Jährlich 1,5 Millionen Tote durch Pilzinfektionen

Sebastian

Pilzinfektionen werden von den meisten Menschen unterschätzt

20.12.2012

Pilzinfektionen beim Menschen werden häufig unterschätzt. Das zeigt eine neue Studie der University of Aberdeen in Schottland. Demnach haben bereits 1,7 Milliarden Menschen weltweit mindestens einmal in ihrem Leben an einer Pilzinfektion gelitten. Während die Erreger an Nagel- oder Hautzonen gut sichtbar sind, können Pilze im Körperinneren zu vielfältigen und diffusen Beschwerden führen, die lebensbedrohlich sein können. Der Studie zufolge sterben jährlich rund 1,5 Millionen Menschen an einer Pilzinfektion. Wie die Forscher um Gordon Brown im „Science Translational Medicine" berichten, fordern Pilzinfektionen jährlich mindestens so viele Todesopfer wie Tuberkulose oder Malaria. Die Bekämpfung der Infektionen berge jedoch große Herausforderungen, da sie häufig schwer zu diagnostizieren und zu behandeln seien.

Pilzinfektionen häufig unterschätzt
Bei den 1,7 Milliarden Betroffenen nehme Fußpilz den größten Anteil ein, so die Forscher. Jeder fünfte Erwachsene leide mindestens einmal an Juckender Hautausschlag durch Pilze. Bei jedem Zehnten trete Nagelpilz auf. In der Altersgruppe der über 70-Jährigen betreffe die Pilzinfektion sogar jeden Zweiten. Mykosen der Haut, der Haare und den Nägeln werden meistens von sogenannten Dermatophyten (Fadenpilzen) verursacht. Sofern keine chronische Infektion vorliegt, ist der Pilzbefall gut zu behandeln. Mediziner raten vor allem beim Verdacht auf Nagelpilz einen Arzt aufsuchen, da sich der Erreger ungehindert ausbreiten und im schlimmsten Fall sogar nach innen wachsen und eine Vergiftung verursachen kann, wenn der Pilz nicht behandelt wird.

50 bis 70 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter sind der Studie zufolge mindestens einmal von einer Pilzinfektion der vaginalen Schleimhäute betroffen. Davon leiden etwa 75 Millionen Frauen viermal pro Jahr an der Infektion, die meist von Hefepilzen der Gattung „Candida“ verursacht wird.

Pilzinfektionen können lebensbedrohlich sein
Weniger bekannt sind sogenannte invasive Pilzinfektionen, bei denen die Erreger in den Körper eindringen und lebensbedrohliche Erkrankungen verursachen. Aufgrund der vielfältigen und zum Teil diffusen Symptome einer invasiven Pilzinfektion sind Diagnose und Behandlung häufig schwierig. Brown und sein Team ermittelten eine Sterblichkeit von häufig über 50 Prozent trotz Therapien für diese Erkrankungen.

Die bedrohlichsten invasiven Infektionen werden von vier verschiedenen Pilzarten ausgelöst: Kryptokokken, Pneumocystis, Candida und Gießkannenschimmel. Als Kryptokokkose wird eine Pilzinfektion mit Kryptokokken, beim Menschen in der Regel „Cryptococcus neoformans“, bezeichnet, von der jährlich mehr als eine Million Menschen betroffen ist. Die Sterblichkeit liegt je nach Region zwischen 20 und 70 Prozent. Die primäre Infektion verläuft häufig ohne Symptome.

Eine Aspergillose liegt vor, wenn die Infektion durch Gießkannenschimmel verursacht wird. Diese Pilzart gehört zur Gattung „Aspergillus“ und befällt vor allem die Lunge, aber auch Haut, Ohren, und Nasennebenhöhlen. In seltenen Fällen treten Metastasen im Herzen, der Niere und im Zentralnervensystem auf. Jährlich erkranken mehr als 200.000 Menschen an Aspergillose, die in 30 bis 95 Prozent der Fälle tödlich endet.

Die Pliz-Gattung „Pneumocystis“ lebt als extrazellulärer Parasit in der Lunge und verursacht dort schwer Entzündungen. Von den jährlich mehr als 400.000 Betroffenen sterben 20 bis 80 Prozent an der Erkrankung.

Als Kandidose wird eine Infektion mit dem Pilzen der Gattung „Candida“ (Hefepilze) bezeichnet. Bei gesunde Menschen reduziert sich der Befall in der Regel auf Haut oder Schleimhäute. Ist das Immunsystem geschwächt, können die Erreger auch die inneren Organe befallen, was der Studie zufolge bei 46 bis 75 Prozent der jährlich etwa 400.000 Betroffen zum Tod führt.

Pilzinfektionen werden durch Immunschwäche und Medikamente begünstigt
Das Immunsystem eines gesunden Menschen verfügt über effektive Abwehrmechanismen gegen Pilzinfektionen. Deshalb vermuten die schottischen Forscher als Hauptursache für die hohe Sterblichkeit von invasiven Pilzinfektionen in den letzten Jahrzehnten die Verbreitung des HI-Virus (HIV) und Aids. Zudem würden immer häufiger Medikamente zum Einsatz kommen, die das Immunsystem unterdrücken sowie vermehrt invasive medizinische Eingriffe durchgeführt. Immunsuppressiva – Medikamente, die die Funktionen des Immunsystems vermindern – werden beispielsweise bei Autoimmunerkrankungen oder nach Organtransplantationen verabreicht, um Abstoßungsreaktionen zu verhindern.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe trotz der dramatischen Situation bislang kein Programm gegen Pilzinfektionen ins Leben gerufen, kritisieren die Forscher. Die wenigsten Länder führten eine Überwachung der Pilzaktivitäten durch und die öffentliche Gesundheitsforschung in den USA und Großbritannien siehe lediglich 1,4 bis 2,5 Prozent ihres Etats für die medizinische Pilzforschung vor. „Ungeachtet des dringenden Bedarfs an wirkungsvollen Diagnosetests und sicheren, effektiven neuen Medikamenten und Impfstoffen bleibt die Forschung im Bereich der Pilzinfektionen beim Menschen zurück hinter der an Erkrankungen, die von anderen Erregern ausgelöst werden", bemängeln die Forscher. (sb)