Impfgegner – Zwischen Wahn und Wissenschaft

Dr. Utz Anhalt

Eine alte Geschichte

Die Feindschaft gegenüber Impfungen ist so alt wie Impfungen selbst. Der britische Arzt Edward Jenner bewies 1796 mit Experimenten, dass die Kuhpocken, eine für den Menschen harmlose Seuche, die Pocken beim Menschen verhindern. Von ihm stammt der englische Begriff für Impfung, „vaccination“, weil er den Impfstoff aus Kuheutern gewann. Das Euter heißt auf Latein vacca.

Das Thema „Impfung“ wird seit jeher kontrovers diskutiert. (Bild: Adam Gregor/fotolia.com)

In Deutschland führte der Widerstand gegen die Impfungen dazu, dass sich die Pockenimpfung nur schleppend durchsetzte – bis sie 1874 gesetzliche Vorschrift wurde.
Tatsächlich gab es gegen 1800 noch wenig technische Mittel, um zu erkennen, wie Krankheiten entstehen und wie Impfungen wirken. Die Wissenschaft wusste zum Beispiel gerade erst seit kurzem, dass es Bakterien gibt, und an den Universitäten diskutierten Ärzte Hypothesen, die wir heute falsifizieren können.

Mehr noch: Experimentelle Wissenschaft, empirische Studien und esoterische Spekulationen gingen mitunter eine lebhafte Synthese ein.

Nichtmediziner erregten sich zum Beispiel darüber, dass „eklige“ Krankheitserreger, gewonnen aus Tieren, sie vor Krankheiten schützen sollten.
Die Gegner der Pockenschutzimpfung verstummten zwar nicht, verloren aber an Bedeutung, als die Impfungen griffen. Noch im 19. Jahrhundert starb in Deutschland circa jedes fünfte Kind an Pocken. Nachdem die Impfung eingeführt war, sank die Zahl der Kranken rapide.

Woher kommt die Angst vor Impfungen?

Eula Biss schreibt in ihrem Buch „Immun“ über Impfangst: „Da durchstößt eine Nadel die Haut – ein so grundstürzender Vorgang, dass manche schon bei seinem Anblick in Ohnmacht fallen –, und eine fremde Substanz wird direkt ins Fleisch gespritzt. Die Metaphern, die diesen Vorgang umschreiben, sind überwiegend angstvoll konnotiert, und fast immer schwingt in ihnen das Verletzende, Verfälschende und Verunreinigende mit.“

Impfung bedeutet im Kern, einen Menschen mit einem Erreger kontrolliert zu infizieren, damit er gegen diesen Erreger in einer gefährlichen Form der gleichen Krankheit immun wird.

Bei der Impfung wird der Kontakt mit dem Krankheitserreger in kontrollierter Weise nachgeahmt. Dadurch entsteht ein Immunschutz gegenüber diesem Erreger. (Bild: Wolfilser/fotolia.com)

Medizinische Laien standen und stehen der Methode skeptisch gegenüber, einen gesunden Menschen vor einer Krankheit zu schützen, indem man ihn krank macht. Dies geht bis zum Verdacht, dass die Impfung die Krankheit erst auslöse. Hinzu kamen Unfälle bei frühen Impfungen: Zum Beispiel starben in Lübeck 1930 77 vorher gesunde Kinder bei einer Tuberkulose-Impfung.

Falsche Darstellungen

Impfstoffe sind generell geschwächte Krankheitserreger. Die Geimpften werden nicht krank, wie viele Gegner behaupten, sondern ihr Immunsystem reagiert auf den Erreger in einer ungefährlichen Form. Tritt der Erreger jetzt „voll bewaffnet“ auf, sind die Schutzkräfte des Körpers alarmiert und wehren ihn effektiv ab.

Impfkritiker meinen, dafür gäbe es keinen Nachweis. Das wirkt zwar bisweilen auf Laien plausibel, stimmt aber eben so wenig wie die Scheinargumente, mit denen Kreationisten „Lücken“ in der Evolutionswissenschaft nachweisen wollen. Impfstoffe in Deutschland durchlaufen aussagekräftige Wirksamkeitsstudien, bevor sie zugelassen werden. Die PVC7-Impfung zum Beispiel wurde an 40.000 Kindern getestet und führte bei 97% zum Erfolg.

Impfgegner international

Gegner in den Staaten, die regulär Impfungen durchführen, richten ihren Fokus auf unterschiedliche Impfungen. In Frankreich ist die These populär, dass die Hepatitis-B-Impfung multiple Sklerose auslöst, in Großbritannien wallt die Idee immer wieder auf, die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln führe zu Autismus. Italienische Impfgegner machen Impfungen für den plötzlichen Kindstod verantwortlich.

Kritische Patienten?

Während Impfskeptiker Impfungen nicht generell ablehnen, sehen die Gegner in diesen eine generelle Gefahr. Impfkritiker halten bestimmte Impfungen für sinnvoll, stellen aber Methoden, Zeiten oder die Wirksamkeit in Frage. Bekannte Skeptiker sind oft studierte Mediziner mit einer Neigung zur „Alternativmedizin“.

Ein Beispiel für eine Impfkritikerin ist eine Mutter, die auf der Website des NDR schreibt: „Ich persönlich musste bei Masern nicht lange überlegen. Da war die Entscheidung für eine Impfung klar. Wie schaut es aber mit den ganzen anderen Impfungen aus, die ein Kleinkind in den ersten Wochen erhält? Warum? Sind die alle wirklich notwendig? Was machen andere Länder? Wie schaut es mit Statistiken aus? Wer erstellt sie und welches Zahlenmaterial wird herangezogen? Das sind interessante Fragen. Das wäre eine wirkliche Recherche wert.“

Für viele Eltern ist es selbstverständlich, ihr Kind gegen Masern zu impfen. (Bild: cbies/fotolia.com)

Sie fragt nach Informationen. Das ist ihr gutes Recht. Allerdings ist das valide Datenmaterial veröffentlicht.

Eula Biss sieht die heutige Impfkritik vor allem in der Fiktion vom mündigen Patienten, der auf Selbstbehandlung setzt: „In der heutigen, manchmal mit dem ‚Restaurant-Modell‘ beschriebenen Medizin ist der ärztliche Paternalismus ersetzt worden durch den Konsumismus des Patienten. Der Patient bestellt Tests und Behandlungen, die auf einer auf Marktforschung basierenden Speisekarte stehen. Der Doktor, der im paternalistischen Modell ein Vater war, ist heute ein Kellner.“

Die Kritik mischt sich mit selbst erarbeitetem Wissen, das allerdings ungewollt auf Halbwissen hinaus läuft und sich mit Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie mischt. So schreibt eine Frau auf der Seite des NDR: „Mehrfachimpfstoffe erzeugen eine künstliche Mehrfachinfektion, die das kindliche Immunsystem überfordern. Es gibt aber kaum mehr Einzelimpfstoffe. Impfstoffe enthalten Zusatzstoffe, die größere Nebenwirkungen haben können, als die Wirkstoffe der Impfung.“

Das Spektrum der Ablehnung reicht von Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, weil sie denken, für sie bestünde kein Risiko, aber generell Impfungen als sinnvoll absehen, bis zu radikalen Gegnern, die glauben, dass ihr Kind Autismus entwickelt, wenn sie es gegen Masern impfen ließen.

Impfskepsis nimmt zu

In den westlichen Ländern nimmt die Impfskepsis wieder zu. Ein Grund dafür sind die sozialen Netzwerke, in denen Impffeinde ebenso wie die mit ihnen oft verbandelten Anhänger der Idee einer „Ärzteverschwörung“ besonders massiv auftreten. Generell kommt alles gut an, das suggeriert, „Skandale aufzudecken“, und eine bereits vorhandene Skepsis durch angebliche Hintergrundinformationen schürt.

Der Stand der Wissenschaft ist den Internetkonsumenten, die sich „eigenständig informieren“ dabei in der Regel unbekannt, und Verschwörungstheorien wirken vordergründig plausibel, weil sie in sich logisch erscheinen – sie bedienen eine Scheinlogik, indem sie komplexe Erkenntnisse, in diesem Fall medizinische, in eine einfache Story mit Helden und Schurken verwandeln.

Dann bieten Impfungen gerade deswegen Angriffsfläche, weil sie so erfolgreich sind. So berichtet ein Arzt aus Hannover, dass er vom Skeptiker zum Befürworter wurde, als er in Afrika Ebola-Kranke sah.

Die grüne Mittelschicht

Impfkritik in Deutschland und Österreich ist am verbreitetsten in einer sich „irgendwie alternativ“ verstehenden akademischen Mittelschicht – meist ohne Migrationshintergrund. Impfungen zu verweigern, gilt hier als Beleg, „die Machenschaften der Pharmaindustrie“ durchschaut zu haben.

Den in diesem Milieu angesiedelten Arzt Reinhard Mitter zum Beispiel zitiert der „Kurier“: „Das Ausrotten von Erkrankungen kann kein Gesundheitsziel sein. Überall, wo wir in ein Ökosystem (…) eingreifen, kommt es zu Problemen. (…) Kein Fieber senken, dem Körper Zeit lassen zum Auskurieren, ganzheitlich – etwa auch mit Homöopathie und Naturheilkunde – die Abwehr stärken.“

Wie Anthroposophen geht auch Mitter davon aus, dass Krankheiten eine Botschaft haben: „Außerdem haben Krankheiten immer auch einen Sinn: Sie sollen uns zur Ruhe bringen, auf etwas aufmerksam machen, unser Immunsystem umfassend stärken.“

Es handelt sich um einen pseudointellektuell verbrämten Animismus, in dem der Natur ein versteckter Wille zugesprochen wird. Allerdings ist die postmoderne Mittelschicht zu gebildet, um einfach vom lieben Gott zu reden. Diese Fantasie hat mit der realen Natur leider nichts zu tun. Die kennt nämlich weder Schuld noch Moral: Viren, Bakterien und Parasiten sind Lebensformen, die sich in einem geeigneten Milieu verbreiten. Mehr nicht.

Ökosysteme sind nicht „ausbalanciert“, sondern wie die gesamte Natur extrem dynamisch, und wenn wir nicht in die Natur eingreifen würden, ginge es Menschen ähnlich wie wild lebenden Wölfen, von denen circa jeder zweite Welpe im ersten Lebensjahr an Parasiten stirbt – und auch die Tollwut verschwand durch die Impfung von Hunden und Impfköder für Füchse.

Krankheiten wie Pocken oder Polio konnten durch Schutzimpfungen in Europa erfolgreich eingedämmt werden. (Bild: Tobias Arhelger/fotolia.com)

Das vergessene Grauen

In Europa sind alte „Flüche der Natur“ wie Pocken, Polio oder Pest seit langem verschwunden, und die Tollwut ist unter Kontrolle. Den Menschen fehlt der Eindruck, welchem Schrecken sie ohne Impfungen ausgesetzt wären. Diese Sorglosigkeit betrifft manche Impfkritiker, die es hauptsächlich ablehnen, sich vom Staat vorschreiben zu lassen, wie, wann und gegen was sie ihre Kinder impfen müssen.

Eine intuitive Angst vor Impfungen ist ebenso verständlich wie die Angst vor dem Zahnarzt. Wir wehren uns bewusst oder unbewusst gegen künstliche Eingriffe in unseren Körper. Hier hilft es, sich aufzuklären und abzuschätzen, was die realen Risiken einer Impfung sein könnten – gegenüber dem, was die ausgebrochene Krankheit anrichtet.
Ungefähr 3-5% der Deutschen sind Impfgegner, vor allem aus religiösen wie esoterischen Milieus oder aus der Szene der „Alternativmedizin“.

Argumentation der Impfgegner

Die Gegner argumentieren meist nach einem bestimmten Muster: Sie unterstellen den Befürwortern, Nebenwirkungen von Impfstoffen zu verheimlichen, sie verkehren zeitliche Übereinstimmung in Kausalität, sprich, sie machen Impfungen verantwortlich für Krankheiten, die zeitgleich zu den Impfungen ausbrachen, und sie unterstellen Ärzten, die diese durchführen, wider besseren Wissens Profite machen zu wollen.

Der Nährboden für diese Propaganda ist die Skepsis gegenüber der evidenzbasierten Medizin. Gängige Topoi der Impfgegner wie „die Pharmaindustrie vergiftet uns für ihren Gewinn“ knüpfen an Vorstellungen an, die in der Esoterikszene weite Verbreitung finden. Die Gegner spielen sich bei dieser Klientel gerne als Märtyrer auf, die sich gegenüber dem „Wissenschaftsbetrieb“ aufreiben würden. Dazu kommt der Hass weiter Teile der Bevölkerung auf das politische Establishment. Sie halten die etablierten Politiker generell für Marionetten der großen Konzerne.

Sie misstrauen also den Institutionen sowieso – warum sollten sie den Behörden gerade dann trauen, wenn ihnen Substanzen in den Körper gespritzt werden?

Viele Impfgegner sind z.B. der Ansicht, dass die Pharmaindustrie mit den Impfstoffen lediglich Geschäfte machen will und uns dafür sogar wissentlich „vergiftet“. (Bild: Zerbor/fotolia.com)

Mythos Natürlichkeit

Außerdem laden sie die Debatte emotional auf und werfen Begriffe wie „Natürlichkeit“ und „Aufklärung“ in den Raum. Impfgegner sehen Impfungen in der Kindheit als Ursache für Allergien, aber auch für Krebs und Epilepsie bei Erwachsenen. Der Mythos Natürlichkeit, auf dem die „Alternativmedizin“ beruht, knüpft an Ängste in der Postmoderne an, in der die Individuen den vorgegebenen Rahmen früherer Gesellschaften nicht mehr haben, der richtig und falsch definierte.

Ein Unbehagen bricht sich Bahn, ein „Zurück zur Natur“ soll die Entfremdung aufheben und die Hilflosigkeit eindämmen, von abstrakten Zwängen abhängig zu sein, auf die die eigene Lebensweise keinen Einfluss hat.

Allgemeine Impfungen erscheinen so, wie allgemein die „Schulmedizin“, als Vollzug eines technischen Apparates, in dem die Gefühle des Individuums keine Gültigkeit haben. „Alternativmedizin“ basiert zum Großteil auf dem Versprechen, dem Patienten Autonomie zurück zu geben.

Kumpel Knollenblätterpilz?

Postmodern gewendet, kann sich jeder die Medizin suchen, die „zu ihm passt“. Solche Versprechen knüpfen an eine Symbolkultur an, die sich die Individuen immer stärker selbst entwerfen müssen. So sehr eine individuelle Herangehensweise gerechtfertigt ist, wenn es sich um psychosomatische Erkrankungen handelt, so fatal ist sie aber, wenn es um Impfungen geht.

Natur hat nämlich weder ein Ziel noch einen Willen, und sie interessiert sich nicht für den Menschen. Natur ist auch nicht „gut“, der Knollenblätterpilz vergiftet uns ebenso natürlich wie Salbei gegen Heiserkeit wirkt. Das „Argument“, Impfungen seien unnatürlich ist ebenso weit verbreitet wie der Fehlschluss, dass wir Medizin der Natur überlassen könnten – und damit auch der Pest und Cholera.

Heilende Muttermilch?

Impfkritiker argumentieren häufig, gesunde Kinder bräuchten keine Impfungen, denn die Muttermilch enthalte genug Abwehrstoffe. Wichtig sei also eine ausgewogene Ernährung der Mutter. Hier handelt es sich um eine Halbwahrheit. Wenn Säugetiere nicht durch die Muttermilch mit Abwehrstoffen versorgt würden, könnten sie nicht überleben. Das Blut der Mutter leitet bereits in der Gebärmutter Antikörper an den Embryo weiter. Diese verhindern allerdings längst nicht alle Infektionen.

Abhärten durch Krankheit

Vor allem in Deutschland ist die Vorstellung verbreitet, sich am besten vor einer Krankheit zu schützen, indem man sie im frühen Alter selbst durchlebt. Diese Vorstellung, sich durch Abhärtung gesund zu halten, gehörte zu den wesentlichen Mythen der Nationalsozialisten. Bei ihnen galt das Sterben an Krankheiten sogar als eine „natürliche Auslese“, die die „Rasse stählt“.

In den 1960er Jahren war eine „Radikalimpfung“ populär. Eltern brachten ihre gesunden Kinder mit Kindern zusammen, die an Masern erkrankt waren, um sie anzustecken. Die richtige Idee dahinter ist: Der Ausbruch der Krankheit führt zum gleichen Ergebnis wie eine Impfung. Danach bekommt der Mensch die Krankheit nicht mehr. Das war bei Masern zwar richtig, aber unverantwortlich. Immerhin eins von tausend Kindern, die an Masern erkranken, zieht sich eine Hirnentzündung zu. Unbehandelte Masern gehören nach wie vor zu den häufigsten Todesursachen, so die WHO.

Viren fragen nicht nach Befindlichkeiten

Viren verbreiten sich unabhängig von irgend einem subjektiven Empfinden, und unsere psychische Verfassung spielt lediglich tendenziell hinein, wenn sie unser Immunsystem beeinflusst. Bei aggressiven Viren spielt es nicht einmal eine Rolle, ob unser Immunsystem stabil ist oder nicht. Wir infizieren uns auch damit, wenn unser Organismus sich in bester Verfassung befindet.

Selbst ein starkes Immunsystem kann nicht hundertprozentig vor Krankheiten schützen. (Bild: ag visuell/fotolia.com)

Umgekehrt wirken Impfungen vollkommen unabhängig davon, ob wir sie subjektiv gut finden oder nicht. Einwandfrei belegte Tatsachen sind das eine, subjektive Ängste ein anderes Paar Schuhe.

Biss schreibt: „Es sind Metaphern im Umlauf, die unsere tief sitzendsten Ängste ansprechen. Und die Sprache der alternativen Medizin hat verstanden, dass wir, wenn es uns schlecht geht, etwas unzweideutig Gutes wollen. Kindern die Möglichkeit zu geben, sich ‚natürlich‘, also ohne Impfung, gegen ansteckende Krankheiten zu immunisieren, ist für einige ein reizvolles Modell. Einen Großteil seiner Attraktivität verdankt es der Annahme, dass Impfstoffe per se unnatürlich sind.“

Verschwörungsfantasien

Hans Tolzin betreibt die Website impfkritik.de. Hier behauptet er, Impfungen könnten Autismus auslösen, schreibt, es gebe kein HI-Virus und Ebola sei Propaganda der Pharmaindustrie.

Ein Thommy G verknüpft auf der Website des NDR typische Verschwörungsfantasien: „Schade, dass ich bei meinen Recherchen noch niemals die Abbildung eines Masernvirus gesehen habe (es gibt lediglich Fantasie-Grafiken), obwohl das Elektronenmikroskop schon 100 Jahre existiert.“

Es reicht ihm nicht, dass das Masernvirus angeblich nicht existiert, auch AIDS hält er für eine Erfindung der Pharmakonzerne: „Und ja, HIV ist niemals bewiesen worden, sondern lediglich Konsens aller involvierten sog. „Wissenschaftler“ und einzig ein Sammelsurium dafür definierter Symptome. Ein wirklich großer Betrug das Ganze zur Profitmaximierung aber zum Schaden der Bevölkerung!“

Eine Lore schreibt: „Mein Kind ist an einem Impfschaden gestorben, weil die Impfung seine Abwehrstoffe vernichtet hat.“

Verschwörungstheorien erklären individuelle Ängste in einer großen Erzählung. Die Angst bekommt ein Gesicht in Form mächtiger Cliquen, die im Geheimen arbeiten. Die Akteure, Ärzte, die Pharmaindustrie oder Angela Merkel verfolgen einen geheimen Plan und gehen ohne jeden Skrupel vor.

Allein gegen die Mafia?

Werden die argumentativen Fehlschlüsse der Impfgegner aufgezeigt, verstärkt das ihre Selbstwahrnehmung als furchtlose Einzelkämpfer, die „allein gegen die Mafia“ stehen. Impfungen erscheinen in der Verschwörungstheorie nicht nur wie in der Impfkritik als falsche Maßnahme, sondern die Motive für Impfungen sind kriminell. Zum Beispiel wollen Politiker so die Bevölkerung kontrollieren oder die Pharmaindustrie Profite machen.

Da das Gegenüber, also Ärzte, Wissenschaftler und Behörden, die für Impfungen plädieren, als Schurken gelten, ist jede rationale Diskussion sinnlos. Die Impfgegner bestätigen sich zugleich untereinander selbst. Sie gehören einer aufgeklärten Gruppe an, die „die Machenschaften“ durchschaut hat.

Viele homöopathisch arbeitende Ärzte befürworten einer Studie nach das Impfen. (Bild: juefraphoto/fotolia.com)

Scientology, Anthroposophen und Homöopathen

Die bibeltreuen Zeugen Jehovas lehnten traditionell Impfungen ab, überlassen die Entscheidungen darüber heute ihren einzelnen Mitgliedern. Die Sekte Universelles Leben sind ebenso Gegner von Impfungen wie manche Homöopathen.

Einer der eifrigsten Impffeinde ist der Homöopath Johann Loibner aus der Nähe von Graz. Er versteht sich selbst als Alternativmediziner und macht Impfungen verantwortlich für Multiple Sklerose, Allergien und Hirnentzündungen. Er sagt, laut Zeit: „Ich habe die schwersten Krankheiten und Schäden durch Impfungen gesehen.“

Die meisten Homöopathen befürworten jedoch Impfungen aus einem einfachen Grund. Samuel Hahnemanns falsches Konzept, dass eine Krankheit nur durch das Auslösen einer ähnlichen aber stärkeren Krankheit bekämpft werden könnte, sah er in der Pockenimpfung seiner Zeit bestätigt. Bei Homöopathen hat die Impfablehnung offensichtlich viel mit ihrer medizinischen Vorbildung zu tun. Eine Studie in Großbritannien kam zu dem Ergebnis, dass nur jeder dritte homöopathisch arbeitende Arzt Impfungen ablehnte, im Unterschied zu mehr als doppelt so vielen nicht medizinisch gebildeten Homöopathen.

Der deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte e.V. äußerte sich 2003 eindeutig: „Impfpräventable Erkrankungen sollten durch lege artis vorgenommene Impfungen nach entsprechender Aufklärung und unter Würdigung der individuellen Lebensumstände verhindert werden. Eine Impfgegnerschaft der Homöopathie lässt sich weder aus den ursprünglichen Äußerungen Hahnemanns noch den neuesten Aussagen der homöopathischen Fachgesellschaften ableiten.“

Anthroposophen zufolge, in der Tradition des Esoterikers Steiner, der wissenschaftliche Erklärungen für Krankheiten ablehnte, entstehen Krankheiten generell durch ein negatives Karma, dass abgetragen werden müsste. Eine Krankheit sei demnach ein Erkenntnisprozess, und diesen würde die Impfung blockieren.

Ein Impfgegner in der Impfkommission

Donald Trump schrieb im März 2014 wörtlich:“Healthy young child goes to doctor, gets pumped with massive shot of many vaccines, doesn’t feel good and changes – AUTISM. Many such cases!“ Auf Deutsch: Gesunde Kinder gehen zum Arzt, werden mit Impfstoffen voll gepumpt und verändern sich – Autismus. Der amerikanische Präsident dachte sich nicht etwa selbst aus, dass Impfungen zu Autismus führen, sondern zitierte damit die These von Andrew Wakefield aus den 1990ern. Wakefield zufolge löste ein Impfstoff gegen Mumps, Masern und Röteln aus. Diese Fantasie wurde kurz darauf widerlegt.

Der heutige US-Präsident Donald Trump sorgte für Schlagzeilen, als er 2014 kund tat, dass Impfungen zu Autismus führen können. (Bild: Ed-Ni Photo/fotolia.com)

Betrug und alternative Fakten

Das Fachmagazin „Lancet“ zog einen Beitrag zu Wakefield’s These zurück, nachdem dieser des Betrugs überführt worden war. Der Scharlatan hatte sich nicht einmal aus tiefer Überzeugung gegen Impfungen ausgesprochen, sondern wollte einen eigenen „Impfstoff“ auf den Markt bringen. Dafür war er in der Konsequenz bereit, Menschenleben zu opfern.

Die Welt schreibt: „Jahre später wurde Wakefield als Lobbyist entlarvt. Er hatte zum Zeitpunkt der „Lancet“-Studie 55.000 britische Pfund an Drittmitteln erhalten – und zwar von Anwälten, die einen Zusammenhang zwischen Autismus und dem MMR-Impfstoff herstellen wollten. Wakefield wurde die Zulassung als Arzt entzogen.“

Jetzt stellt Trump den Impfgegner Robert F. Kennedy Jr. Ein. Der vertritt ebenfalls Wakefields Hirngespinst, und zwar zukünftig als Leiter einer „Kommission zur Impfsicherheit und zur wissenschaftlichen Integrität.“ Damit bekommt ein Impfgegner politische Macht, um die Medizin in den USA zu beeinflussen, und zwar jemand, der glaubt, dass minimale Ansammlungen von Quecksilber in Impfstoffen zu Autismus führen: Diese Idee von Wakefield war nach 31 Stunden widerlegt, als Studienergebnisse auf den Tisch kamen, die belegten, dass geimpfte Kinder nicht öfter Autismus entwickelten als ungeimpfte.

Eine Mutter wehrt sich

Trump ist durch Fake News bekannt geworden, also dafür, dass es ihm egal ist, ob „Fakten“, die er liefert, der Wahrheit entsprechen. Ähnlich ist es mit dem Impfgegnern, denen er angehört. Ob Wakefields These widerlegt war oder nicht, spielte keine Rolle. Kennedy verbreitet alternative Fakten: Ihm zufolge verheimlichen Gesundheitsbehörden und Forschungsinstitute zusammen mit der Pharmaindustrie die Schäden von Impfungen.

Nicht nur Wissenschaftler wenden sich gegen diese Fantasien. Eine erboste Mutter schreibt im Blog Butterblumenland: „Impfgegner, hört auf mein Kind zu missbrauchen! Ja, ich meine euch. Euch, die ihr großkotzig immer wieder behauptet, dass Impfungen Autismus auslösen würden. Trotz aller Widerlegungen, trotz aller Erklärungen und trotz aller Bitten, endlich mit dieser behindertenfeindlichen Panikmache aufzuhören. Selbst eine von euch Impfgegnern bezahlte Studie ergab, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gibt.“

Emotionen statt Fakten

Hillary Clinton stellte noch ausdrücklich klar: „The science is clear: The earth is round, the sky is blue and vaccines work“. Dass Impfungen wirken und die Erde keine Scheibe ist, spielte im Wahlkampf aber keine Rolle. Im Gegenteil: Je weniger Donald Trump Fakten respektierte, um so mehr Sympathie hatte er bei seinen Anhängern.

Impfgegner sind in den USA stärker als in Deutschland und tummeln sich in einem großen Milieu zwischen fundamentalistischen Christen, die die Evolutionswissenschaft angreifen und behaupten, Menschen und Dinosaurier hätten zusammen gelebt und chauvinistischen Nationalisten. Einige der rechts-religiösen Verschwörungs-Fans glaubten, Obama sei in Geiselhaft von Außerirdischen.

Warum sind Impfgegner gefährlich?

Radikale Impfgegner bewegen sich häufig in einem Milieu, das die Mondlandung für eine Inszenierung der CIA hält, glaubt, dass die Kondensstreifen von Flugzeugen „Chemtrails“ seien, um die Menschen zu vergiften, oder dass Helmut Kohl in Wirklichkeit ein Jude mit Namen Henoch Cohn gewesen sei. Manche dieser Fantasien erscheinen als Spinnerei. Verschwörungsmythen über Impfungen sind aber alles andere als harmlos.

Alexander Marguier schreibt: „Aber es besteht eben doch ein gravierender Unterschied zwischen der Behauptung, die Erde sei eine Scheibe, und der organisierten Angstmache vor Impfstoffen mit pseudowissenschaftlichen Begründungen. Denn während Ersteres als harmlose Spinnerei abgetan werden kann, besteht bei Letzterem die Gefahr einer weitverbreiteten Impfangst mit möglicherweise verheerenden Folgen für die Volksgesundheit.“

Eine Welt ohne Impfungen?

Noch Anfang der 1950er Jahre starben jährlich rund 50 Millionen Menschen an Pocken, mit anderen Worten 30 % aller Infizierten. Wer überlebte, den verunstalteten meist Narben oder er erblindete. 30 Jahre später hatte die WHO die Seuche vollständig ausgerottet – erstens, zweitens und drittens durch Impfungen.

1988 gab es noch 350.000 Fälle von Kinderlähmung, 2008 waren es weniger als 1.700. In Europa gibt es de facto keine Kinderlähmung mehr, die wenigen Fälle heute stammen aus Ländern, in denen die Kinder nicht (!) geimpft werden. Die Ursache für den Rückgang waren: Impfungen.

Die Zahl der Fälle von Kinderlähmung konnte innerhalb der letzen 20 Jahre durch Impfungen massiv eingeschränkt werden. (Bild: esben468635/fotolia.com)

Auch Infektionskrankheiten wie Diphterie oder Masern gingen durch Impfungen weltweit zurück. Vor den globalen Impfungen starben jährlich 2,6 Millionen Kinder an Masern. Würden sich die Gegner durchsetzen, stürben Millionen von Menschen erneut an Krankheiten, die Impfungen in Schach halten.

Argumente gegen Impfungen?

Es gibt keine wissenschaftlichen Argumente, die generell gegen Impfungen sprechen. Sie sind, millionenfach belegt, die medizinische Maßnahme, die global und in der gesamten Geschichte, die meisten Menschenleben gerettet hat.

Der Historiker Malte Thießen sagt: „Hardcore-Impfgegner hatten und haben ein geschlossenes Weltbild, das wissenschaftliche Erkenntnisse nicht anerkennt. Der gegenüber den Impfgegnern größere Teil der bloßen Impfskeptiker hingegen ist getrieben von Ängsten, die im Wesen des Impfens begründet sind.“

Dazu gehört, keine Entscheidungsfreiheit über eine Pflichtimpfung zu haben. Dazu gehören die, heute sehr seltenen, Nebenwirkungen. Dazu gehört allerdings auch eine mangelnde Transparenz der Behörden dabei, die Menschen aufzuklären, wie Impfungen wirken, was sie erreicht haben und warum sie keinen Übergriff darstellen.

Der „Rassenkörper“ der Nazis

Führende Nazis hielten Impfungen für Vergiftungen des Körpers und eine „Erfindung jüdischer Ärzte“, um die „Arier“ zu schwächen. Dem setzte die Rassenideologie der Nazis Abhärtung durch Kraft entgegen.

1933 warnten die „Reichsdeutschen Impfgegner“: „Volksfreunde, seht her, was die Pocken’schutz‘-Impfung für unsere Kinder und unser Volksgesundheit mit sich birgt.“ Wer sich impfen lasse, der begäbe sich in die Hände „naturferner und daher verirrter Mediziner“.

Sie bedienen sich dabei eines uralten Stereotyps des jüdisch-orientalischen Arztes, der weiße Christen vergifte und ihr Blut für magische Rituale nutze.

Im Mittelalter hatte sich der Wahn verbreitet, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und so die Pest verursacht, außerdem wären sie mit dem Teufel im Bunde. Die Ursache für Tod und Qual suchten die Zeitgenossen in einem Sündenbock.

Propaganda der Pharmaindustrie

Nach 1945 bekamen die Impfgegner neuen Auftrieb, weil Konzerne, die Impfstoffe produzierten, zum Beispiel das Ausmaß der Kinderlähmung dramatisch übertrieben. Den Gegnern erschien der Staat als Lakai der Pharmaindustrie, die bestenfalls unnütze Mittel verkaufen wolle, schlimmer aber noch, die Menschen vergifte, um Profite zu machen. Dieses Misstrauen gegenüber Staat und Konzernen sagt zwar nichts über die Wirkung von Impfstoffen aus, ist aber generell berechtigt.

Rechtspopulisten in den USA und Europa schlachten das Misstrauen aus und nutzen die Skepsis gegenüber Impfungen, um „gegen die da oben“, Juden, Chinesen, Muslime oder Einwanderer zu hetzen.

Sind Impfungen gefährlich?

Eine Impfung ist nicht angenehm, und insbesondere bei einer Pflichtimpfung fehlt das Vertrauen: Wie soll ein Bürger wissen, ob ein Arzt, den er nicht kennt, etwas in den Körper dieses Bürgers hinein spritzt, dass ihm nicht schadet?

Die Risiko-Nutzen-Rechnung spricht eindeutig für Impfungen. Nur müssen die wissenschaftlich klaren Fakten die Menschen auch emotional erreichen.

Wissenschaft in der Pflicht

Kaum etwas in der Medizin ist so umfassend belegt wie die Wirksamkeit von Impfungen, und die Behauptungen der Impffeinde sind längst widerlegt. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt: „Aufgrund dieser Studien weiss man heute, dass die Keuchhusten-Impfung weder zum „plötzlichen Kindstod“ führt noch bleibende Hirnschäden verursacht; dass die Hepatitis-B-Impfung nicht die Ursache der Multiplen Sklerose ist; die Masern-Impfung keinen Autismus verursacht, dass die Impfung gegen Hirnhautentzündung nicht zu Diabetes führt und dass für den weltweiten Anstieg von allergischen Erkrankungen nicht Impfungen verantwortlich sind.“

Verschiedene Studien konnten die Behauptungen von Impfgegnern wiederlegen. So zeigte sich beispielsweise, dass die Hepatitis-B-Impfung nicht die Ursache der Multiplen Sklerose ist. (Bild: Zerbor/fotolia.com)

Die Angst vor Impfungen ist aber nicht wissenschaftlich begründet, sondern emotional. Viele Wissenschaftler nehmen sie deshalb nicht ernst oder versuchen, sie durch wissenschaftliche Erklärungen zu besänftigen.

Das kann aber nicht funktionieren. Epidemiologische Studie erreichen medizinische Laien nämlich selten, Youtube-Videos von Impfgegnern häufig. Die Wissenschaft ist nicht gefragt, noch bessere Begründungen für Impfungen zu finden, sondern sie muss in den Medien präsent werden – auf eine allgemein verständliche und interessante Art und Weise.

Der Anchoring-Effekt

Bei Menschen setzt generell der so genannte Anchoring-Effekt ein. Das heißt, in unserem Gehirn verankern sich die Informationen am festesten, die wir zuerst bekommen. Das führt zu kognitiven Verzerrungen, wenn diese Informationen falsch sind.

Unser Gehirn fragt nicht nach „falsch“ oder „richtig“, sondern bildet im Gehirn Muster aus, innerhalb derer wir uns orientieren. Für die Aufklärung über Impfungen ist deshalb wichtig, dass die Laien die sachlich-wissenschaftliche Information zuerst bekommen.

Der Anchoring-Effekt hat nichts mit der Intelligenz zu tun. Wir alle halten unsere Vorstellungen für objektiv und ordnen neue Informationen in die bereits bestehenden ein.

Bestätigungsfehler

Hinzu kommt der Bestätigungsfehler. Nichts stört Menschen mehr als kognitive Dissonanz, also Vorstellungen auszuhalten, die sich widersprechen. Das erklärt auch, warum bei medizinisch ungebildeten Menschen weniger Impfkritik verbreitet ist als in der „alternativen“ Mittelschicht.

Wer „der Pharmaindustrie“ oder „der Schulmedizin“ misstraut, hat bereits viel Energie investiert, um zu dieser Einschätzung zu kommen. Wenn ein Weltbild aber erst einmal etabliert ist, funktioniert ein durch diese Einstellung motiviertes Denken besser als ein Denken, das diesem widerspricht.

Das gilt allerdings auch umgekehrt. Ärzte, die voll hinter Impfungen stehen, wären demzufolge auch wenig bereit, auf Zweifel hinsichtlich des Procederes einzugehen und verwendeten dann keine Mühe darauf, dem Patienten die Impfung sachlich zu erklären. Damit wiederum brüskieren sie einen Menschen, der zum kritischen Denken in der Lage ist und schüren die Skepsis.

Ein Problem für die Aufklärung ist der Wert von Anekdoten. Impfgegner und allgemein Verschwörungsideologen argumentieren selten im luftleeren Raum. Im Unterschied zu wissenschaftlichen Studien arbeiten sie narrativ. Sie konzentrieren sich also auf Anekdoten. Solche einzelnen Geschehnisse knüpfen an unser assoziatives Denken an und wirken deshalb erst einmal viel überzeugender als valides Datenmaterial.

Assoziationen wirken

Mit einer Anekdote lässt sich jede beliebige Geschichte aufbauen, ohne, dass sie mit der Wirklichkeit irgend etwas zu tun haben müsste. Das weiß jeder Student im kreativen Schreiben, der die Aufgabe bekommt, aus einer beliebigen Überschrift in der Zeitung eine Geschichte zu erzählen. Zusammen mit formalen Logik- und Bestätigungsfehlern läuft so jede Anekdote darauf hinaus, dass vermittelt wird, wovon der Verschwörungstheoretiker überzeugt ist.

Umgekehrt lässt sich aber an Anekdoten und Narrative anknüpfen, um den Wert von Impfungen zu zeigen – zum Beispiel, indem Ärzte, die Webseiten betreiben, die Krankheitsgeschichten von Kindern erzählen, die an Pocken starben.

Solche plastischen Darstellungen sind wichtig, um ein Risiko einzuschätzen. Impfkritiker stellen die Risiken, die Impfungen wie alle medizinischen Eingriffe haben, maßlos übertrieben dar. Zugleich sind die schlimmsten Krankheiten, die Impfungen zurück drängten, aus unserem Alltag verschwunden. Dadurch verzerrt sich das Abwägen des Risikos zwischen einer Impfung und dem Ausbruch der Erkrankung.

Das Internet bietet unzählige Möglichkeiten, um sich über das Thema „Impfen“ zu informieren – ein Impfexperte wird man dadurch jedoch noch lange nicht. (Bild: contrastwerkstatt/fotolia.com)

Soziale Medien

Die sozialen Medien verstärken die Illusion, auf Gebieten Fachwissen zu haben, für die wir uns interessieren. Das Internet fördert Halbwissen: Wer regelmäßig Archäologie online liest, bekommt zwar mehr News aus der Archäologenszene mit als jemand, der davon überhaupt keine Ahnung hat – er ist aber kein Archäologe und weiß nichts von archäologischen Methoden und Beweisführungen.

Selbst ernannte Experten

Ähnlich verhält es sich mit Impfgegnern. Auch wenn sich unter ihnen Ärzte befinden, sind die meisten Laien, die aber einen Großteil ihrer Freizeit in Gedanken zum Thema investieren. So schätzen sie zu Unrecht ihre eigene Kompetenz als hoch ein.

Sie glauben nicht nur, dass „die Ärzte“, die Impfungen befürworten „von der Pharmaindustrie gekauft“ sind, sondern sie denken auch, sie würden mit der evidenzbasierten Medizin auf gleicher Augenhöhe diskutieren.

Das ist vergleichbar mit jemand, der meint, er könne als Architekt arbeiten, weil er ein schönes Gartenhäuschen gebaut hat. Während aber für Außenstehende die materiellen Ergebnisse beim Gartenhausbauer das Gegenteil belegen, fällt das Fehlen von objektiven Belegen und Argumenten bei Impfgegnern für Laien nicht sofort ins Auge.

Zeitgemäße Aufklärung

Die Aufklärung über Impfungen, auch in spielerischer Form, gehört bereits in den Kindergarten und die Grundschule. Unzählige Kinder lernten mit der Geschichte von Karius und Baktus, warum es wichtig ist, sich die Zähne zu putzen.

Dazu müssten Webpräsenzen in den sozialen Medien kommen, die sich explizit an Laien richten und genau die Fragen beantworten, die die Menschen sich stellen. Die Texte müssen auch ausdrücklich die Nebenwirkungen von Impfungen aufzeigen.

Ärzte sollten speziell geschult werden, um ihre Patienten genau über Impfungen aufklären zu können. (Bild: contrastwerkstatt/fotolia.com)

Außerdem müssten Ärzte, Apotheker und Hebammen systematisch geschult werden, um Patienten genau über die Wirkung und die Sicherheit der verabreichten Impfstoffe zu informieren. Das bedeutet auch, sie speziell in der Kommunikation zu trainieren.

Kurz gesagt: Wenn jemand sich über Impfungen bisher kein Urteil gebildet hat, ihm Ärzte nicht erklären, wie Impfungen wirken, oder, schlimmer noch, Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden skeptische Fragen abwürgen, dann informiert er sich vermutlich bei Freunden und Bekannten oder im Internet. Wenn Menschen schlechte Erfahrung mit Ärzten und Behörden machen, steigert das die Kritik, und die Betroffenen werden empfänglich für die Impfgegner.

Aufklärung muss in jeglicher Hinsicht durch unabhängige Gruppen und Institutionen erfolgen, die keine materiellen Interessen bei Impfungen verfolgen. (Dr. Utz Anhalt)