Isolation treibt Senioren in die Alkoholsucht

Sebastian

Alkoholabhängigkeit bei Älteren nimmt zu

24.02.2014

In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Alkoholiker in Deutschland drastisch erhöht. Knapp 1,8 Millionen Bundesbürger sind alkoholabhängig. Auch bei den Senioren nehmen die Zahlen zu. In Nordrhein-Westfalen setzt man daher auf mehr Beratungs- und Hilfsangebote zur Suchtvermeidung und Entwöhnung.

Alkoholprobleme in allen Altersgruppen
In Deutschland hat sich die Zahl der Alkoholiker in den vergangenen Jahren drastisch erhöht.Knapp 1,8 Millionen Bundesbürger sind alkoholabhängig. Nach einer Studie des Münchner Instituts für Therapieforschung stieg deren Zahl zwischen 2006 und 2012 von 1,3 Millionen auf 1,77 Millionen Abhängige. Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) sagte gegenüber der NRZ: „Menschen mit Alkoholproblemen gibt es in allen Altersgruppen, unabhängig vom Einkommen.“ Die Zahl der Abhängigen wächst zwar, doch der Konsum von Alkohol in der Bevölkerung geht insgesamt zurück.

Vieltrinker mit mehr als fünf Gläsern täglich
Vieltrinker sind einer Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) zufolge Männer, die pro Tag mehr als fünf Gläser eines alkoholischen Getränks (60 g) konsumieren. Für Frauen gilt die Hälfte. Manche Gesundheitsexperten halten eine tägliche Menge von 24 Gramm für Männer, beziehungsweise 12 Gramm für Frauen noch für akzeptabel. Der Münchner Studie zufolge trinken neben den bundesweit fast 1,8 Millionen abhängigen Alkoholikern weitere 1,6 Millionen Menschen sehr viel Alkohol, gelten jedoch noch nicht als süchtig.

Vielfältige Ursachen für den Griff zur Flasche
In NRW sind es nach Schätzungen von Ministerin Steffens mindestens zwei Millionen Menschen, die Alkoholprobleme haben. Als abhängig gelten 400.000, davon seien 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen. „Die Ursachen für den übermäßigen Griff zur Flasche sind vielfältig: Gruppenzwang, Einsamkeit, Druck im Berufs- oder Privatleben, psychische Probleme. In vielen Kreisen ist überhöhter Alkoholkonsum auch wesentlicher Teil der Freizeitbeschäftigung oder gilt als cool“, so Steffens.

Steigende Abhängigkeit bei Älteren
In den verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind teilweise deutliche Unterschiede feststellbar. So trinken junge Frauen zwischen 18 und 24 Jahren deutlich mehr Alkohol als vor zehn Jahren. Doch bei den 40- bis 59-Jährigen ist der Konsum rückläufig. Vor allem auch die steigende Abhängigkeit bei Älteren bereitet der Ministerin Sorgen. So konsumieren den Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) zufolge 15,4 Prozent der Menschen über 60 Jahre Alkohol in riskanter Weise. In Deutschland seien bis zu 400.000 Senioren von einem Alkoholproblem betroffen. Laut DHS ist dabei der Anteil Alkoholkranker in Alten- und Pflegeheimen im Durchschnitt höher als bei älteren Menschen in Privathaushalten.

Isolation kann zur Sucht beitragen
„Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit bei Älteren nehmen zu. Isolation und der Verlust an Anerkennung im Alter können dazu beitragen, dass immer mehr alte Menschen suchtkrank werden“, so Steffens. Und auch die DHS geht davon aus, dass die Sucht im Alter aufgrund der demografischen Entwicklung zunehmen wird. Deshalb hat das Land NRW 2012 mit Ärzten, Apotheken, Sozialverbänden und Kommunen ein Landeskonzept Sucht erarbeitet, das unter anderem mehr Beratungs- und Hilfsangebote zur Suchtvermeidung, Entwöhnung und Wiedereingliederung in den Beruf vorsieht. Das Bundesland zahlt pro Jahr insgesamt 13,7 Millionen Euro für die Suchtvorsorge.

Mädchen und junge Frauen holen beim exzessiven Trinken auf
Das sogenannte Rauschtrinken, also fünf oder mehr alkoholische Getränke am Tag, kommt bei Männern dreimal so häufig vor wie bei Frauen. Mindestens viermal im Monat trinken 20,6 Prozent der Männer „einen über den Durst“. Bei den Frauen sind dies nur 6,6 Prozent. Doch Steffens kritisierte: „Mädchen und junge Frauen holen beim exzessiven Trinken aber leider auf.“ Die Ministerin weiter: „Was als Ausdruck von Emanzipation erscheint, steht aber gerade nicht für ein neues weibliches Selbstbewusstsein.“ Während laut der Münchner Studie mehr Menschen „einen problematischen Konsum“ von Alkohol aufweisen, ist die Zahl der Alkoholkonsumenten seit 2005 in allen Altersgruppen insgesamt zurückgegangen.

Bundesgesundheitsminister gefordert
Der Sprecher für Drogen- und Suchtpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, Harald Terpe, hatte im vergangenen Monat den neuen Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) angesichts der bedenklichen Zahlen des „Epidemiologischen Suchtsurveys“, der im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit durch das Münchner Institut für Therapieforschung erarbeitet wurde, dazu aufgefordert, „der Suchtprävention und -therapie mehr Energie als sein Vorgänger zu widmen“ und kritisiert in diesem Zusammenhang, dass bislang der Posten des Drogenbeauftragten der Bundesregierung nicht neu besetzt wurde. (sb)

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Bild: Gerd Altmann/Anja Wichmann / pixelio.de