Darunter auch das Virus, welches die verheerende Spanische Grippe im Jahr 1918 ausgelöst hatte und das sogenannte Vogelgrippevirus, welches für den Menschen unter Umständen extrem gefährlich werden könnte. Damit sind Personen, die an einer Schweinegrippe-Infektion litten, nicht nur vor zukünftigen Infektionen mit H1N1-Erregern geschützt, sondern verfügen über menschliche Antikörper, die auch gegen zahlreiche andere Grippe-Stämme wirksam sind, erklärten die US-Forscher.

Der heilige Gral der Impfstoff-Forschung
Die Ergebnisse der US-Wissenschaftler eröffnen auch neuen Spielraum in der Entwicklung von Grippe-Impfstoffen. Patrick Wilson zeigte sich angesichts der Ergebnisse nahezu euphorisch und betonte, dass die entdeckten Antikörper für die Impfstoff-Forschung „so etwas wie der Heilige Gral“ seien. Ihre Studienergebnisse zeigen, „worauf man bei der Herstellung eines Grippe-Impfstoffs achten muss, damit er nicht nur einen Winter lang, sondern viele Jahre seine Wirkung entfalten kann“, erklärte Wilson. Tatsächlich könnten mit Hilfe der Ergebnisse der US-Forscher endlich Fortschritte bei der Suche nach einem wirksamen Grippe-Impfschutz erreicht werden, wenn es gelingt, die im Zuge der Schweinegrippe-Infektion gebildeten Antikörper zu nutzen. Dabei würde ein Impfstoff mit einem derart großen Wirkungsspektrum einen wichtigen Schritt im Kampf gegen die Influenza darstellen, so das Fazit der US-Forscher. Patrick Wilson bewertete das vorliegende Studienergebnis gegenüber der Zeitung „Daily Mail“ als „sensationell“, denn „es zeigt, wie man einen einzelnen Impfstoff herstellen kann, der gegen alle Grippearten immun macht“.

Neue Hoffnung auf einen effizienten Grippe-Impfstoff
Bisher spricht die Weltgesundheitsorganisationen (WHO) jedes Jahr erneut eine Empfehlung aus, welche Viren-Stämme der saisonale Grippe-Impfstoff enthalten soll.Um die passenden Influenza-Stämme für diese Impfung zu ermitteln, überwacht die WHO die Grippefälle weltweit und benennt jährlich entsprechende Viren-Stämme, die in dem Impfstoff enthalten sein sollten. Das Impf-Serum enthält generell Bestandteile aus drei verschiedenen Virusstämmen, wobei seit mehreren Jahren je ein H1N1-Stamm, ein H3N2-Stamm und ein Stamm von B-Grippeviren verwendet werden, da diese die verbreitetsten Influenza-Erreger bilden. Die US-Forscher hoffen jedoch, dass sich in Zukunft die jährliche Impfprozedur mit Hilfe des Schweinegrippe-Erregers deutlich vereinfachen lässt. Die Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck daran, einen Impfstoff zu entwickeln, der vor sämtlichen H1N1-Stämmen und im Idealfall vor allen Influenza-Erregern schützen könnte.

Ob der aktuelle Schweinegrippe-Impfstoff bereits eine breitere Wirkung entfalte als ursprünglich angenommen und somit auch gegen andere Viren-Stämme wirkt, wollen die US-Forscher ebenfalls in einem nächsten Schritt untersuchen. Stephan Ludwig, Influenza-Experte an der Universität Münster, betonte, dass er dies für wahrscheinlich halte, doch eine sichere Vorhersage nicht möglich sei, „weil eine Infektion immer etwas anderes ist als eine Impfung.“ Ein neuer, auf Basis der entdeckten Antikörper entwickelter Impfstoff könnte laut Aussage der US-Forscher schon innerhalb der nächsten 10 Jahre verfügbar sein und müsste im günstigsten Fall nur einmal im ganzen Leben verabreicht werden. Bei den Mäusen habe die Impfung mit den nachgebauten Antikörpern bereits funktioniert und die Tiere seien sogar geschützt gewesen, wenn sie erst 60 Stunden nach der Infektion eine Impfung erhielten, betonten Wilson und Kollegen. (fp)