Impfstoff-Engpass – Grippewelle naht

Astrid Goldmayer

Ärzte zeigen sich wegen fehlendem Grippeimpfstoff besorgt

19.10.2012

Für den kommenden Winter wird eine besonders starke Grippewelle in Deutschland erwartet. Ärzte zeigen sich besorgt angesichts der knappen Grippeimpfstoffvorräte. Zu dem Engpass kam es aufgrund von Lieferschwierigkeiten des Pharmaunternehmens Novartis, das die Ausschreibung der Kassen gewann. In der Koalition wird jetzt über eine Neuregelung der bisherigen Praxis diskutiert.

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Engpass beim Grippeimpfstoff besonders für Ältere und Kranke gefährlich
Laut Experten steht die nächste Grippewelle schon vor der Tür. Ab Dezember sollen ähnlich wie auf der Südhalbkugel deutlich mehr Menschen an Influenza erkranken als im vergangenen Jahr. Besonders gefährlich ist das für ältere und kranke Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist. Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts (RKI) hat deshalb für bestimmte, besonders gefährdete Personengruppen eine Impfempfehlung herausgegeben. Doch aufgrund von Lieferschwierigkeiten des Herstellers Novartis besteht derzeit ein Engpass für das Präparats Begripal.

Vor allem Bayern und die norddeutschen Bundesländer sind von den Lieferschwierigkeiten betroffen. Nach einer Ausschreibung, die Novartis gewann, schlossen die Kassen Verträge für den günstigen Impfstoff Begripal mit dem Pharmakonzern. Aufgrund des Engpasses hatten die Kassen zwar auch andere Impfstoffe für die betroffenen Regionen freigegeben, jedoch haben diese ebenfalls zu wenig Impfstoffvorräte, da sie nicht auf die große Nachfrage eingestellt waren, nachdem Novartis die Ausschreibung gewonnen hatte.

Für die Produktion eines Impfstoffes wird eine längere Vorlaufzeit benötigt, da die Herstellung sehr arbeits- und zeitintensiv ist. Die Vermehrung des Virus, der im Impfstoff enthalten ist, erfolgt in Eiern und dauert etwa sechs Monate. Der fertige Grippeimpfstoff liegt normalerweise im Juni oder Juli vor und wird in jährlichen klinischen Studien getestet.

Koalition fordert Neuregelung bei Ausschreibung für Grippeimpfstoff
Wie es zu dem Lieferengpass kommen konnte, teilte die Novartis Vaccines and Diagnostics GmbH bisher nicht mit. Engpässe beim Impfstoff wurden nur für Norddeutschland und Bayern gemeldet, da es in anderen Region keine Ausschreibungen gab.

Forderungen nach einer Neuregelung, um zukünftig eine ausreichende Versorgung mit Impfstoff gewährleisten zu können, werden immer lauter. Auch in der Koalition wird heftig über eine Überarbeitung der bisher gängigen Praxis diskutiert. „Bei Impfstoffen müssen wir das Instrument der Ausschreibungen überprüfen", erklärte Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“.

Auch Peter Wutzler, Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, kritisiert das derzeit übliche Vorgehen. Durch die Exklusivverträge, die die Kassen mit bestimmten Herstellern schließen, sei die Versorgung der Patienten gefährdet. Mediziner müssten die Möglichkeit erhalten, den jeweils geeignetsten Impfstoff einzusetzen. Derzeit seien sie auf ein bestimmtes Mittel festgelegt. Wutzler betonte, dass sich Ärzte „bei der Wahl der Impfstoffe nach der Wirksamkeit richten und sich an der jeweiligen Zielgruppe orientieren“ sollten.

Bayrische Hausärzte schlagen wegen Engpass beim Grippeimpfstoff Alarm
Erst kürzlich schlugen bayerischen Hausärzte Alarm. Das Impfserum sei trotz Versprechungen der dortigen Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände noch nicht in den Hausarztpraxen angekommen. Der Hausärzteverband befürchtet deshalb eine verspätete Lieferung möglicherweise erst Anfang Dezember. Das sei jedoch für viele Menschen zu spät. Normalerweise werden die Grippeimpfungen in der Zeit von September bis November verabreicht, da die ersten Influenzafälle ab Dezember erwartet werden. Der Körper benötigt etwa zwei Wochen nach der Impfung, um einen wirkungsvollen Virenschutz aufzubauen.

Wie die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein mitteilte, hatten einige Ärzte bereits einen Ersatzimpfstoff erhalten, den sie jedoch aufgrund von Bedenken wieder zurückschickten. Die Kassenärzte sind angesichts der Situation verärgert. „Das ist ärgerlich, wenn nicht genügend Impfstoff vorhanden ist", sagte Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Heftige Grippewelle erwartet
„Ich erwarte eine harte Saison", erklärte Wutzler. Auf der Südhalbkugel habe es zuletzt viele Grippe-Tote gegeben. Zudem sei die deutsche Bevölkerung in großen Teilen nicht immunisiert.

Angaben des australischen Gesundheitsministeriums zufolge infizierten sich in dieser Grippesaison besonders viele Australier mit dem Erreger H3N2. Dagegen traten im Vergleich zum Vorjahr nur wenige Infektionen mit dem Schweinegrippevirus H1N1 auf. Zu Beginn der Saison registrierten die Behörden einen ungewöhnlich starken Anstieg der Zahl der Grippefälle. Wie das Gesundheitsministerium weiter mitteilte, sei die Anzahl der Infektionen über die gesamt Grippesaison jedoch kaum höher gewesen als bei früheren Grippewellen. Mitte Juli wurde der Höhepunkt der Influenza-bedingten Krankenhauseinlieferungen erreicht. Seitdem war ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. (ag)