Immunschutz durch Erregerbelastung bei Zeugung

Fabian Peters

Verbesserter Immunschutz für Kinder durch hohe Erregerbelastung zum Zeitpunkt der Zeugung

18.04.2014

Grassiert eine Infektionskrankheit zu dem Zeitpunkt der Zeugung eines Kindes, ist dieses später widerstandsfähiger gegen Krankheitserreger, so die aktuelle Mitteilung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock. Die hohe Erregerbelastung, der die Eltern ausgesetzt werden, führt offenbar dazu, dass den Kindern eine Art natürlicher Schutz mit in die Wiege gelegt wird.

Die Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung konnten nach eigenen Angaben anhand des Beispiels „von tödlichen Masern- und Pocken-Epidemien in der kanadischen Provinz Québec des 18. Jahrhunderts“, erstmals belegen, dass die Erregerbelastung zum Zeitpunkt der Zeugung einen wesentlichen Einfluss auf die Widerstandsfähigkeit der Kinder gegen spätere Infektionskrankheiten hat. „ Kinder, die dort während der Masernwelle der Jahre 1714/15 gezeugt wurden, starben deutlich seltener am Ausbruch der Pocken 15 Jahre später als Kinder, die vor den Masern gezeugt worden waren“, berichtet das MPIDR. Die Ergebnisse der aktuellen Studie haben der Biodemograf des MPIDR, Kai Willführ, und Mikko Myrskylä von der London School of Economics and Political Science in der Fachzeitschrift „PLOS ONE“ veröffentlicht.

Zeugung während der Masernwelle verbessert Resistenz gegen Pocken
Die Forscher schreiben, dass der Zeitpunkt ihrer Zeugung für viele der Kinder während der Pockenepidemie um das Jahr 1730 über Leben oder Tod entschied. Denn die „Wahrscheinlichkeit, an den Pocken zu sterben, lag für während der Masernwelle 1714/15 gezeugte Kinder nur bei einem Siebtel der „normalen“ Sterbewahrscheinlichkeit ihrer Geschwister, die vor dem Masernausbruch gezeugt und geboren worden waren“, berichtet das Max-Planck-Institut. Allerdings hätten die Kinder hierfür einen hohen Preis gezahlt. „Die Sterblichkeit der während der Pocken so widerstandsfähigen Kinder war in der Zeit zwischen den Krankheitswellen 1714/15 und 1730 dreimal so hoch wie die der gegen Pocken anfälligeren Geschwister“, so das MPIDR weiter.

Eltern geben Immunschutz an ihre Kinder weiter
Die aktuelle Studie belege „erstmals für den Menschen, dass Eltern ihre Kinder quasi auf kommende Krankheiten vorbereiten können“, betonte Studienautor Willführ. Hier sei von einem sogenannten „funktionalen trans-generationalen Effekt“, denn der „Mechanismus kann weder rein genetisch sein, noch ist die entwickelte Resistenz auf einzelne Erreger beschränkt.“ Waren die Eltern zum Zeitpunkt der Zeugung einer erhöhten Belastung durch Masernerreger ausgesetzt, gaben sie den Kindern nicht nur mehr Schutz gegen diesen einen Infekt mit auf den Weg, sondern, „die Abwehr von Erregern funktionierte in der nächsten Generation offenbar generell besser, auch im Kampf gegen andere Krankheiten wie die gefährlichen Pocken“, berichtet das Max-Planck-Institut. Willführ ergänzte, dass das Abwehrsystem der Kinder offenbar auf eine Welt mit hoher Erregerbelastung optimiert werde, wenn letztere bei der Zeugung hoch war. In einer Welt mit wenigen Erregern hätte das Abwehrsystem der Kinder dann aber anscheinend schlechter funktioniert.

Mehr als nur eine Immunisierung
Die Forscher sind sich sicher, dass die beobachteten Effekte auf die Erregerbelastung während der Zeugung zurückgingen, denn als die Kinder zur Welt kamen, war die Masernwelle bereits wieder vorüber. „Die Masern können nur während der Zeugungs- und Schwangerschaftsphase einen Anreiz gesetzt haben, den die Eltern dann auf die nächste Generation übertrugen“, erläuterte Kai Willführ. Allerdings sei nicht davon auszugehen, dass die Kinder schlichtweg immun geworden sind. Zwar könne die Mutter ihre eigene Immunisierung durch Antikörper an den Nachwuchs weitergeben, was während der Schwangerschaft über die Plazenta und nach der Geburt über die Muttermilch funktioniere, doch diese Abwehr schütze „nur vor derselben Krankheit, gegen die auch die Mutter immun war“, berichtet das MPIDR. In der aktuellen Untersuchung seien die Kinder aber besonders widerstandsfähig gegen eine ganz andere Krankheit, nämlich die Pocken, gewesen.

Besseres Verständnis der Entwicklung des Abwehrsystems
Als Datenbasis nutzten die Forscher die Angaben zu Geburten und Todesfällen aus Abschriften alter Kirchenbücher, „die die historische Bevölkerung des St. Lawrence Tals in der kanadischen Provinz Québec geführt hatte“, so die Mitteilung des MPIDR. Untersucht wurden die Geburtsjahrgänge von 1705 bis 1724 und deren Sterblichkeit bis zum Jahr 1740, wobei es den Forschern nach eigenen Angaben erstmals möglich war, die Sterblichkeitseffekte der verschiedenen Krankheiten zu trennen, „da sie die Lebensverläufe der Kinder jeweils einzeln exakt nachvollzogen und dabei gleichzeitig die Verbindung zu den Geschwistern mit einbezogen.“ Die Ergebnisse der aktuellen Studie leisten einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der generationenübergreifenden Entwicklung des Immunsystems. Auf welche Weise die Informationen über die Erregerbelastung zum Zeitpunkt der Zeugung weitergegeben werden, bleibt jedoch bislang unklar. (fp)

Bildnachweis: Thommy Weiss / pixelio.de