Inkontinent und impotent nach Prostata-OP

Fabian Peters

Nebenwirkung und Verlust der Lebensqualität nach Prostata-Operationen

25.07.2012

Prostata-Operationen bringen für die Betroffenen oftmals erhebliche langfristige Beeinträchtigung der Lebensqualität mit sich, so das Ergebnis einer Untersuchung im Rahmen des Krankenhaus Report 2012 der Barmer GEK. Da die Patienten durchaus „mit einem Krebs der Prostata alt werden“ können, dieser also weniger bedrohlich sei als andere Krebsarten, sollten entsprechende Operative Eingriffe den Experten der Barmer GEK zufolge besonders gut überlegt sein.

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Laut Mitteilung der Barmer GEK berichtet „das Gros der Patienten ein Jahr nach Krankenhausaufenthalt von erheblichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität.“ Rund 70 Prozent der Männer litten den Ergebnissen der aktuellen Untersuchung zufolge während des ersten Jahres nach der Prostata-Operation unter Erektionsproblemen oder Inkontinenz. Statt eines übereilten Eingriffes, sei daher oftmals eine genau Beobachtung des Prostata-Krebses empfehlenswert.

Viele Patienten nach Prostata-OP nicht zufrieden
Im Rahmen der am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie wurden 1.165 männliche Versicherte der Barmer GEK, die eine Prostata-Operation hinter sich hatten, zu ihrer Einschätzung des Eingriffs und den anschließenden Beschwerden befragt. Die Probanden waren im Durchschnitt 67,6 Jahre alt. Lediglich die Hälfte (52 Prozent) von ihnen zeigte sich nach der Prostata-Operation mit den Behandlungsergebnisse uneingeschränkt zufrieden. 41 Prozent waren eingeschränkt zufrieden und sieben Prozent unzufrieden. Dies seien „schlechtere Ergebnisse als nach Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks (63 Prozent uneingeschränkte Zufriedenheit)“, so die Mitteilung der Barmer GEK. Auch klagten 53 Prozent der befragten Männer im ersten Jahr nach der Operation über sexuelles Desinteresse und rund 16 Prozent litten unter Inkontinenz. Zudem verzeichneten 20 Prozent der Befragten im Zusammenhang mit der Prostata-Operation Blutungen oder Darmverletzungen.

Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung des Mannes
Prostatakrebs ist laut Bericht der Barmer GEK „nach dem Hautkrebs die häufigste Krebserkrankung des Mannes und für etwa zehn Prozent der Krebssterbefälle unter Männern verantwortlich.“ Der Prostatakrebs besitze daher eine hohe Versorgungsrelevanz. Bei den klinischen Behandlungsmethoden des Prostata-Krebs „ist die operative Prostataentfernung mit Abstand am häufigsten“, so die Mitteilung der größten deutschen Krankenkasse. Diese „radikale Prostatektomie" erfolgt den Ergebnissen des Krankenhaus Report 2012 zufolge in jedem zweiten Fall. Zwar sei es erfreulich, dass dabei heute 55 Prozent der Eingriffe „gefäß- und nervenerhaltend“ durchgeführt werden – im Gegensatz zu 30 Prozent im Jahr 2005. Doch viele dieser Eingriffe wären unter Umständen überhaupt nicht erforderlich, da die Patienten auch ohne Operation mit dem Prostata-Krebs alt werden könnten. Die beteiligten Studienautoren, wie Eva Maria Bitzer vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover, betonten, dass bei Prostatakrebs die Behandlung nicht automatisch Operationen, Bestrahlung oder Medikamente mit sich bringen müsse, sondern auch eine „aktive Überwachung“ oder das „langfristige Beobachten“ oftmals vernünftige Alternativen seien.

Alterungseffekt bedingt massiven Anstieg der Prostata-Operationen
In der Studie der Barmer GEK wurde neben der subjektiven Wahrnehmungen der Prostatakrebs-Patienten auch die Entwicklung der Behandlungshäufigkeit von 1994 bis zum Jahr 2010 analysiert. Dabei registrierten die Forscher „einen Anstieg von 14,7 auf 20,9 Fälle je 10.000 Männer, die unter der Hauptdiagnose Prostatakarzinom im Krankenhaus behandelt wurden.“ Dieser Anstieg um rund 40 Prozent sei ausschließlich auf „den Alterungseffekt“ beziehungsweise den demografischen Wandel zurückzuführen, so die Mitteilung der Barmer GEK. Wird die Alterung der Bevölkerung herausgerechnet, „so blieb die Zahl der stationär behandelten Fälle in 18 Jahren unverändert“, berichtet die Krankenkasse.

Hohe Anzahl klinischer Behandlung
Angesichts der Beeinträchtigungen der Lebensqualität bei den Patienten nach einer Prostata-Operation erläuterte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, dass die Entfernung der Prostata nicht immer die richtige Entscheidung sei. Die Hochrechnungen auf Basis der Barmer GEK Daten habe ergeben, dass deutschlandweit im Jahr 2011 in den „Krankenhäusern rund 31.000 offene radikale Prostatektomien durchgeführt wurden, außerdem 10.000 minimalinvasive Operationen, 3.000 mit Brachytherapien, 2.000 Chemotherapien und 1.600 perkutane Bestrahlungen“, so die Zahlen in der aktuellen Mitteilung. Insgesamt erfolgten laut Aussage des stellvertretende Vorstandsvorsitzenden der Barmer GEK im vergangenen Jahr bundesweit rund 83.000 Klinikbehandlungen wegen Prostatakrebs, womit Deutschland im internationalen Vergleich relativ weit vorne liegt. Beispielsweise kommen die USA bei erheblich größerer Einwohnerzahl auf die gleich Anzahl von Prostata-Behandlungen. Doch die vielen klinischen Behandlungen können nicht verhindern, dass rund 13.000 Männer pro Jahr hierzulande an Prostatakrebs sterben, was in Relation zu anderen Ländern ein hohes Niveau sei, erläuterte Rolf-Ulrich Schlenker.

Krankenkassen und Patienten können vom Verzicht auf Prostata-Operation profitieren
Dass die Barmer GEK nicht nur die Interessen der Patienten im Blick behält, sondern auch ihre eigene Finanzlage, geht aus den gleichzeitig mit angegebenen „Gesamtkosten für die stationäre Versorgung von Prostatakrebs-Patienten der gesetzlichen Krankenversicherung“ hervor, welche sich laut Aussage der Studienautoren im Jahr 2011 auf rund 364 Millionen Euro beliefen. Ließe sich die Anzahl der Prostata-Operationen reduzieren, so würden auch die anfallenden Kosten bei der Barmer GEK deutlich zurückgehen. An dieser Stelle könnten möglicherweise die Krankenkasse und die Patienten von einem Verzicht auf die Operationen profitieren. Die Patienten aufgrund der Vermeidung von Nebenwirkung sowie des Erhaltes ihrer Lebensqualität und Libido, die Krankenkasse aufgrund der eingesparten Kosten. (fp)

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