Jedes fünfte Kind psychisch auffällig

Fabian Peters

Rund 20 Prozent der Kinder zeigen psychische Auffälligkeiten

14.09.2012

Ein Fünftel der Kinder in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten. Zu diesem Ergebnis kommt die BELLA-Studie unter Leitung der Professorin für Gesundheitswissenschaften und Gesundheitspsychologie, Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

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Auf der 108. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), gemeinsam ausgerichtet mit sechs weiteren Fachgesellschaften, widmen sich zahlreiche Experten aus dem Bereich der Kinder- und Jugendmedizin seit Mittwoch in Hamburg den neuen Erkenntnissen und Herausforderungen in der Pädiatrie. Die Ergebnisse der BELLA-Studie sind dabei ein vielfach diskutiertes Thema. Bundesweit wurden im Rahmen der Studie „Kinder, Jugendliche und deren Eltern sowie junge Erwachsene im Alter von 3 bis 23 Jahre zu ihrer psychischen Gesundheit und zu ihrem subjektiven Wohlbefinden befragt.“ Die Untersuchung ist vertiefender Bestandteil des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Das Ergebnis war alarmierend: Jedes fünfte Kind zeigt psychische Auffälligkeiten.

Unkonzentriert, hyperaktiv, depressiv oder aggressiv – Kinder mit psychischen Problemen
Laut Angaben der Studienautoren haben psychische Auffälligkeiten wie Hyperaktivität, Depressionen oder eine allgemeine Gewaltbereitschaft bei Heranwachsenden in den vergangenen Jahren für ein verstärktes Forschungsinteresse der Kinder- und Jugendmedizin gesorgt. Mit der BELLA-Studie soll auch eine belastbare wissenschaftliche Datenbasis für weiter Untersuchungen in diesem Bereich zu Verfügung gestellt werden. In Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut haben die Experten des UKE zwischen 2003 und 2008 im Abstand von jeweils einem Jahr die ersten drei Erhebungswellen durchgeführt. Seit 2010 läuft die vierte Befragung, deren endgültige Ergebnisse im kommenden Jahr veröffentlicht werden sollen. Insgesamt wurden 3.800 Familien mit Kindern befragt. Der Präsident der 108. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und ärztlicher Leiter der Kinder- und Jugendmedizin am UKE, Prof. Kurt Ullrich, erklärte, dass Kinder- und Jugendärzte in den Praxen und Kliniken Beschwerden wahrnehmen, die „früher nicht so häufig bei den kleinen Patienten waren.“ Welches Ausmaß das Problem wirklich annehme und worin die Ursachen dafür liegen, müsse jedoch noch genauer ergründet werden.

20 Prozent der Heranwachsenden mit Anzeichen psychischer Auffälligkeiten
Die BELLA-Studie liefert hier eine gute Basis für die wissenschaftliche Diskussion. Die Autorin der Studie, Prof. Ulrike Ravens-Sieberer von der Forschungssektion „Child Public Health“ am UKE, erklärte, die Studie belege, „dass sich bei etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen zumindest Hinweise auf psychische Auffälligkeiten“ zeigen. Der Expertin zufolge litten in den abgeschlossenen Erhebungen über fünf Prozent der Jungen und Mädchen an Depressionen, mehr als zehn Prozent an Phobien (Ängsten) und über sieben Prozent neigten zu auffälligem Sozialverhalten, wie beispielsweise einer erhöhten Gewaltbereitschaft. Rund 50 Prozent der Betroffenen blieben dauerhaft psychisch auffällig. Als mögliche Risikofaktoren für psychische Probleme seien ein niedriger sozialer Status und Migrationshintergrund bekannt, doch auch die Familiensituation spiele eine wesentliche Rolle. Das Klima, das in der Familie herrscht, könne ein bedeutender „Schutz- oder Risikofaktor sein“, erläuterte Prof. Ravens-Sieberer.

Familiensituation entscheidend für die psychische Gesundheit der Kinder
Der Professorin für Gesundheitswissenschaften, Gesundheitspsychologie und die Versorgung von Kindern und Jugendlichen zufolge, wirkt sich die Familiensituation maßgeblich auf die psychische Gesundheit der Heranwachsenden aus. Konflikte oder psychische Probleme der Eltern zeigen demnach einen direkten Einfluss auf das seelische Befinden der Kinder. Viel Unterstützung und Zuneigung sei indes ein Schutzfaktor. Nach Ansicht von Prof. Ravens-Sieberer müsste die Medizin „viel mehr bei den Familien ansetzen und diese befähigen, ihre Kinder durch schwierige Situationen zu begleiten.“

ADHS und Computer-Abhängigkeit
Besondere Aufmerksamkeit gilt bei der 108. Jahrestagung der DGKJ den sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) unter Heranwachsenden. Diese auch als Zappelphilipp-Syndrom bekannte psychische Störung betrifft der BELLA-Studie zufolge 2,9 Prozent der Jungen und 1,4 Prozent der Mädchen. Im Rahmen des Fachvortrages „Kinder sind heute anders krank – Fallbeispiel Computerabhängigkeit“ thematisierte Dr. Christian Fricke, Tagungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, auch mögliche Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von ADHS und dem exzessiven Spielen am Computer oder der Konsole. Zwar gebe es „bislang keinen direkten Beweis, dass exzessive Tätigkeit vor dem Bildschirm zu ADHS führt, wohl aber ist ein Zusammenhang zu beobachten“, erläuterte der Experte. Als exzessives Spielverhalten werde dabei verstanden, wenn Kinder mehr als 4,5 Stunden täglich vor der Konsole oder dem Computer hängen, so Fricke weiter.

Computer-Abhängigkeit als eigenständiges Krankheitsbild?
Dem Vortrag von Dr. Fricke zufolge äußert sich die Computerabhängigkeit meist durch exzessives, unkontrolliertes Spielen, einen Rückgang der übrigen Freizeitaktivitäten und zunehmende Schulprobleme. Häufig zeigen Betroffene ein schwindendes Interesse an sozialen Kontakten, ein geringes Selbstvertrauen abseits des PC oder der Konsole sowie ein starkes unwiderstehliches Verlangen nach Computerspielen bei Abstinenz. Die tatsächlichen Spielzeiten werden verleugnet und auch negative Konsequenzen in Kauf genommen, so Dr. Fricke weiter. Laut Aussage des Experten zeigen 15,8 Prozent der Jungen und 4,3 Prozent der Mädchen ein exzessives Computerspielverhalten. Drei Prozent der Jungen und 0,3 Prozent der Mädchen seien als Computer-abhängig zu bezeichnen. Die Gefahr einer Abhängigkeit bestehe bei knapp fünf Prozent der Jungen und 0,5 Prozent der Mädchen. Im Rahmen der 108. Jahrestagung der DGKJ wird angesichts der wachsenden Verbreitung des Phänomens der Computer-Abhängigkeit auch über eine Anerkennung dieser psychischen Auffälligkeit als eigenständiges Krankheitsbild diskutiert. (fp)