Ist ADHS doch nur eine Kinderkrankheit?

Sebastian
Galt ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) in der Vergangenheit als typische Kinderkrankheit, so hat sich in den letzten Jahren breitgemacht, dass angeblich die Mehrzahl der ADHS-Kinder auch noch als Erwachsene daran leiden. In einem Interview zu ADHS in Brigitte 7/2017 behauptet z. B. Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik. Oldenburg, dass ca. 60% der Kinder mit der Diagnose ADHS auch noch als Erwachsene an dieser angeblichen Störung leiden.

Philipsen gehört auch dem Beirat von ADHS Deutschland e. V. an, einem Verbund deutscher ADHS-Selbsthilfegruppen, der Spendengelder der Pharmafirma Shire erhält. Der Verein schätzt, dass zwei Millionen Erwachsene in Deutschland von ADHS betroffen sind, „ohne die geringste Ahnung davon zu haben“ (1). Frodl u. Skokauskas gehen sogar von 80 % Persistenz der ADHs im Erwachsenenalter aus (2). Die Behandlung mit einschlägigen Psychopharmaka ist in Deutschland denn auch bei Erwachsenen inzwischen zugelassen.

Die Zahl der Kinder mit ADHS hat in den letzten Jahren wieder zugenommen. Den Kleinen fällt es schwer, sich zu konzentrieren und ihre Impulse unter Kontrolle zu halten. Für Hausaufgaben und Spielen fehlt ihnen oft die Geduld. (Bild: S.Kobold/fotolia.com)

In letzter Zeit sind nun aber 3 Forschungsstudien erschienen, die den Prozentsatz der im Erwachsenenalter fortbestehenden ADHS lediglich zwischen 10 – 21,9 % beziffern. Die beste dieser Studien ist die von Moffitt et. al., weil sie wirklich Erwachsene heranzog, während in den beiden anderen Studien die “Erwachsenen” erst 18-19 Jahre alt waren. Die Forscher finden nur eine Persistenz von 10 %. Demnach weisen 78,1 – 90 % der Kinder mit der Diagnose ADHS diese Diagnose im Erwachsenenalter nicht mehr auf.

Einige ADHS-Forscher vermuten deshalb, dass es sich bei den Erwachsenen um ganz andere Störungen handelt als bei den Kindern. Yoshimasu u. a. finden bei Erwachsenen mit ADHS-Diagnose noch bis zu 12 andere psychiatrische Störungen. Weitaus die meisten Erwachsenen mit der Diagnose ADHS haben also irgendetwas, aber eine ADHS? Wenn schon die (überwiegend an Erwartungen in der Schule orientierte) Diagnostik bei
Kindern letztlich evidenzbasierten medizinischen Kriterien nicht entspricht, welchen Sinn könnte es geben, diese Kriterien auch noch bis ins Erwachsenenalter auszuweiten – außer den Absatz von Methylphenidat zu steigern?

Mehr zum Thema:

Man kann insgesamt festhalten, dass ADHS auch weiterhin allein eine Kinderdiagnose ist. Allerdings ist auch diese nur ein unspezifischer diagnostischer Sammeltopf.