Internetsucht: Erste Medienambulanz in Bochum

Sebastian

Erste Hilfe bei Internetsucht: Erste NRW-Spezialambulanz in Bochum eröffnet

02.10.2012

Immer mehr Menschen sind von einer neuen Suchterkrankung betroffen: der Internetabhängigkeit. Seit Montag dieser Woche hat die erste Ambulanz bei Internetsucht eröffnet. Patienten, die Symptome einer Sucht durch Online-Spiele, Cybersex oder sozialen Netzwerken wie Facebook zeigen, können sich an die Spezialambulanz der nordrhein-westfälischen Universitätsklinik für psychotherapeutische Erkrankungen wenden. Seit Monat ist die neue Spezialambulanz in Bochum eröffnet.

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Katrin W. aus Berlin sagt von sich selbst, dass sie süchtig sei. „Ich kann an nichts anderes mehr denken, als an Cybersex mit fremden Männern“. Wichtige Aufgaben wie Überweisungen, Berufsleben oder soziale Kontakte zu pflegen kann die Betroffene kaum noch ausführen. „Ich komme aus der Situation selbst nicht mehr heraus“, sagt sie. Seit dem ihr Mann sich von ihr getrennt hat, ist Katrin W. in ein tiefes emotionales Tief gefallen. „Cybersex hat mir am Anfang geholfen, mich wieder als vollwertige Frau zu fühlen“. Irgendwann aber war nichts anderes mehr wichtig. „Das Verlangen nach mehr war kaum noch zu stillen, um mich gut zu fühlen.“

Erste Ambulanz für Internetsüchtige
Laut einer Studie im Auftrag Bundesgesundheitsministeriums leiden rund 560.000 Menschen in Deutschland an einer Internetsucht. Wie bei anderen Süchten vernachlässigen Betroffene reale emotionale Beziehungen, schwänzen die Schule oder gehen kaum noch zur Arbeit. Als erste Klinik in Nordrhein-Westfalen will die neue Medienambulanz an der Bochumer Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums Internetsüchtigen eine erste Anlaufstelle bieten. „Dennoch ist die Hilfe für Betroffene im Ruhrgebiet nach wie vor rar“, beklagt der Leiter der Ambulanz, Dr. med. Bert te Wildt, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin. In Deutschland existieren noch sehr wenige ähnliche Einrichtungen, die sich diesem Spezialgebiet angenommen haben. Demnach gibt es Kliniken in Berlin, Hamburg, Köln und Hannover. Zu wenige, wenn etwa eine halbe Million Kinder, Jugendliche und Erwachsene deutschlandweit betroffen sind.
Die Klinik bietet regelmäßige Sprechstunden und gruppentherapeutische Angebote an. Damit sollen den Betroffenen „jenseits der virtuellen Welt Wege in ein erfülltes Leben in der konkreten Realität“ erleben, erklärte der Psychiater und Suchtexperte während der Vorstellung der neuen therapeutischen Spezialambulanz. Die Therapie will unter anderem ein Auslöschen des Reizes herbeiführen. Dabei wird bewusst eine Situation erzeugt, die die Internetsucht provoziert. In derlei Momenten lernen die Patienten dem Drang der Sucht zu widerstehen. Die Situationen werden solange erzeugt, bis der Drang endlich nachlässt.

Internetabhängigkeit nicht als Verhaltenssucht anerkannt
Eine Internetabhängigkeit ist bislang als Verhaltenssucht nicht von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. Zahlreiche Mediziner und Therapeuten drängen seit längerer Zeit auf eine Anerkennung. Insbesondere Computer-Rollenspiele, bei denen Tausende Menschen in Online-Netzwerken teilnehmen, können süchtig machen. Das sei mittlerweile wissenschaftlich belegt, berichtet der Experte. Te Wildt geht davon aus, dass die Zahl der Patienten künftig stark ansteigen wird. „Wir müssen uns in Forschung, Behandlung und Diagnostik darauf einstellen, dass die Zahl von Internetabhängigen steigt.“

Wann sprechen Psychiater von einer Internetsucht?
Die Definition, wann eine Sucht besteht, ist nicht immer leicht, gerade bei Verhaltenssüchten. Wer gerne lange und gerne seine Zeit am Computer verbringt, ist noch nicht süchtig. Wer das Verhalten allerdings selbst nicht mehr kontrollieren kann und schwere Mangelerscheinungen wie innere Unruhe oder Aggressionen verspürt, weil andere Aufgaben wie Schule oder Arbeit anstehen, könnte an einer Abhängigkeit leiden. Meist weisen auch Außenstehende auf das süchtige Verhalten hin. Wenn der Partner oder Freunde den überhöhten Medienkonsum kritisieren, könnten ebenfalls erste Warnhinweise für eine Abhängigkeit bestehen. (sb)