Indiens zwei Gesichter – Hunger und viel extremes Übergewicht

(Bild: Creativa/fotolia.com)
Fabian Peters
Übergewicht dessen Folgekrankheiten sind in Indien auf dem Vormarsch
Die Bevölkerung in Indien kämpft bis heute vielfach mit Hunger, schlechter medizinischer Versorgung und Infektionskrankheiten, doch hat sich in den wohlhabenden Bevölkerungsschichten ein weiteres Gesundheitsproblem hinzugesellt: Übergewicht beziehungsweise Fettleibigkeit. Aufgrund dessen sind auch bei den Folgebeschwerden wie Diabetes oder Bluthochdruck steigende Fallzahlen festzustellen.

So verzeichnete das US-amerikanische Institute of Health Metrics and Evaluation (IHME) laut „Spiegel Online“ zwischen 1990 und 2013 weltweit einen Anstieg der Diabetes-Erkrankungen um 45 Prozent, während in Indien ein Plus von 123 Prozent festzustellen war. Insgesamt würden 60 Millionen Menschen in Indien als übergewichtig gelten. Dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF zufolge leben in Indien gleichzeitig ähnlich viele Kinder (rund 61 Millionen), die unter Mangelernährung und Hunger leiden – mehr als in Afrika oder irgendeinem anderen Land der Welt. Hier zeigt sich eindrucksvoll das doppelte Gesicht des boomenden Indiens.

(Bild: Creativa/fotolia.com)
In Indien ist Übergewicht bei der Mittel- und Oberschicht ein weit verbreitetes Problem. (Bild: Creativa/fotolia.com)

Fehlendes Bewusstsein für die Gesundheitsrisiken durch Übergewicht
In den wohlhabenden Bevölkerungsschichten Indiens sind die typischen „Volkskrankheiten“ der modernen Industrienationen wie Adipositas, Diabetes, Bluthochdruck und Co immer stärker im kommen, während in den ärmeren Bevölkerungsgruppen weiterhin zehntausende an Hunger und Infektionskrankheiten wie dem Dengue-Fieber, Tuberkulose oder Malaria sterben. Mit dem zunehmenden Wohlstand war bei vielen Indern die Entwicklung von massivem Übergewicht verbunden, wobei hier nahezu vollständig das Bewusstsein für die möglichen Gesundheitsrisiken fehle, berichtet „Spiegel Online“. Anstatt frühzeitig den Lebensstil umzustellen, werde häufig im Nachhinein mit einer operativen Verkleinerung des Magens reagiert. So habe zum Beispiel auch der indische Finanzminister Arun Jaitley einen entsprechenden Eingriff durchführen lassen. Zuvor musste der 62-Jährige angesichts seiner Gewichtsprobleme und hieraus resultierender Rückenschmerzen seine Reden bereits im Sitzen halten und gelegentlich unterbrechen.

Deutliche Zunahme der nicht-übertragbaren Erkrankungen in Indien
Ähnlich wie dem Finanzminister erging es laut „Spiegel Online“ auch weiteren Ministern. So hätten sich Nitin Gadkari und Venkaiah Naidu ebenfalls aufgrund ihres Übergewichts operieren lassen. Die Beispiele aus der indischen Führungsriege verdeutlichen, wie verbreitet die Gewichtsprobleme in Indien mittlerweile sind. Infolgedessen seien nun die Herz-Kreislauf-Krankheiten auch vor den Infektionskrankheiten und Durchfall die häufigste Todesursache, berichtet „Spiegel Online“. Allmählich verschiebe sich das Verhältnis zwischen den typischen Wohlstands- und Armutskrankheiten in Richtung der Wohlstandserkrankungen. So habe vor zehn Jahren das Risiko eines frühzeitigen Todes aufgrund einer Infektionskrankheit noch ungefähr dem Risiko bei den nicht übertragbaren Krankheit wie einem Herzleiden entsprochen. Doch heute liege die Wahrscheinlichkeit eines Todes infolge nicht-übertragbarer Erkrankungen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) doppelt so hoch wie bei den Infektionskrankheiten. Hierfür fehle in Indien allerdings weitgehend das Bewusstsein.

Vorteile gesunder Ernährung und ausreichender Bewegung nicht bekannt
Aufklärungsprogramme oder Vorsorgekampagnen wegen der verbreiteten Gewichtsprobleme in den wohlhabenden Bevölkerungsschichten sind bislang Mangelware. Wegen dieser fehlenden Sensibilisierung seien die Vorteile einer gesunden Ernährung und ausreichender Bewegung kaum bekannt, zitiert „Spiegel Online“ den Arzt Atul Gogia vom Gangaram Hospital in Delhi. „Wir rühmen uns immer damit, so ein gewaltiges Arbeitskraftpotenzial zu haben, aber was bringt uns das, wenn unsere Erwerbsbevölkerung krank ist“, so Gogia weiter. In Indien gehe fast niemand aus der Mittel- oder Oberschicht in den Millionenmetropolen irgendwelche Strecken zu Fuß. Die kleinsten Einkäufe würden bereits per Telefon erledigt und von Laufburschen an die Tür gebracht, berichtet „Spiegel Online“ weiter. Entsprechend bewegungsarm gestaltet sich der Alltag vieler Inder.

Mehr zum Thema:

Operationen gegen Übergewicht
„Spiegel Online“ berichtet auch von dem Beispiel der Brüder Vijay (16 Jahre) und Suresh (20 Jahre), die sich beide ihren Magen verkleinern ließen. Vor der OP wogen sie 190 Kilogramm und 150 Kilogramm. Die Mutter Sonu Lugani erläutert in dem Beitrag des Nachrichtenportals, dass Suresh kaum ein paar Schritte laufen konnte und ständig gekeucht habe. Hoher Blutzucker und Bluthochdruck seien bei ihm festgestellt worden. Ursache für die Entwicklung des Übergewichts war nach Auffassung des Sohnes der unkontrolliert Junk-Food-Konsum und das ständig Sitzen am Computer – ohne jegliche Form von Bewegung oder Sport. Der Arzt, der die beiden jungen Männer operiert hat, hat laut Angaben von „Spiegel Online“ im vergangenen Jahr 250 entsprechende Operationen durchgeführt. Dabei habe der Mediziner Vivek Bindal vom Gangaram Hospital in der Hauptstadt Neu Delhi noch vor fünf Jahren lediglich rund 25 dieser Operationen im Jahr durchgeführt.

Ein vergleichbarer Anstieg bei den Operationen aufgrund von Übergewicht werde für ganz Indien geschätzt. Den Gewichtsproblemen mit einer Operation zu begegnen, ist weithin akzeptiert, wobei diese jedoch häufig nicht als Krankheitsbild betrachtet werden, berichtet der Arzt Aniruddh Vij vom wissenschaftlichen Institut Pushpawati Singhania in dem Beitrag von „Spiegel Online“. Bei vielen Indern ist seiner Aussage zufolge Übergewicht quasi als etwas normales akzeptiert, das mit dem Alter kommt, oder die überschüssigen Pfunde würden gar als Zeichen von Wohlstand interpretiert. Welche Gesundheitsprobleme das Übergewicht mit sich bringt, sei vielen hingegen nicht bekannt. (fp)