Jugendliche leiden an permanentem Schlafmangel

Fabian Peters

Schlafmangel gefährdet die Gesundheit der Jugendlichen

12.10.2012

Schüler und Auszubildende schlafen deutlich zu wenig. Junge Menschen in Deutschland „leiden unter permanentem Schlafmangel, was sich ungünstig auf ihre Gesundheit, ihr Wohlbefinden und ihre Leistungsfähigkeit auswirkt, so das Ergebnis einer aktuellen Studie von Schlaf- und Gesundheitsforschern.

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In ihrer Untersuchung fanden die Wissenschaftler um Professor Dr. Ulrich Koehler vom Fachbereich Pneumologie an der Philipps-Universität Marburg und Dr. Manfred Betz vom Dillenburger Institut für Gesundheitsförderung und -forschung heraus, dass die Heranwachsenden unter der Woche im Schnitt weniger als die empfohlenen sieben Stunden pro Tag schlafen. Die Folge sei permanenter Schlafmangel, den die Jugendlichen vergeblich versuchen durch langes Schlafen am Wochenende auszugleichen. Für den Organismus hat das anhaltende Schlafdefizit weitreichende negative Konsequenzen, die von psychischen Problemen bis hin zu körperlichen Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden reichen können.

Heranwachsende schlafen unter der Woche deutlich zu wenig
Die Wissenschaftler hatten im Rahmen der Deutschen Azubi-Gesundheitsstudie (DAGS) rund „8.850 Auszubildende und Schüler aus Dillenburg, Wetzlar, Korbach, Marburg, Gießen, Fulda, Frankfurt und Wiesbaden hinsichtlich ihrer Schlafgewohnheiten und ihres Gesundheitszustandes untersucht“, so die Mitteilung der Philipps-Universität Marburg. Die Forscher um Prof. Dr. Koehler und Dr. Betz fanden heraus, dass die Jugendlichen unter der Woche im Schnitt weniger als sieben Stunden täglich schlafen. Rund zwanzig Prozent der Studienteilnehmer schliefen sogar weniger als sechs Stunden pro Nacht, berichten die Experten. Am Wochenende liege das Schlafpensum indes deutlich höher. Hier komme jeder zweite Schüler und Auszubildende auf durchschnittlich neun Stunden Schlaf täglich.

Früher Schul- und Arbeitsbeginn als Ursache des Schlafdefizits?
Die Jugendlichen schlafen „deutlich weniger als ältere Erwachsene, obwohl sie in ihrer Lebensphase eigentlich mehr Schlaf benötigen“, erklärte Prof. Koehler, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM). Laut Aussage des Experten haben Menschen in jungen Jahren einen anderen Tagesrhythmus. Sie seien abends lange aktiv und würden dafür morgens normalerweise bis mindestens acht oder neun Uhr schlafen. Ausschlafen ist aufgrund des frühen Arbeits- beziehungsweise Schulbeginns jedoch in der Regel nicht möglich, so dass die Heranwachsenden ein permanentes Schlafdefizit aufbauen. Dieses versuchen sie durch sehr spätes Aufstehen am Wochenende auszugleichen.

Schlafmangel gefährdet die Gesundheit der Jugendlichen
Laut Dr. Betz vom Dillenburger Institut für Gesundheitsförderung und -forschung hat die aktuelle Studie gezeigt, dass „knapp zwei Drittel der Jugendlichen sich tagsüber nicht ausgeruht und leistungsfähig“ fühlen. Aufgrund des anhaltenden Schlafdefizits leiden sie „zudem verstärkt an gesundheitlichen Problemen wie psychischen Beschwerden, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden.“, berichtet Dr. Betz. Die Folge sei ein häufigeres Fehlen am Arbeitsplatz oder in der Schule.Darüber hinaus werde durch die starke Tagesmüdigkeit auch die Unfallgefährdung, insbesondere im Straßenverkehr deutlich erhöht, so der Gesundheitsforscher bei Vorstellung der Studienergebnisse auf dem nationalen Präventionskongress in Dresden Ende September.

Ein Fünftel der Jugendlichen leidet an Schlafstörungen
„Qualitativer guter und quantitativ ausreichender Schlaf gilt als eine der wichtigsten Ressourcen für die Gesundheit, gerade für Heranwachsende“, betonte Prof. Koehler in einer aktuellen Pressmitteilung des Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Unangenehm überrascht habe es die Forscher daher, dass im Rahmen der Studie „jeder Fünfte angab, in den vergangenen zwölf Monaten unter Schlafstörungen gelitten zu haben“ und lediglich ein Zehntel der Betroffenen deswegen in Behandlung war. Die Experten sehen hier großen Aufklärungsbedarf, da in herkömmlichen Gesundheitsfördermaßnahmen das Thema Schlaf bislang nicht berücksichtigt werde. Dr. Betz erklärte, es bestehe nun Hoffnung, „dass sich das aufgrund unserer Studienergebnisse ändern wird.“

Schwerwiegende gesundheitliche Folgen des Schlafmangels
Schlafmangel äußert sich nicht nur in chronischer Müdigkeit, sondern wurde in zahlreichen früheren Studien bereits mit erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen in Verbindung gebracht. So haben zum Beispiel Wissenschaftler vom Brigham and Women’s Hospital in Boston (USA) Anfang des Jahres Hinweise für ein erhöhtes Diabetes-Risiko bei Schlafmangel entdeckt. Forscher der britischen Warwick Medical School veröffentlichten bereits im vergangenen Jahr eine umfassende Langzeitstudie, die zahlreiche Gesundheitsrisiken durch Schlafmangel, wie beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle, Herzinfarkte und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestätigte. Dass die Heranwachsenden anhaltend unter Schlafmangel leiden, ist daher äußerst kritisch zu bewerten. Tatsächlich sollte aufgrund des natürlichen Biorhythmus der Jugendlichen möglicherweise über einen späteren Schul- beziehungsweise Arbeitsbeginn nachgedacht werde. (fp)

Bild: Benjamin Thorn, Pixelio.de